Brüssel feiert heuer das Jahr der Hopfenkaltschale. Wir feiern mit.
Genug flaniert. Unsere Taschen sind prall gefüllt mit sündteurer Schokolade, Waffeln und Feingebäck. Die kulinarischen Banausen hingegen haben sich mit Mode eingedeckt und sind völlig von der Rolle, dass man in Brüssel ebenso gut einkaufen kann wie in London oder Paris.
Auf dem Grote Markt stellen wir die Einkaufssackerln ab. Zeit zu rasten und sich mal umzuschauen, die Fassaden der alten Zunfthäuser zu bestaunen. Und mitten in der Metropole der Europäischen Union zu erraten, welches ehrbare Handwerk in welchem Haus beheimatet war. Was diese hornförmige Fassade da drüben symbolisiert. Ein Schiffsheck aus dem 17. Jahrhundert? Ah ja, das Zunfthaus der Seeleute.
Der Reiseleiter mit dem, eh klar, rotblondem Schnurrbart macht die Touristen, von denen sich einige schon dem Bier hingeben, auf das Rathaus aufmerksam. "Fällt Ihnen etwas auf?" Auf den ersten Blick null, auf den zweiten, längeren, wirkt der Bau unsymmetrisch. Was aber nicht am starken belgischen Bier liegt. Grund ist vielmehr, dass der linke Flügel im 13. und der rechte im 15. Jahrhundert erbaut wurde.
Genauer hinschauen lohnt sich in Brüssel, sich so viel Zeit zu nehmen, bis man sich eine Stadt vorstellen kann, in der nicht EU-Beamte, sondern Handwerker dominierten. So heißt das Zunfthaus der Bäcker "Königshaus", obwohl dort nie ein König residierte. Heute ist es das Brüsseler Stadtmuseum. Das Gemälde "Hochzeitszug" von Peter Breughel dem Älteren hängt darin. Und zahlreiche mehr oder weniger wertvolle Darstellungen, die die Geschichte der Hauptstadt Europas illustrieren.
Zum 175. Geburtstag Belgiens präsentiert sich die alte Stadt der Zünfte auch als Welthauptstadt der Avantgardemode und als Geburtsstadt des Comics: Nicht nur Tim und Struppi sind Belgier, auch Lucky Luke ist einer. Ihre Konterfeis prangen an den Wänden des Comic-Museums im ehemaligen Kaufhaus Waucquez und an den Feuermauern mancher Häuser.
Gent, Brügge und Antwerpen sind die Favoriten der Touristen in Belgien. Aber in Brüssel kann man genauso auf gepflasterten Gassen flanieren wie in Brügge, genauso stundenlang in Korbsesseln am Straßenrand sitzen und Kaffee trinken wie in Paris. Und mindestens so gut essen wie in der Provence. Typisch Brüsseler Spezialitäten sind Moules frites, Miesmuscheln mit Pommes frites.
Und wer mit Brüssel nur Fish'n Chips assoziiert, liegt in mehrerlei Hinsicht falsch: Brüsseler Pommes frites schmecken noch wie Erdäpfel, sind doppelt gebraten und daher doppelt knusprig. Und die Muscheln haben Kultur und Tradition: Im Naturwissenschaftlichen Museum in Brüssel widmet sich sogar eine ganze Ausstellung dem köstlichen Meerestier (bis 30. Juni 2006). Man erfährt nicht nur alles über Miesmuschelzucht, sondern wird auch mit Kostproben verwöhnt.
Muscheln sind auch die Stars in den Gasthäusern und Restaurants an allen Straßenecken. Ein Reiseführer rühmt Brüssel als Stadt "mit den meisten Restaurants pro Quadratmeter". Könnte stimmen. Wer keine Muscheln mag, bestellt eben "Lapin la gueuze" (Kaninchen in Biersoße) oder "Waterzooi" (leichte Rahmsuppe mit Hühnerfleisch).
Und Bier natürlich. In Belgien, sagt man, habe es einmal mehr Brauereien als Kirchen gegeben. Wer Bier mag, hat gleich noch einen Grund, heuer nach Brüssel zu fahren: Das Jahr 2005 wurde in Brüssel und der Wallonie zum "Jahr des Bieres" ausgerufen.
Es muss ja nicht unbedingt das kirschrote Krik sein.