Nordirland. In Belfast kämpfen allenfalls Touristen: um Touren mit Taxis.
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here will be no peace in Ireland, until the Catholic Church is crushed", heißt es in riesigen, grellbunten Buchstaben auf einer Hauswand in der Shankill Road. Der Satz stammt von Oliver Cromwell, der im 17. Jahrhundert nicht nur die Monarchie in England vorübergehend abgeschafft, sondern auch einen irischen Aufstand niedergeschlagen hatte.
Auch die Schlacht am Fluss Boyne im Jahr 1690 ist künstlerisch verewigt. Damals hatte Englands protestantischer König Wilhelm III. von Oranien seinen katholischen Gegner Jakob II. vernichtend geschlagen. Auf einer Hauswand gegenüber zielt ein übergroßer vermummter "Freiheitskämpfer" mit einem Gewehr auf die Betrachter. Mündungen, Gewehrläufe und vermummte Kämpfer auf Fassaden und Feuermauern verfolgen den Besucher, wohin immer er kommt, Kinder spielen davor, Graffiti mit Parolen und Aufrufen liefern die Texte.
Die Belfaster wissen, dass man mit ihrer Stadt eher Straßenkämpfe assoziiert als Pubs und Museen - auch noch sieben Jahre nach dem Friedensschluss zwischen Katholiken und Protestanten und einem Jahr nach der Entwaffnung der IRA. Daher bietet die Stadt den Touristen "Original Belfast Black Taxi Tours" an: Ein Chauffeur mit Insiderwissen führt durch die früher umkämpften Viertel.
Die Wandmalereien in der Shankill Road, dem Protestantenviertel, und der Falls Road, dem Katholikenviertel, werden immer wieder erneuert. Bei den Protestanten werben die "Ulster Young Militants" noch immer um Mitglieder. Die meisten der rekrutierten Jugendlichen kennen keine Katholiken persönlich. 95 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Belfast besuchen Schulen, die klar einer Konfession zuzuordnen sind. Dabei geht es gar nicht allein um Religion. Die Katholiken wollen ein vereintes Irland, die Protestanten wollen weiter bei Großbritannien bleiben.
Noch sind die Protestanten die Mehrheit. "Aber das wird sich bald ändern", meint unser Taxifahrer. "Die katholische Kirche redet den Frauen ein, dass sie mehr Kinder bekommen sollen." Wenn die Katholiken überhand nehmen, werde Nordirland zur Republik Irland kommen, ist er überzeugt. "Wirklichen Frieden wird es dann aber auch nicht geben."
Wir fahren in die Falls Road, ins Katholikenviertel. Man kann heute zwar ungehindert passieren, doch noch immer trennt eine Mauer die beiden Viertel. Die Häuser direkt an der Grenze sind zusätzlich durch mehrfache Drahtzäune zur Mauer hin gesichert - damit keine Brandsätze über die Mauer fliegen.
An den Hausmauern in den Seitengassen gedenkt die IRA großflächig ihrer Helden. 1981 kamen zehn Terrorverdächtige bei einem Hungerstreik ums Leben. Einer davon: der Dichter Bobby Sands. Sein Konterfei prangt übergroß auf einer Hauswand, darunter eines seiner Gedichte, in dem es um die Freiheit geht, die durch nichts eingeschränkt werden kann. Die Darstellungen von Bobby Sands und den anderen Hungerstreikenden sind "Heiligenbilder" nach Nazarener-Art, nur dass die Heiligen lachen und Frisuren im Stil der Siebziger tragen.
In der Falls Road hat auch die irische Partei Sinn Fein ihren Sitz und wirbt offen um Mitglieder. Bei einer Gedenkstätte sind die Namen der zivilen Opfer auf katholischer Seite verewigt. Auch vierjährige Kinder sind dabei. Der Taxifahrer zieht ein Gummigeschoss aus seiner Tasche und reicht es herum. Die Geschosse, die von der Polizei eingesetzt wurden, sollten nicht letal wirken. Waren es aber manchmal doch, erzählt er.
Er lässt uns raten, auf welcher Seite er steht. Wir tippen aufs Falsche, tatsächlich ist er Protestant. Auch er würde seine Kinder nie auf eine gemischte Schule schicken. "Was glauben Sie, wie viele Leute hier noch Mitglieder einer paramilitärischen Einheit sind?", fragt er und lächelt milde über unsere zu niedrigen Schätzungen. "Hunderttausend", behauptet er, "auf jeder Seite!"
In den Pubs haben Gäste mit Fußball-Devotionalien keinen Zutritt. Wer sich mit einem Schal oder einer Kappe zu Celtic Glasgow bekennt - einer schottischen Mannschaft, 1888 gegründet, um arme irische Einwanderer in Glasgow zu unterstützen - oder zum Erzrivalen, den Rangers, outet auch seine Konfession und politische Einstellung. Bester Stoff für Konflikte aller Art. Also trinken die Belfaster ihr Bier lieber in Zivil.
Wer spätabends ein Belfaster Pub aufsucht, kann übrigens das Vorurteil, dass die Iren gerne eins über den Durst trinken, bestätigen. Obacht bitte beim Verlassen des Pubs: Die Autos kommen auf der falschen Straßenseite daher! Lassen aber schwankenden Heimkehrern eh den Vortritt ...
Tagsüber kann man das Linen Museum in Lisburn außerhalb von Belfast besuchen. Man erfährt alles über den langen und hindernisreichen Weg von der Flachspflanze bis hin zum Textil. Man kann sich auch selbst im Spinnen versuchen und sein Erzeugnis, einen langen, etwas unregelmäßigen Faden, mit nach Hause nehmen. Bis zur katholischen irischen Hauptstadt Dublin braucht man von Belfast aus mit dem Auto übrigens nur zweieinhalb Stunden.
Wen Geschichte und Landschaft interessieren, der sollte unbedingt die romantische Küstenstraße südwärts nach Downpatrick fahren, durch Berge, grüne Hügel und Küstenorte in pittoresken Buchten. In Downpatrick, der Hauptstadt der Grafschaft Down, liegt der irische Nationalheilige Patrick begraben. St. Patrick, ein Engländer aus dem römischen Britannien des 5. Jahrhunderts, war nach Irland verschleppt und als Sklave verkauft worden. Sechs Jahre lange hütete Patrick, Sohn eines Steuereintreibers und Christen natürlich, auf Irland die Schweine, dann glückte die Flucht zurück nach England.
Im Traum bat ihn das irische Volk, zurückzukommen und das Christentum mitzubringen, erzählt die Legende. Das tat der brave Patrick denn auch - von Downpatrick aus. Die Kathedrale neben seinem Grab ist heute allerdings eine anglikanische. Die anglikanischen Christen verehren keine Heiligen.
Bevor Irland christianisiert wurde, war die Insel keltisch. Hunderte Dolme - Megalithbauten aus einer großen flachen Steinplatte auf mehreren kleineren Steine, meist Gräber - zeugen noch davon. Aus dem Frühmittelalter stammen halb verfallene Türme ohne Stiegen und Treppen: Die Mönche durften sich zu ihrem Ärger nicht verteidigen, wenn die Wikinger angriffen. Also retteten sie sich und die goldenen Messkelche über Leitern von Stockwerk zu Stockwerk - inklusive nachgezogener Leiter natürlich.
Zwischen den Mourne Mountains und dem Meer liegt Newcastle. Der lange Sandstrand bietet sich für Spaziergänge und Muschelsammler an, weniger zum Baden: Der Nordatlantik hat meist um die 14 Grad. So richtig kalt wird es zwar auch im Winter nie, im Sommer aber auch nicht wirklich heiß ...