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Israel rührt die Kriegstrommel gegen Iran

In Jerusalem diskutieren Experten und Abgeordnete offen Luftangriffe auf iranische Atomanlagen.

Jerusalem.Je deutlicher wird, dass internationale Sanktionen das iranische Atomforschungsprogramm nicht aufhalten können, desto lauter werden in Israel die Kriegstrommeln geschlagen. „Kann das Atom-Projekt durch einen Militärschlag gestoppt werden?“, fragt Yuval Steinitz (Likud), Vorsitzender des parlamentarischen Sicherheitsausschusses in Jerusalem, und beantwortet die Frage gleich selbst mit „Ja“.

Premierminister Ehud Olmert drängt auf eine Intensivierung der diplomatischen Anstrengungen, in der Hoffnung, dass sie doch noch fruchten mögen. „Wir suchen nicht den Krieg“, sagte Olmert in einem Interview mit einem amerikanischen Fernsehsender vor wenigen Wochen, betonte jedoch gleichzeitig, dass sich Israel „alle Optionen“ offenhält, sollten die Sanktionen ergebnislos bleiben. US-Vizepräsident Dick Cheney äußerte sich diese Woche im gleichen Wortlaut.

Die in Expertenkreisen immer wieder vertretene Meinung, dass die iranische Bedrohung nicht akut sei und es auch dann noch Raum für Verhandlungen gebe, wenn der Iran bereits zur Atommacht geworden ist, wird in Israel nicht geteilt. Dr. Efraim Kam, Direktor des Instituts für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv, hält eine Militäroperation für notwendig, noch bevor der Iran im Besitz der ersten Atombombe ist – oder besser noch: „bevor der Iran ausreichend spaltbares Material produziert, um eine Bombe herzustellen“. Die Annahme ist, dass Teheran, sollte die Urananreicherung ungehindert fortgesetzt werden, bis spätestens zum Ende des Jahrzehnts soweit ist.

Ex-Generalstabschef Mosche Yaalon hat Anfang 2006 von „zusätzlichen Möglichkeiten eines Angriffs“ als aus der Luft gesprochen, doch in Israel wird einzig ein Luftangriff diskutiert. Dafür gäbe es auch einen historischen Präzedenzfall: 1981 bombardierten israelische Piloten den irakischen Atomreaktor in Osirak, bevor dieser in Betrieb gehen konnte. Schwieriger macht einen Luftangriff auf die iranischen Atomanlagen, dass sie von Israel deutlich weiter entfernt liegen als Osirak.


Iranische Anlagen gut geschützt

Die iranischen Atomanlagen liegen zum Teil tief unter dem Erdboden. Israel ist allerdings seit Sommer vergangenen Jahres im Besitz von bunkerbrechenden Bomben, die angeblich bis zu 40 Meter tief in den Boden eindringen und bis zu sieben Meter dicke Betondecken knacken können.

Die USA lieferten 100 der sogenannten Bunkerbrecher, um – wie israelische Journalisten damals vermuteten – einen Angriff auf das Versteck des libanesischen Hisbollah Chefs Hassan Nasrallah zu ermöglichen. Die israelisch-amerikanische Einigung über die Bombenlieferung war allerdings schon gut ein Jahr vor dem Libanonfeldzug im Sommer 2006 getroffen worden.

Anders als beim Angriff auf Osirak ist zudem, dass es in Iran viele Forschungsanlagen gibt, die noch dazu geografisch weit verstreut sind. Damit ist eine komplette Zerstörung praktisch ausgeschlossen. Ziel Israels kann daher vorerst nur sein, die Entwicklung zurückzuwerfen. Dazu reichte, nach Ansicht des Sicherheitsexperten Kam, „der Angriff auf drei bis vier Anlagen“, in denen Uranium angereichert wird, aus. Um Iran langfristig von der Atomforschung abzubringen, würden hingegen „Jahre der wiederholten Angriffe auf iranische Atomanlagen“ nötig sein.

Auch wenn der Direktor Kam einen israelischen Alleingang nicht ausschließt, ist wahrscheinlich, dass sich die Regierung in Jerusalem um internationale Rückendeckung bemüht. Eine offene Kooperation mit den USA würde die im Irak stationierten amerikanischen Truppen der Gefahr iranischer Vergeltungsschläge aussetzen. Die Schlagkraft iranischer Raketenangriffe auf Israel hält Kam dagegen für begrenzt. Israel hat zudem jüngst erfolgreiche Tests mit dem „Arrow“-Raketenabwehrsystem unternommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2007)