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Deflation: „Das absolute Horrorszenario“

Deflation
Deflation(c) Erwin Wodicka - Wodicka@bilderbo
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Die Deflation ist eine große Gefahr – das stimmt. Aber gerade deswegen braucht man sie eher nicht zu fürchten. Denn Deflation wäre für Staaten und (Noten-)Banken ein Horrorszenario.

Wien. Die Lage der Weltwirtschaft zu Beginn des Jahres 2014: Nur sechs Jahre nach der „größten Krise“ seit den 1930er-Jahren scheint das Schlimmste vorbei. Die Notenbanken haben durch eine geschichtlich einzigartige Geldschwemme einen deflationären Kollaps verhindert – und auch die von vielen prophezeite sehr hohe Inflation ist bisher ausgeblieben.

Die Aktienmärkte sind weiter auf Rekordjagd, Staaten dürfen sich über niedrige Anleihenzinsen freuen, und die „Krisenwährung“ Gold– der natürliche Gegenspieler staatlicher Papierwährungen – hat im Wert zuletzt deutlich eingebüßt. Es sieht so aus, als könne die Weltwirtschaft bald wieder zur Normalität zurückkehren. Aber dieser Schein trügt. „Die natürliche Bereinigung des Marktes in dieser Krise wäre extrem deflationär“, sagt Ronald Stöferle, Partner bei der Investmentgesellschaft Incrementum. Der ehemalige Goldexperte der Erste Group hat gemeinsam mit seinem Kollegen Mark Valek ein 50-seitiges Chartbook unter dem Titel „Monetäre Tektonik“, das vor allem zwei Dinge illustrieren soll, veröffentlicht.

 

Druck baut sich auf

Erstens: dass Inflation und Deflation nicht zwei alternative Wege darstellen, sondern voneinander abhängig sind und auch gleichzeitig stattfinden können.

Stöferle und Valek beschreiben den Kampf von de- und inflationären Kräften im Markt „wie tektonische Platten, die so lange Druck aufbauen, bis dieser mit Gewalt entweicht“. Und das führt zur zweiten Aussage des Papiers: Wenn der Druck entweicht, dann eher in Form einer hohen Inflation.

Warum? Weil es für unser heutiges System das geringere Übel wäre. Aus der Sicht von Banken und Staaten versteht sich – die breite Bevölkerung ist eher von einer schleichenden, aber umfassenden Enteignung bedroht. Inflation (also die Ausweitung der Geldmenge, Teuerung ist eine Folge) ist nämlich eine der mächtigsten Umverteilungsmaschinen von unten nach oben überhaupt. „Die Reichen wissen schon, dass Papierwerte nicht unbedingt eine rosige Zukunft haben. Sie investieren in Hard Assets. In Immobilien, Kunst und Edelmetalle.“

Das führe zu einer „Asset-Inflation“ – also zu steigenden Preisen bei Vermögenswerten. Man müsse deswegen In- und Deflation exakt definieren, so Stöferle. Denn die Asset-Inflation und die monetäre Deflation würden im Moment gleichzeitig stattfinden. „Banken haben die Fähigkeit, durch Kreditvergabe Geld zu schöpfen, und wenn diese Kreditmenge nicht mehr ausgedehnt, sondern zurückgeführt wird, findet monetäre Deflation statt.“

Und weil Banken die Kreditvergabe immer stärker drosseln – egal, wie viel Geld die Zentralbanken ihnen praktisch gratis nachwerfen –, sei Deflation eine reale Gefahr, die aber um jeden Preis bekämpft werden wird. Deswegen würden die Zentralbanken alles daransetzen, die monetäre Deflation durch den Kreditabbau der Banken durch monetäre Inflation (sprich Gelddrucken) zu verhindern (siehe Grafik).

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DeflationDie Presse

„Die klassische Inflation haben wir ja schon gesehen. Das war das schuldenfinanzierte Wachstum in den letzten 42 Jahren. Aber Deflation ist jetzt für die überschuldeten Staaten und Konsumenten das absolute Horrorszenario.“ Denn wenn die Geldmenge schrumpft und in der Folge die Preise fallen, heißt das nichts anderes, als dass Geld mehr wert wird und Schulden schwieriger zurückzuzahlen sind. Und nie gab es mehr Schulden als heute.

 

In Inflation umschlagen

„Derzeit sehen wir Disinflation. Also fallende Inflationsraten. Bei echter Deflation würden die Märkte kollabieren. Und zwar sehr schnell. Das soll aber unbedingt verhindert werden. Die US-Zentralbank Federal Reserve hat das immer wieder klargestellt“, sagt Mark Valek.

Deswegen gehen die Analysten davon aus, dass eine etwaige deflationäre Bedrohung extrem schnell in eine möglicherweise sehr hohe Inflation umschlagen kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2014)