Der Regisseur singt, der Maler malt nur zum Vergnügen, der Modedesigner macht Frauen schöner, Alla serviert Palatschinken, Tee und Wodka und die Restauratoren des Bernsteinzimmers fertigen Bernsteinschmuck an – Begegnungen mit St. Petersburgern im Venedig des Nordens.
Ich beneide mich meist selbst, dass ich in Sankt Petersburg lebe“, begrüßt Reiseleiterin Irina Netschajewa ihre Gäste. „Meine Heimatstadt ist Russlands Fenster nach Europa, wie Puschkin schon sagte. Schauen wir gemeinsam durch das Fenster.“ Die zierliche Frau hat Germanistik studiert und schon während des Studiums erste Reisegruppen durch Sankt Petersburg geführt, oder, wie es damals noch hieß, Leningrad. Neben den zahllosen Sehenswürdigkeiten, den Residenzen der Zaren, den schönen Hausfassaden am Newski-Prospekt, den Museen und Brücken über die zahlreichen Kanäle – versucht sie, mit Humor auch Einblick in das kontrastreiche Leben der Russen zu vermitteln.
Im eleganten Hotel Ambassador finden regelmäßig Clubtreffen für an Kultur interessierte Petersburger statt. Als Gast begegnet man Künstlern, die über ihre Arbeit berichten, so auch der Filmregisseur und Drehbuchautor Viktor Mereshko. Er möchte einfach mit Viktor angesprochen werden. „Ich bin sehr dankbar für die Wiederbelebung alter russischer Traditionen. Schon früher gab es Salons, in denen über Kunst und Poesie vor ausgewählten Leuten gesprochen wurde.“
Der Regisseur
Der 1937 in einem kleinen Ort bei Rostow im Schwarzmeergebiet geborene Viktor ist Drehbuchautor von 63 Filmen, darunter 14 Trickfilmen. Außerdem war er zehn Jahre Moderator beim Fernsehen. Er berichtet von seiner bäuerlichen Herkunft, dem Studium in Moskau, von seiner Arbeit, seiner Familie und seinen Plänen. Ein wenig heiser gibt er ein gefühlvolles russisches Lied zum Besten und animiert auch einige der anwesenden Schauspieler zum Singen. Der Abend endet mit einem prächtigen Buffet, bei dem Kontakt zu Einheimischen möglich ist, falls es die Sprachbarriere erlaubt.
„Meine Liebe gilt dem Erart-Museum“, sagt Irina, wohin sie ihre Reisegruppe nach der Stadtrundfahrt begleitet. Das große Gebäude in Stalin-Architektur beherbergt seit 2010 auf fünf Etagen über 2000 Gemälde, Fotografien, Skulpturen und Installationen, von der Nachkriegskunst bis in die Gegenwart. Die Witwe eines reichen Mannes finanzierte dieses größte private Museum in Russland.
Der Maler
Ein Restaurant und ein Museumsshop gehören auch dazu. Der 1953 geborene Maler Alexander Kosenkov aus Sibirien erklärt vor drei seiner farbenfrohen Bilder: „Ich male nicht, um zu verkaufen. Malen ist reines Vergnügen.“ In diesem Museum ist ständig Leben, Brautpaare lassen sich darin fotografieren, Konzerte, Lesungen, Partys und Tanzvorführungen finden statt. Wichtig ist allen die Begegnung. Und die ist hier bis weit in die Abendstunden möglich.
Am südöstlichsten Ende des Newski-Prospektes, vor dem Alexander-Newski-Kloster, das 2013 sein 300-jähriges Bestehen feierte, empfängt Vater Antoni die Besucher. „Das Schicksal des Landes beeinflusste auch das Schicksal des Klosters“, sagt er. „Schon 1918 wurde versucht, das Kloster zu enteignen. Doch Tausende von Gläubigen verhinderten es.“ Aber ab 1936 war das Klosterleben beendet – bis 1995. Derzeit leben 43 Mönche und Novizen hier, Nachwuchssorgen hat man keine. Allerdings haben die Mönche die nach der Revolution beschlagnahmten Besitztümer nicht mehr zurückerhalten und sind auf Spenden und Verkauf angewiesen.
Vater Antoni führt seine Gäste in die Werkstatt der Ikonenmalerin Tatjana Morgunova, einer von acht Malern, die sich um die Restaurierung alter Ikonen kümmern. Tatjana ist seit zwölf Jahren dabei. Eine Ikone gelte nicht als Meisterwerk, denn es gebe seit 1000 Jahren genaue Vorschriften, wie Gott oder ein Heiliger dargestellt werden muss. „Unsere Kirche ist konservativ, aber ich sehe das positiv“, sagt Tatjana und erklärt genau die Herstellung einer Ikone bis zum Auftragen des obligatorischen Blattgoldes. In ihrer Freizeit malt sie normale Bilder. Ihre Mutter ist Ingenieurin, der Vater Schmied, der beim Winterpalais die Gitter angefertigt hat. Als Bub hatten ihn die Nazis nach Lübeck verkauft. Trotzdem würde er immer betonen: „Die Deutschen sind ein ordentliches Volk.“ Er hatte es gut getroffen und sollte auch dort bleiben. Doch das Heimweh zog ihn 1947 zurück nach St. Petersburg. Vater Antoni zeigt auch die Schneiderwerkstatt, in der die Kleidung der Mönche entsteht. Zehn Personen sind dort beschäftigt. Ein Designer entwirft eigene Stoffmuster, die in keinem anderen Kloster zu finden sind. Sieben Farben sind für die einzelnen Feste von Bedeutung.
Der Modedesigner
Ein erfolgreicher Designer für weltliche Kleidung ist Ianis Chamalidy. Sein nobles Geschäft befindet sich in einer kleinen Seitenstraße des Bolschoi-Prospekts, einer der eleganten Einkaufsstraßen. „Untergang des Mannes“, nennt Irina die Läden dort. Ianis studierte an der Fachhochschule für Malerei und Design, die in dem einstigen Palais des deutsch-jüdischen Barons Alexander von Stieglitz, Bankier des Zaren und Kaufmann, untergebracht ist. Schon mit 17 brachte er seine erste Kollektion heraus. Wegen seiner Begabung konnte er weiter an der Akademie der Künste studieren, in einem der ersten klassizistischen Gebäude von St. Petersburg. Danach arbeitete Chamilidy eine Zeit lang in Paris bei Yves Saint Laurent in der Kosmetik-Abteilung. Sein eigenes Modehaus eröffnete er 1990. „Keiner hat in mich investiert. Alles habe ich selbst verdient“, betont der smarte junge Mann.
Angefangen hat er mit Hochzeitsoutfits für die Reichen. Sein zweites Standbein war Prêt-à-porter. „Meine Mode ist nicht leichtsinnig. Es steckt immer ein Gedanke dahinter.“ Ihn inspirierten die Petersburger Architektur und ihre Farben. „Ich möchte nicht die Welt erobern, sondern dabei helfen, dass unsere Frauen schön sind“, denn er liebe alle Frauen. Historismus, Futurismus, Minimalismus sind in seiner Mode ineinander verflochten. Bei der regelmäßig in dem eleganten Gebäude der Kunstakademie stattfindenden Aurora Fashion Week ist er immer mit seiner Frühjahrs-, Sommer- und Herbst/Winter-Kollektion als Stardesigner vertreten. Kurz vor Beginn seiner Show nimmt er sich noch Zeit, seinen Besuchern hinter den Kulissen einige seiner Entwürfe zu zeigen. Darunter eine helle Jacke mit einem großen dreieckigen Einsatz altmodischer Spitze auf dem Rücken. Eine mit Goldfäden durchwirkte Jacke zieht Ianis zur Hälfte über. Man solle sie sich im Glanz der hellen Petersburger Juninächte an einer schönen Frau vorstellen. Dazu futuristische Sandalen, die an die Flügel von Hermes erinnern. Chamalidy arbeitet viel mit italienischen Crash-Stoffen. Solch ein Kleidungsstück lasse sich im Flugzeug unter dem Kopf zusammenrollen und büße nichts von seiner Form ein. Schaut man allerdings in seiner Flagman-Boutique nach dem Preis eines schlichten schwarzen Crash-Jäckchens, so wären umgerechnet an die 4000 Euro lockerzumachen.
Die Hausfrau
Von solch edlen Klamotten kann Alla Skobeleva nur träumen. Sie wohnt weit draußen im Stadtteil Kuptschino, aber trotzdem günstig mit der Meschdunarodnaja-U-Bahn zu erreichen. Ihrem Wohnblock gegenüber liegt die Schule, die Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew einst besuchte. Alla lädt von Zeit zu Zeit ausländische Touristen zu einem typisch russischen Teenachmittag ein. Da werden im schmalen Wohnzimmer Stühle um den Esstisch gequetscht – Wohnraum ist für viele Petersburger sehr eingeschränkt. Ungewöhnlich, was zur Kaffee- oder Teestunde alles auf den Tisch kommt: eingelegte Gurken und Sauerkraut, Speck, Preiselbeeren und Gebäckkringel. Dazu bäckt Alla in der kleinen Küche Blinis, kleine Palatschinken, die mit saurem Rahm und selbst eingekochter Preiselbeermarmelade bestrichen und zusammengerollt werden. Der Tee ist Nebensache, nicht aber das Gläschen Wodka. Mutter Gala, die das Zimmer von Allas Sohn, einem Seemann, bewohnt, nimmt regen Anteil. Zum Glück war sie als Kind zur Zeit der Hungerblockade ihrer Heimatstadt im Zweiten Weltkrieg in Sibirien. 800.000 Menschen kamen in diesen drei Jahren ums Leben.
In Russland ist der Familienzusammenhalt notgedrungen eng. Es gibt kaum eine Mittelschicht, entweder ist man sehr reich oder arm. Die Löhne und Renten sind erbärmlich niedrig. Alla arbeitet als Notfallhelferin, darf selbst diagnostizieren und als Stellvertreterin der Ärzte Rezepte ausstellen. Mit 55 Jahren kann sie in Pension gehen, aber nicht davon leben. Dann will sie Immobilien makeln, was sie jetzt schon sporadisch tut – in Finnland, wo sich reiche Russen gern eine Datscha zulegen. Wer es sich nur irgendwie leisten kann, hat so eine „Sommerresidenz“, wenn auch nicht so großartige wie einst der Adel Russlands. Es sind meist kleine Holzhäuser mit Gemüsegarten. Da die Kinder drei Monate Sommerferien haben, verbringen sie die zum Teil mit den Großeltern auf dem Land.
Die Restauratoren
Die 30 Kilometer von Sankt Petersburg entfernte Datscha von Zarin Katharina der Großen in Zarskoe Selo (Zarendorf) oder Puschkin, wie der Ort heute heißt, ist ausgesprochen protzig. Seitdem darin eine Kopie des verschwundenen Bernsteinzimmers eröffnet wurde, reißt die Besucherschlangen nicht mehr ab. Einen Besuch wert ist auch die Bernstein-Werkstatt, in der in 20-jähriger Kleinarbeit 30 Restauratoren aus fünf Millionen Bernsteinstücken nach Schwarz-Weiß-Fotografien die Rekonstruktion angefertigt haben. Heute erzeugen hier 100 Personen mithilfe von Lupe und Bohrern, ähnlich denen der Zahnärzte, kleinteilige Schmuckstücke. Auch ein größeres Bildnis des heiligen Wladimir ist in Arbeit. Es soll ein Geschenk werden. Lächelnd fragt Irina: „Raten Sie einmal für welchen Wladimir?“
SCHLAFEN, ESSEN, SCHAUEN, SHOPPEN – ST. PETERSBURG GENIESSEN
Pauschal u. a. mit Dertour (große Auswahl an Hotels und tagesaktuellen Flügen), Ruefa, TUI.
Die Kosten der Reise trug Gebeco
www.gebeco.de.
St. Petersburger kennenlernen mit Comintour, Travel Company
Incoming Tour Operator to Russia
Mokhovaya Str. 23, 191028 St. Petersburg. comintour.com
Einreise: nur mit Visum, beim Antrag Nachweis einer Auslandskrankenversicherung
Übernachten:
Hotel Petropalace
14, Malaya Morskaya Str., 190000 St. Petersburg
booking@petropalacehotel.com
Nähe Isaak-Kathedrale (200 m), Eremitage (400 m)
Hotel Ambassador
5–7 Rimsky-Korsakov-Avenue, 190068 St. Petersburg
info@amabassador-hotel.ru
Liegt im Zentrum und veranstaltet Themenabende mit Künstlern der Stadt
Essen und Trinken:
Podworije
Filtrowskoje Schosse 16 an der Strecke nach Puschkin
Köstlichkeiten der russischen Küche: Piroggen, Blini oder Boscht
Idiot
Nab. Reki Mojka 82
Metro Sadowaja
Tel: 315 16 75
Große Auswahl an vegetarischen Gerichten
Einkaufen:
Flagman-Boutique von Ianis Chamalidy
CNO, Bolschoi Prospekt 55/6
Petrograder Seite
ianischamalidy@gmail.com ianischamalidy.com
Erart – Museum für moderne Kunst
2 Line 29 Vasiliyew Vasilyevky islan
119106 St. Petersburg
Reiseführer: Baedeker: St. Petersburg
Mit großem Cityplan, ISBN 978-3-8297-3, 17,95 Euro
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2014)