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Verfahren eingestellt

Die Gier, die Rache, der ganz normale Antisemitismus. Familie Feuchtbaum und die „Ariseure“: eine Geschichte aus Wien.

Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde bereits beschlagnahmter jüdischer Besitz endgültig „umverteilt“. Cliquen- und Vetternwirtschaft dominierten den Kampf um die Beute. Der 48-jährige Fotograf und zweifache Familienvater Salomon Feuchtbaum benötigte in der Nacht vom 9.auf den 10. November 1938 nur zwei Minuten, um Jacke und Schuhe anzuziehen und den vier SA-Männern zu folgen. Diese hatten kurz vorher gegen die Tür seiner Wohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk, Blütengasse 9, geschlagen und ihn unter wüsten Beschimpfungen verhaftet.

Feuchtbaum teilte dieses Schicksal mit 6500 Wiener Juden in jener Nacht. Seiner Frau Josefine gelang es nach einem Tag der verzweifelten Suche, ihren Mann in den Sophiensälen ausfindig zu machen. Die Ballsäle waren ebenso wie diverse Schulen zu einem „Notarrest“ umfunktioniert worden. Die Inhaftierten wurden dort von SS- und SA-Männern derart misshandelt, dass manche Selbstmordversuche unternahmen oder in den darauffolgenden Tagen ihren Verletzungen erlagen.

Salomon Feuchtbaum hatte Glück. Er durfte mit seiner Frau nach Hause gehen, nachdem er eine Erklärung unterschrieben hatte, über deren Inhalt er gegenüber seiner Familie schwieg. Am selben Tag wurde sein Fotogeschäft in der Wiedner Hauptstraße 35 „behördlich“ geschlossen, die Schlüssel wurden am Polizeikommissariat Taubstummengasse hinterlegt.

Wie für die gesamte jüdische Bevölkerung Österreichs bedeutete der Novemberpogrom auch für die Familie Feuchtbaum einen neuen Höhepunkt des Terrors. Das Leben der vierköpfigen Familie war bis zum 11. März 1938 friedlich und unspektakulär verlaufen. Salomon Feuchtbaum, geboren am 27. Juli 1890 in Mosciska (heute Mostyska in der Westukraine), einer kleinen galizischen Stadt, war 1909 zusammen mit seinen Eltern und seinem Bruder Anschel nach Wien übersiedelt. Wie viele jüdische Familien hatten auch die Feuchtbaums im wirtschaftlich rückständigen Galizien, in dem der Antisemitismus immer bedrohlicher wurde, keinerlei Zukunftsperspektivenmehr gesehen. In der prosperierenden Haupt- und Residenzstadt Wien hofften sie, ein neues, besseres Leben aufbauen zu können. Ihre Hoffnungen schienen sich zu erfüllen. Beiden Söhnen gelang es, sich trotz der Wirren des Ersten Weltkriegs, der wirtschaftlichen und politischen Probleme der jungen Republik Österreich, zu denen auch der latente Antisemitismus zählte, als Fotografen selbstständig zu machen. Salomon Feuchtbaum erwarb eine Gewerbeberechtigung, die ihm sowohl die Ausübung des Fotografenhandwerkes als auch den Handel mit Fotoapparaten und Fotobedarfsartikeln erlaubte.

1920 hatte er in der Synagoge Neudeggergasse – einem jener 42 Gotteshäuser, die am 10. November 1938 in Brand gesetzt werden sollten – Josefine Singer geheiratet und mit ihr eine Wohnung in Wien-Landstraße, Hetzgasse 10, bezogen. Am 14. Juli 1921 war Sohn Simon zur Welt gekommen, zwei Jahre später, am 3. Oktober 1923, Tochter Lotte.

Gemeinsam hatten Salomon und Josefine ein kleines Fotoatelier in der Landstraßer Hauptstraße 21 sowie ein Geschäft in der Wiedner Hauptstraße 35 aufgebaut. Die Familie war nicht reich, doch sie führte, wie Tochter Lotte sich viele Jahre später erinnerte, ein zufriedenes Leben. „Während des Schuljahres gingen wir im Winter auf den Wiener Eislaufvereinsplatz. Mein Bruder spielte Hockey, ich lernte Eiskunstlaufen. Im Sommer waren wir oft im Stadionbad im Prater. Das war ein herrliches, sorgloses Leben, und wir waren alle sehr glücklich.“

Die Ereignisse unmittelbar nach dem 11.März 1938 trafen die Familie wie ein Keulenschlag. Jahrhundertelang tradierte antisemitische Stereotype, Neid, Herrenmenschendünkel und Sadismus entluden sich gegenüber der jüdischen Bevölkerung Wiens in Beschimpfungen, Misshandlungen und den berüchtigten „Reibpartien“. Auch Josefine und Salomon Feuchtbaum mussten unter dem Gejohle und Gespött der Schaulustigen Gehsteige „reiben“. Die Familie blieb auch von den damals alltäglichen Plünderungen und Zerstörungen nicht verschont. Die damals 15-jährige Lotte und der zwei Jahre ältere Simon befanden sich einige Tage nach dem „Anschluss“ alleine im Atelier in der Landstraßer Hauptstraße, als plötzlich SA-Männer auftauchten und die gesamte Geschäftseinrichtung kurz und klein schlugen.

Im Geschäft in der Wiedner Hauptstraße erschien wenige Tage nach dem 11. März ein gewisser Karl Artl, der von 1920 bis 1924 Teilhaber gewesen war. Artl war nach Zwistigkeiten aus dem Geschäft ausgeschieden und hatte sich als Fotograf selbstständig gemacht. Allerdings mit wenig Erfolg, denn 1938 war er erheblich verschuldet. Der „Anschluss“ bot ihm und zahlreichen anderen, welche „die Juden“ für ihr persönliches und berufliches Scheitern verantwortlich machten, die Chance, sich an Feuchtbaum für vermeintlich erlittenen Schaden zu rächen. Artl nutzte die Gunst der Stunde und nahm als „kommissarischer Verwalter“ das Geschäft Feuchtbaums in Besitz. Wie viele andere „Volksgenossen“ berief er sich darauf, bereits seit 1937 illegales Mitglied der NSDAP zu sein und deshalb Anspruch auf ein Geschäft aus jüdischem Besitz zu haben.

Den Staats- und Parteistellen bereiteten die selbsternannten „Kommissare“ Unbehagen, da sie die Geschäfte und Unternehmen häufig innerhalb kürzester Zeit ausplünderten und zugrunde richteten. Dem NS-Staat entgingen dadurch erhebliche Vermögenswerte. Doch wenige Wochen vor der für10.April geplanten Volksabstimmung wollte man parteiinterne Konflikte vermeiden und die nationalsozialistischen Parteigänger nicht vor den Kopf stoßen.

Um den „wilden Arisierungen“ Einhalt zu gebieten, wurde am 14. April 1938 das „Gesetz über die Bestellung kommissarischer Verwalter“ erlassen. „Kommissarische Verwalter“ mussten nun vom Reichsstatthalter ernannt werden. Als nächster Schritt auf dem Weg zur „planmäßigen Entjudung“ der österreichischen Wirtschaft wurde im Mai die „Vermögensverkehrsstelle“ (VVSt) eingerichtet. Ab diesem Zeitpunkt durften „Arisierungen“ nur mehr mit deren Genehmigung durchgeführt werden. Karl Artl gelang es, am 23. Mai 1938 zum „kommissarischen Verwalter“ des Geschäfts von Salomon Feuchtbaum ernannt zu werden. Am20.Juni 1938 suchte er bei der „Vermögensverkehrsstelle“ um Genehmigungzu dessen „Arisierung“ an. Doch just während Artl im September 1938 in Nürnberg am NSDAP-Parteitag teilnahm, lehnte die VVSt sein Ansuchen ab und kündigte die Schließung des Geschäftes an. Mit der Liquidierung kleiner und wenig rentabler Betriebe aus jüdischem Besitz strebten die nationalsozialistischen Wirtschaftsstrategen eine Strukturbereinigung des österreichischen Kleingewerbes und Handels an – nur die besten und rentabelsten Betriebe sollten „arisiert“ werden.

Dieser von zentralen staatlichen Instanzen geplante Modernisierungsschub kollidierte jedoch mit dem Wunsch Tausender „Volks“- und Parteigenossen, an der Beraubung der Juden zu partizipieren. Auch Karl Artl wollte nicht leer ausgehen: Mitte Oktober 1938 schrieb er unter dem Titel „Ausbeutung eines Parteigenossen durch einen polnischen Juden“ einen vor Niedertracht und Gemeinheit strotzenden Brief an die Parteileitung der NSDAP, in dem er das Geschäft Feuchtbaums als „Entschädigung“ für das angeblich durch diesen erlittene Unrecht forderte. Gleichzeitig versuchte er, sich der Partei anzudienen, indem er Feuchtbaum als „Devisenschieber“ denunzierte und sich erbötig machte, sein Opfer zu bespitzeln: „Bitte um Nachricht, ob ich den Juden Feuchtbaum aushorchen soll was er will (sic!).“

Artl hatte inzwischen zur Kenntnis nehmen müssen, dass er nicht der Einzige im skrupellosen Kampf um die Beute war. In einem Brief an den Gauleiter stellte er am 31. Oktober 1938 erbost fest, dass der Parteigenosse Leopold Kowatsch, Radiohändler in der Mozartgasse 4, seine Bemühungen um die „Arisierung“ des Geschäfts hintertreibe und „selbst in den Besitz des Geschäfts kommen“ wolle. Die Gier nach jüdischem Eigentum hatte einen regelrechten „Arisierungswettlauf“ ausgelöst, der eine ausufernde Vettern- und Cliquenwirtschaft in Staats- und Parteistellen zur Folge hatte.

Die Familie Feuchtbaum war gegenüber all diesen Vorgängen hilf- und wehrlos. Sie lebte vom Verkauf der Möbel und persönlicher Habseligkeiten und versuchte verzweifelt, aus Österreich zu fliehen. Wenige Wochen vor dem Novemberpogrom wurde sie auch noch von den Nachbarn gezwungen, aus ihrer Wohnung in der Hetzgasse 10 auszuziehen. Gemeinsam mit einer anderen jüdischen Familie fanden die Feuchtbaums Unterschlupf in der Blütengasse 9. Am 10. November wurde ihr Geschäft in der Wiedner Hauptstraße „behördlich“ geschlossen. Zwei Tage später, am 12. November 1938, wurde in einer Sitzung unter dem Vorsitz Hermann Görings die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben beschlossen. Der Erlass verbot Juden, ein selbstständiges kaufmännisches Unternehmen oder Handwerk zu betreiben. Die materielle Existenz der Familie Feuchtbaum war damit endgültig zerstört.

Das Fotogeschäft wurde im Dezember 1938 offiziell liquidiert. Karl Artl, der seit dem „Anschluss“ die Familie Feuchtbaum schikaniert und alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um in den Besitz des Geschäftes zu kommen, ging leer aus. Nutznießer war Leopold Kowatsch, Radiohändler und „politischer Leiter“ der NSDAP (so hießen die „Amtsträger“, zu denen sämtliche Funktionäre vom Blockleiter bis zum Reichsleiter zählten). Er hatte offenbar die besseren Beziehungen zu den entscheidenden Instanzen: Am 15. Dezember 1938 erhielt er vom „Staatskommissar in der Privatwirtschaft“ dieErlaubnis, unter „Beistellung eines Sicherheitsorgans zur Entfernung der Siegel“ das Geschäftslokal inklusive Warenlager in seinen Besitz zu nehmen, um dort ein Radiogeschäft zu eröffnen.

Kurz nach den Novemberpogromen erhielt die Familie Feuchtbaum einen Brief eines entfernt verwandten Onkels aus England und einer bis dato unbekannten Kusine aus Schweden. Der Onkel war bereit, Simon aufzunehmen, die Kusine wollte Lotte zu sich holen. Am 1. Februar 1939 mussten sich Salomon und Josefine Feuchtbaum am Bahnhof von ihrem Sohn Simon verabschieden, am 25. Februar 1939 von ihrer Tochter Lotte. Noch vor der Abfahrt Lottes hatte ihre Mutter an die künftige Pflegemutter einen Brief geschrieben: „Wie dankbar ich für Ihre edle Tat bin, kann ich in Worten gar nicht ausdrücken. Ich hoffe aber, dass mein Kind Ihnen beweisen wird, dass es Ihre Hilfe verdient.“

Josefine und Salomon Feuchtbaum wurden am 23. November 1941 aus einer Sammelwohnung im der Sechskrügelgasse 1/9nach Kowno (heute Kaunas, Litauen) deportiert, wo sie nach der mehrtägigen, qualvollen Fahrt sofort nach ihrer Ankunft am 29.November 1941 erschossen wurden.

Simon Feuchtbaum überlebte in England. Lotte Feuchtbaum versuchte, ihre Eltern aus Wien zu retten. Als sie im November 1941 endlich ein Visum nach Wien schicken konnte, wartete sie aber vergebens auf Antwort – die Eltern waren bereits deportiert worden. Lotte Feuchtbaum emigrierte 1949 in die USA, wo sie als Pianistin lebte.

Gegen Karl Artl wurden 1947 polizeiliche Erhebungen wegen des Verdachts der Verbrechen der Denunziation und der illegalen Parteimitgliedschaft eingeleitet. Bei einer polizeilichen Einvernahme behauptete er, nie „Illegaler“ gewesen zu sein, sondern erst im März 1938 um Aufnahme in die NSDAP angesucht und danach die Mitgliedsbeiträge von 1. Juli 1937 bis März 1938 nachgezahlt zu haben. Befragt zum Geschäft Salomon Feuchtbaums, beteuerte er, sich über Ansuchen Feuchtbaums um den Betrieb beworben zu haben. Nach Vorhalt einer Abschrift seines Schreibens vom Oktober 1938 meinte er, sich nicht erinnern zu können, diesen Brief geschrieben und Feuchtbaum denunziert zu haben.

Das Verfahren gegen Karl Artl wurde eingestellt. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2014)