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Die Furcht zu predigen

Stachellos: Reinhard Wegerth über eine Nachkriegskindheit.

Was gibt es nicht für katholische Kindheiten in Österreich! Barbara Frischmuths in der „Klosterschule“ (1968)beschriebene, Franz Innerhofers aus den „Schönen Tagen“ (1974), Anna Mitgutschs aus dem Roman „Die Züchtigung“ (1985) oder Josef Winklers in der Trilogie „Das wilde Kärnten“ (1995) geschilderte. Eindringliche literarische Dokumente, denen etliche hinzuzufügen wären. Dagegen kommt der zweite Teil von Reinhard Wegerths „Stimmenroman“ mit dem Titel „Früher und hier“ äußerlich schmal und innerlich ganz unspektakulär daher.

Auf 90 Seiten gibt's keine Schläge, keine Ausgrenzung, keine Indoktrination und keinen Missbrauch. Das Schlimmste, was dem Kind widerfährt, ist, dass es bei der Beichte bekennen muss, unkeusch gewesen zu sein. Laut Religionsunterricht eine Todsünde. Aber selbst für sie bekommt es nur drei Vaterunser und drei Gegrüßet seist du, Maria als Buße auferlegt. Ja, der Knabe, von dessen Kindheit hier erzählt wird, fürchtet sogar die Abschaffung der Mundkommunion, weil er als Ministrant dann den Mädchen nicht mehr die Patene unter das Kinn schieben und so Blickkontakt mit ihnen aufnehmen kann. Sogar der Priester tut ihm leid, der sich nicht mehr zu predigen traut, seit die Gläubigen sehr ungehalten darauf reagiert haben, dass er „über die Zeit seiner Verfolgung“ gesprochen hat. Thematisiert wird also der Antiklerikalismus der Nazis, nicht der katholische Antisemitismus. Gegeben hat es wohl beides.

Es ist also eine etwas andere Kindheitsgeschichte, die der 1950 in Mödling aufgewachsene Jurist und ehemalige Verlagslektor Reinhard Wegerth hier vorlegt. Das Städtchen beherbergte ja schon so manchen dichtenden Juristen, denkt man an Anton Wildgans oder Albert Drach. Doch Wegerth hält weder eine „Rede über Österreich“, noch macht er eine „Unsentimentale Reise“. Er schaut durchaus sentimental und eigenwillig auf das Land seiner Kindheit zurück.


Ungewöhnliche Perspektive

Wie schon im ersten Teil seiner Erinnerungen, „Damals und dort“, gibt es keinen Erzähler, sondern „Stimmen“, die von ihrem Schicksal berichten, Stimmen von Gegenständen, von Begriffen, von Gefühlen et cetera. Diese Perspektive ist vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, hat aber den Vorteil, nicht die Sichtweise eines Kindes imitieren zu müssen. So ist es etwa die Patene oder die Predigt, von denen wir die erwähnten Geschichten erfahren. Anders als bei den eingangs genannten Autorinnen und Autoren scheint diese Kindheit nichts Traumatisierendes gehabt zu haben, sondern in üblichen Bahnen verlaufen zu sein. Die Tragödien des Heranwachsenden sind ein Trümmerbruch des Ellbogengelenks bei einem Sportunfall oder das knappe Verfehlen der Beatles auf der Skipiste. Harmlosigkeiten, vergleichsweise.

Zu dieser Art von Harmlosigkeit passt aber der Ton der Stimmen. Er verhindert eine Form von Selbstbezogenheit. Der Nachteil ist allerdings auch offensichtlich: Das alles klingt ein wenig wie aus fernen Zeiten, als die Welt angeblich noch in Ordnung war. „Kritische Nostalgie“ nannte Peter Henisch diese Erzählweise beim ersten Teil. Diese Haltung ist nun fast noch stärker. Sie ist Programm. Denn Reinhard Wegerth will nicht abrechnen, sondern, wie es bei einer Passage um eine Literaturzeitschrift mit einem „taillierten Stechinsekt“ als Wappentier heißt, allenfalls „sticheln“. Dazu hätte er den einen oder anderen Abschnitt wenn schon nicht von Wespen, so wenigstens von Gelsen oder Roten Ameisen erzählen lassen sollen. ■

Reinhard Wegerth

Früher und hier

Stimmenroman. 96S., geb., €18
(Sisyphus Verlag, Klagenfurt)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2014)