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Vom Fußballspieler zum Sultan Der Werdegang Recep Tayyip Erdoğans

Seit zehn Jahren hält der türkische Ministerpräsident die Zügel fest in der Hand. Er hat das Land umgekrempelt, gilt aber auch als aufbrausend und zunehmend autokratisch.

Jeder Politiker hat ihn, den Moment, in dem er etwas sagt oder tut, und der ihn ein (politisches) Leben lang prägt und begleitet – oft zu seinem Leidwesen. Recep Tayyip Erdoğans Moment trägt sich im Dezember 1997 auf einer Bühne in der osttürkischen Stadt Siirt zu, Geburtsstadt seiner Frau Emine. 5000 Anhänger sind gekommen. Die Türkei sei ein rassistisches Land, sagt der damalige Bürgermeister von Istanbul, es gebe hier weder Meinungs- noch Religionsfreiheit. Dann sagt er: „Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“

Dieser Satz wird Erdoğan auf jeder Stufe seiner Karriereleiter begleiten. Kritiker, Anhänger und Kommentatoren werden ihn regelmäßig ausgraben, um daran zu erinnern, wie fromm oder gefährlich der aufstrebende Politiker sei. Dabei stammen die Worte gar nicht von ihm. Gedichtet hat sie Ziya Gökalp (Erdoğan zitiert eine leicht veränderte Version), Publizist und Schriftsteller, der zwischen dem Untergang des Osmanischen Reiches und Aufbau der Republik durch Mustafa Kemal Atatürk religiöse Zeilen schreiben und gleichzeitig den Weg zu einem säkularen, nationalistischen Staat mitgestalten konnte. Gökalp wandelte irgendwo zwischen Sultan und Atatürk. Erdoğan ebenso, wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Das Zitieren von Gökalps Zeilen hat Erdoğans politischen Aufstieg empfindlich getroffen. Für das Militär, den strengen Hüter säkularer Prinzipien Atatürks, ist der fromme und erfolgreiche Istanbuler Bürgermeister eine lästige Erscheinung. Um ihn aufzuhalten, ist der Armee nichts zu bunt: Erdoğan wird nach dem Gökalp-Zitat Volksverhetzung vorgeworfen, 1999 landet er hinter Gittern, obwohl Verteidigung und Anklage auf Freispruch plädieren. Nach vier Monaten Haft zeigt sich Erdoğan geläutert: War er bisher ein Jünger von Necmettin Erbakan, einem nationalistischen Polterer, der den politischen Islam in der Türkei salonfähig gemacht hat, gibt er sich nun gemäßigt und betont demokratisch. Nach Gründung seiner Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) im Jahr 2001 kann er aufgrund seiner Verurteilung noch nicht persönlich antreten.

Bill Clintons Leitsatz. Ein Erdrutschsieg und eine Gesetzesänderung später steht er ab 2003 als Ministerpräsident an der Spitze des Staates. Er krempelt die Türkei gehörig um. „It's the economy, stupid“ – Bill Clintons Leitspruch der 1990er-Jahre bekommt mit Erdoğan ein orientalisches Pendant: Er beginnt eine beispiellose Privatisierungswelle, initiiert Großbauprojekte, pumpt Geld in die entlegensten Gebiete Anatoliens. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Pro-Kopf-Einkommen verdreifacht, die Exporte haben sich vervierfacht, und die Inflation ist von knapp 40 auf überschaubare fünf bis acht Prozent gesunken. Bei den letzten Wahlen (2011) hat jeder zweite Wahlberechtigte Erdoğans Partei gewählt.

Der Ministerpräsident präsentiert sich gern als jemand aus der Mitte des Volkes. Er wird 1954 in Istanbul geboren und wächst im Armenviertel Kasimpaşa auf der europäischen Seite auf. Sein Vater ist Seemann aus Rize am Schwarzen Meer, nahe der georgischen Grenze. Die Familie lebt in bescheidenen Verhältnissen. Um das Einkommen aufzubessern, verkauft der junge Erdoğan Sesamkringel. Auf dem Fußballfeld zeigt er großes Talent, sein Vater verbietet ihm aber derartige Ambitionen. Stattdessen besucht er die religiöse Imam-Hatip-Schule.

Die Sprache, die Erdoğan auf den Straßen Kasimpaşas gelernt hat, hat er nie abgelegt. Eine Wohltat für seine Wähler, denen das hochmütige Gerede der kemalistischen Eliten nie geheuer war. Sein immenser Erfolg beschert ihm ein stolzes Maß an Selbstsicherheit. Bereits vor den letzten Wahlen wurde Erdoğan Großspurigkeit vorgeworfen, seine Visionen und Ideen reichen bis in die intimsten Sphären der Bürger. Er empfiehlt Frauen, mindestens drei Kinder auf die Welt zu bringen.

Er selbst ist Vater zweier Söhne und zweier Töchter, bei der Hochzeit seines Sohnes Bilal fungiert ausgerechnet der moralisch flexible Silvio Berlusconi als Trauzeuge. Erdoğan gilt als aufbrausend, Kritik bringt ihn auf die Palme. Er verklagt eine Reihe von Karikaturisten, die ihn wenig schmeichelhaft zu Papier bringen. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vor vier Jahren verlässt er wutentbrannt das Podium, weil er nicht mehr Redezeit bekommt. Die Militärs, die ihn seinerzeit ins Gefängnis brachten, bekommen seinen Zorn zu spüren. Aufgrund des umstrittenen Ergenekon-Prozesses gegen mutmaßliche Putschisten aus den Reihen der Armee sitzen nun viele Generäle und unliebsame Journalisten hinter Gittern. Die Gezi-Park-Demonstranten, die im vergangenen Jahr das Land in Atem gehalten haben, sind für ihn undankbare Kinder, die vom Ausland einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Sein Regierungsstil lässt sich am besten so beschreiben: Zuckerbrot und Peitsche.

Kopftuch im Parlament. Politisch hat sich Erdoğan wandelbar gezeigt. War er am Anfang seiner Karriere in der nationalistischen Bewegung Erbakans verwurzelt, hat er später den Extremismus seines politischen Ziehvaters abgelegt und sich im säkularen Staat eingerichtet. In den vergangenen Jahren wurden seine Ambitionen, die Verbannung der Religion aus dem öffentlichen Raum zu bekämpfen, immer ersichtlicher. Im Parlament sitzen nun Frauen mit Kopftuch – noch vor einigen Jahren wäre das undenkbar gewesen. Kritiker werfen ihm autokratische Züge vor, immer öfter wird er mit einem Sultan verglichen. Er dürfte nichts dagegen haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2014)