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Causa Stantejsky: Die Entlassung – erster Akt

Silvia Stantejsky hat am Burgtheater Karriere gemacht, und zwar nicht auf der Bühne. Von der Leiterin des Betriebsbüros brachte sie es zur kaufmännischen Geschäftsführerin und zu viel Anerkennung. Vor Kurzem aber hat Matthias Hartmann sie entlassen. Ein Rückblick.

Trennungen gehören im Berufsleben zum Alltag. Auch im Kulturbetrieb. Dass die Stellvertreterin von Matthias Hartmann, Silvia Stantejsky, und das Burgtheater künftig verschiedene Wege gehen, wäre deshalb nicht weiter erwähnenswert, würde einen da nicht aufhorchen lassen, wie dieses Arbeitsverhältnis sein Ende fand. Man hat sich nämlich nicht einvernehmlich getrennt. Ein Vorgehen, das naheliegend wäre. Stantejsky arbeitete schon seit 33 Jahren für das Haus. Jeder schätzte sie.

Ins Rollen gebracht wurde die Angelegenheit, die mittlerweile zu einer rechtlichen Causa ausgewachsen ist, von den Wirtschaftsprüfern des Burgtheaters. Bei der Erstellung des aktuellen Jahresabschlusses entdeckte die KPMG Ungereimtheiten bei Buchungsvorgängen, die sie sich nicht erklären konnte. Konkret, so berichtet das Wochenmagazin „Profil“ in seiner morgen erscheinenden Ausgabe, soll sie einen fünfstelligen Eurobetrag aus dem Burgtheater-Budget auf ihr privates Konto überwiesen haben. Die Prüfer sahen sich deshalb gezwungen, von ihrer Redepflicht Gebrauch zu machen, und informierten den Aufsichtsrat. Der hoffte, Stantejsky könne Licht ins Dunkel bringen. Aber auch die 58-jährige Betriebswirtin scheint nicht in der Lage gewesen zu sein, bestehende Zweifel zu entkräften. Und so kam es zu dem Schritt, der das Theater zum Brodeln brachte. Matthias Hartmann entließ seine Stellvertreterin, nachdem sie kurz zuvor suspendiert worden war. Wäre es nach seinem menschlichen Instinkt gegangen, er hätte völlig anders agiert, sagt er: „Leider durften wir hier nicht mit dem gesunden Menschenverstand arbeiten, sondern müssen juristisch formal richtig vorgehen. Das irritiert mich, aber das habe ich jetzt gelernt.“

Hartmann ist sein Handeln also keineswegs leichtgefallen. Das betonte er auch gegenüber seinen Mitarbeitern, als er sie am 3. Jänner 2014 in einer Betriebsversammlung über die Ereignisse informierte. Nachdem die Anwesenden von ihm erfuhren, was sie gerüchteweise ohnehin längst wussten, hätten sie ihm – so ein Ensemble-Mitglied – viele Fragen gestellt: Welches Vergehen hat sich Stantejsky eigentlich zuschulden kommen lassen? Und wieso hat man sie gerade jetzt entlassen? Was hat sie denn anders gemacht als die Jahre zuvor?

Hartmann erklärte seinen Leuten, dass die Wirtschaftsprüfer bei der gesetzlichen Gebarungsprüfung der letzten Spielzeit, für die Frau Stantejsky noch als Geschäftsführerin zuständig gewesen sei, Irregularitäten festgestellt hätten. Er habe dem Gesetz folgend sofortige dienstrechtliche Konsequenzen ziehen müssen. Damit gab sich das Ensemble aber nicht zufrieden. Am 7. Jänner traf es erneut zusammen, um danach in einer Pressemitteilung die Öffentlichkeit eines wissen zu lassen: Die Schauspieler stehen solidarisch hinter Stantejsky. Und sie verlangen die Aufklärung der ganzen Angelegenheit. Aber wer ist diese Frau, deren berufliches Schicksal jeden Einzelnen im Haus so stark bewegt? 1980 kam die Betriebswirtin an die Burg und wurde Leiterin des Betriebsbüros. Nach der Ausgliederung 1999, mit der das Burgtheater zu einer GmbH wurde, war sie die Prokuristin und Stellvertreterin vom damaligen Geschäftsführer Peter Drozda. Als er 2008 zum Direktor der Vereinigten Bühnen avancierte, übernahm sie dessen Aufgaben an der Burg. Von da an stand sie Hartmann als kaufmännische Direktorin zur Seite. Bis zum Frühjahr 2013.

Nachdem nämlich die Jahre zuvor die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers die Bilanzen des Bundestheater-Konzerns geprüft hatte, kam erstmals die KPMG bei dem Jahresabschluss 2011/12 zum Zug. Damit änderte sich vieles. Der nicht liquiditätswirksame Fehlbetrag von 3,7 Millionen Euro sei die Konsequenz einer grundlegend neuen Abschreibungsmethodik für Produktionen, welche die neu bestellten Wirtschaftsprüfer einforderten, sagte Georg Springer, Chef der Bundestheater-Holding und Aufsichtsratsvorsitzender der Burg, bei der Präsentation des Geschäftsberichts im März 2013. Andernfalls hätte man wieder eine schwarze Null geschrieben, so derselbe. Zur dieser Zeit gab Stantejsky – für viele überraschend – bekannt, künftig nicht mehr für die Funktion der kaufmännischen Direktorin zur Verfügung zu stehen. Sie wies auf die prekäre wirtschaftliche Situation des Theaters hin, zumal es seit 13 Jahren keinerlei Subventionserhöhungen oder Inflationsabgeltungen gegeben habe. Mit September übernahm Thomas Königstorfer ihre Funktion, im Bewusstsein, „dass mich keine einfache Aufgabenstellung erwartet“. Stantejsky machte Hartmann zu seiner Stellvertreterin.

Und wen man auch immer fragt. Stantejsky wird von jedem einzelnen ihrer Kollegen als unglaublich hilfsbereite Frau beschrieben, die sogar Schauspielkollegen anbot, für sie deren Steuererklärung zu machen. Aber sie sei auch chaotisch gewesen und oft überlastet, heißt es. Hartmann nennt sie eine „Überzeugungstäterin, die die interessante Eigenschaft hatte, mit jeder Aufgabe, die sie dazubekommen hat, alle anderen beizubehalten. Und so hat sie schließlich alle Aufgaben gehabt“, sagt er. Ob sie sich nicht zu viel aufgehalst hat? „Ich würde sagen, sie war sehr gefordert“, sagt Hartmann.

Wie auch immer: Die menschlichen Qualitäten von Frau Stantejsky stehen nicht auf dem Prüfstand, sondern vielmehr stellt sich die Frage, ob sie ihre Aufgaben korrekt und gesetzeskonform erfüllt hat. Für sie gilt die Unschuldsvermutung. Zweifel, dass sie immer mit kaufmännischer Sorgfalt vorgegangen ist, bestehen an der Burg dennoch. Stantejsky plagen keine. Sie hat die Entlassung angefochten: „Die Vorwürfe werden sich zerschlagen“, ist sie überzeugt. Ende Jänner sollen die ersten Ergebnisse der externen Prüfung vorliegen. Dann beginnt der zweite Akt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2014)