»Holzfällen« mit filigraner Klinge

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Im Schauspielhaus Graz macht Regisseur Krystian Lupa dem Dichter Thomas Bernhard eine Liebeserklärung. Seine Dramatisierung des Skandalromans von 1984 nimmt ihm die eisige Schärfe. Zuweilen blitzt sie umso heller auf.

Die offene Bühne des Grazer Schauspielhauses ist noch fast dunkel, man erkennt eine großbürgerliche Wohnung mit extrem hohen Räumen. Vorn links ist die Eingangstür, nach hinten zu ist halb offen ein Esszimmer zu sehen, rechts befindet sich eine Garderobe. Dort sitzt in einem Ohrensessel ein Mann (Johannes Silberschneider) in mittleren Jahren, den die Gastgeber Maja und Gerhard Auersberg (Steffi Krautz, Franz Xaver Zach) Thomas nennen werden. Er scheint zu schlafen, beobachtet aber die Gesellschaft hinter einer Fensterwand genau. Die Zuseher hören auch seine Gedanken laut per Mikrofon. Dieser Mann ist von einer Hassliebe zu Wien, zur Kunstszene und zu ehemaligen Freunden zerfressen.

Es wäre ein Kurzschluss, diesen Erzähler mit Thomas Bernhard gleichzusetzen. In diese Falle sind Rezensenten, die es besser hätten wissen müssten, getappt, als 1984 Bernhards Roman „Holzfällen“ erschien. Da kam es zu einem Skandal, weil handelnde Personen mit Romanfiguren gleichgesetzt wurden: Mäzene, Maler, Schauspieler, Dichter konnten in diesem Zerrspiegel angeblich erkannt werden. Das Buch wurde beschlagnahmt. Die Realität übertraf die Hyperbel des Dichters.

Aus diesem Werk hat der polnische Regisseur Krystian Lupa ein vierstündiges Drama geformt, das eine Liebeserklärung an den Dichter ist. Sein Thomas ist ein Bernhard auf der Suche nach verlorenen Freundschaften und gescheiterter Kunst. Zwar gibt es auch bei dieser am Freitag uraufgeführten Dramatisierung köstlich-komische Tiraden in Fülle, aber der Erzähler wirkt oft milde und verstrickt in eine alte Geschichte, die man Liebe nennen könnte. Am Graben hat er das einst mit ihm befreundete Ehepaar Auersberg getroffen, es lädt ihn zu einem „künstlerischen Abendessen“ ein, just für jenen Tag, an dem sich die meisten der Gäste zuvor beim Begräbnis von Joana Thul in Kilb getroffen haben. Verena Lercher spielt diese gebrochene Frau bezaubernd, aber wenn sie wie ein Geist erscheint, als Künstlerin im Abstieg, wird sie einer Sozialromantik ausgesetzt, die gar nicht zur Vorlage passt.

Der Selbstmord einer Alkoholikerin, die an Wien und der Kunst scheitert. Das Leichenbegängnis wird so wie einige Rückblenden und entbehrliche Szenen im Off auf einer großen Videowand über der Garderobe gezeigt. Vor allem dabei geht Lupa weit über die Vorlage hinaus. Joana, die im Roman ein Enigma bleibt, wird zu einem Lebensmenschen Bernhards. Die Aufführung ufert so leider erklärend aus.

Ihre Stärke aber hat die Inszenierung beim Dinner weit nach Mitternacht, das wie da Vincis „Abendmahl“ angeordnet wurde. Im Mittelpunkt steht der Ehrengast, der Burgschauspieler: Stefan Suske trifft Bernhards Ton genau. Seine Monologe sind so wie die von Silberschneider höchst kunstvoll, weil sie immer auch die Verletzbarkeit und Trauer mit einschließen. Wenn der Burgschauspieler oder der Dichter an der Rampe stehen, erbärmlich in ihrem flüchtigen Streben nach Ewigkeit, kommt eine Symphonie der Grausamkeit zum Klingen.

Lupa macht es den Darstellern aber oft nicht leicht. Sie haben gegen Videos mit reinem Selbstzweck und ausufernde Musik anzukämpfen, die Verständlichkeit erschwert. Selbst intensive Szenen des Lauerns, der Falschheit oder gar der Einsicht, bei denen vor allem Krautz, aber auch Gerhard Balluch und Barbara De Koy als künstlerische Gäste ihr Können zeigen, leiden unter der Überladung. Lupa hat sich Bernhard mit sehr viel Respekt genähert. Er hat dabei fast zwanghaft auch die Leere gefüllt, die den Reiz dieses Maßlosen ausmacht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2014)