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Mehr Wachstum, weniger Deutsche

(c) imago/Fotoarena
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Die Hoteliers erwarten weniger Deutsche, denn diese können sich vermehrt Fernreisen leisten. In Wien steigt die Zahl der Betten indes schneller als die der Nächtigungen.

Wels. Je besser es den Deutschen geht, desto weniger machen sie Urlaub in Österreich. Zu dieser überraschenden Erkenntnis kam IHS-Chef Christian Keuschnigg am Dienstag beim Kongress der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) in Wels. Denn wenn die Konjunktur anzieht und mit ihr das Urlaubsbudget steigt, dann leisten sich mehr Deutsche eine Fernreise.

Und weniger nehmen mit ihrem südlichen Nachbarland als Urlaubsland vorlieb. Insofern haben die österreichischen Hoteliers in den nächsten Jahren Pech: Denn laut IHS-Prognose wird sich das deutsche Wirtschaftswachstum von derzeit 0,4 Prozent bis 2015 auf zwei Prozent steigern. Die Folge: 2015 werden um 1,1 Prozent weniger Deutsche ihren Urlaub in Österreich verbringen als 2014. Da die Deutschen mit 48.7 Millionen Nächtigungen pro Jahr fast 40 Prozent des gesamten Nächtigungsaufkommens ausmachen, wirkt sich schon ein minimaler Rückgang stark auf das Urlaubsland Österreich aus.

Die Österreicher, mit rund 28Prozent der Nächtigungen die zweitwichtigste Urlaubergruppe, verhalten sich laut Keuschnigg hingegen parallel zur Konjunktur, jedenfalls was den Urlaub im eigenen Land betrifft: Für 2015 prognostiziert das IHS in Österreich ebenfalls zwei Prozent Wirtschaftswachstum. Und 2015 werden um 3,3 Prozent mehr Österreicher im eigenen Land urlauben als 2014.

 

Späte Ostern als Glück

Dieser Umstand erklärt sich unter anderem dadurch, dass viele Österreicher, wenn sie mehr Geld zur Verfügung haben, das eigene Land vermehrt für Zweit- und Kurzurlaube nutzen. Überhaupt wird Österreich immer mehr zur Destination für Kurzurlaube: Laut einer Studie des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung (IFT), die am Dienstag präsentiert wurde, hat sich die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in- und ausländischer Gäste in den letzten 30 Jahren von 6,2 auf 3,6 Tage nahezu halbiert.

Nach den Nächtigungsrekorden der vergangenen Jahre hat die Zahl der Hotelübernachtungen 2013 mit 0,3 Prozent nur leicht zugenommen. 2012 gab es noch ein sattes Plus von 3,4 Prozent. Und auch der Start ins Jahr 2014 ist, jedenfalls in den Skiregionen, wegen des Schneemangels eher schlecht ausgefallen. Doch ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer will sich den Winter noch nicht schlechtreden lassen: „Zum Glück fällt Ostern dieses Jahr so spät, da haben wir lange Zeit, das aufzuholen. Und in Wien ist es für die Hoteliers sogar gut, wenn es keinen Schnee gibt.“

Dafür gibt es in Wien andere Gründe zur Sorge. Denn alle Nächtigungsrekorde der letzten Jahre helfen nichts, wenn die Zahl der Betten schneller steigt als die Zahl der Gäste. Das Überangebot wirke sich extrem negativ auf die Preise aus, sagt Reitterer, die selbst in Wien das Boutiquehotel Stadthalle führt.

Negativ für die Hoteliers, nicht für die Gäste, versteht sich, denn die Preise sinken: „Besonders Häuser, die nicht mehr konkurrenzfähig und kurz vor dem Zusperren sind, drücken auf die Preise, damit sie noch eine Auslastung zusammenbringen. Und selbst wenn 20Pensionen zusperren, wird das nur durch eine Neueröffnung einer Kette wieder kompensiert.“

Zusätzlicher Preisdruck komme von Buchungsplattformen wie HRS oder booking.com, die in Österreich einen Marktanteil von 19Prozent haben. „Da haben wir uns den Feind ins eigene Bett geholt“, übt sich Reitterer in Selbstkritik.

 

4000 neue Stellen

Von der Politik fühlen sich die Hoteliers als Stiefkind behandelt und fordern eine Senkung der Lohnnebenkosten und eine Erhöhung der Tourismusförderung. Diese beträgt derzeit 405 Mio. Euro im Jahr. „Beim Budget der Österreich-Werbung hat es seit 2003 nicht einmal eine Inflationsanpassung gegeben“, gibt ÖHV-Präsident Gregor Hoch zu bedenken.

Schon eine Million Euro mehr an Förderungen könne rund 23.000 Nächtigungen mehr generieren, eine zusätzliche Bruttowertschöpfung von 3,46 Mio. Euro und 36 Vollzeitbeschäftigte extra, rechnet IHS-Chef Keuschnigg vor. Der Tourismus sei gerade in Krisenzeiten ein stabiler Beschäftigungsmotor, dessen Entwicklung weit über der Gesamtwirtschaft liege. Im vergangenen Jahr hat der Tourismus laut Angaben der ÖHV rund 4000 neue Stellen in Österreich geschaffen.

AUF EINEN BLICK

Tourismus. Weil es in Deutschland wirtschaftlich bergauf geht, wird die Zahl der deutschen Touristen in Österreich wohl zurückgehen. Ein Problem, denn mit fast 50 Millionen Nächtigungen pro Jahr machen die Deutschen fast 40 Prozent des gesamten Nächtigungsaufkommens aus. Dafür ist bei den Österreichern der Trend zum Urlaub in der Heimat ungebrochen. Und die Hoteliers gehen davon aus, dass das so bleibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2014)