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Türkei: Wenn Kinder Ehefrauen werden

(C) EPA
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Ein 14-jähriges Mädchen wird nach der Fehlgeburt seines zweiten Kindes tot aufgefunden. Sein Fall hat eine breite Debatte über minderjährige Bräute ausgelöst.

Wien/Ankara. Das ganze Land ist auf der Suche nach dem Imam. Wer ist der Mann, der vor drei Jahren ein elfjähriges Mädchen mit einem 17-jährigen Buben verheiratet hat? Hat er überhaupt eine Lizenz? Und: Hat er etwas mit dem Tod des Mädchens zu tun?

Die Beamten sind fieberhaft auf der Suche, während in den Medien immer neue Details über das Leben der Kinderbraut K. auftauchen. Seit Tagen bewegt der Fall die Türkei. K. wurde mit elf Jahren (laut Angaben ihrer Familie mit 14) in der Stadt Siirt im Südosten des Landes verheiratet. Ein Jahr später bringt sie ihr erstes Kind auf die Welt, kurze Zeit später ist sie wieder schwanger.

Sie erleidet eine Frühgeburt, das Baby kommt tot auf die Welt. Kurze Zeit später ist auch K. tot. Laut Medienberichten ergab die Obduktion, dass sie mit 14 Kugeln aus einer Schrotflinte getötet wurde. Es war Selbstmord, sagen ihre Schwiegereltern; nach der Fehlgeburt sei K. in Depressionen verfallen. Wie kann sich jemand mit einer Schrotflinte durchsieben?, fragen hingegen die Kritiker.

Der Tod des Mädchens hat in der Türkei eine heftige Debatte über Kinderbräute ausgelöst. Zwar wird das Thema immer wieder in den Medien behandelt – zuletzt auch in Spielfilmen und Serien –, und auch die Regierung hat mit mehreren Kampagnen auf die Unrechtmäßigkeit von Kinderheirat hingewiesen und Opferzahlen veröffentlicht. Aber das Thema ist noch lange nicht vom Tisch, wiewohl das Bewusstsein dafür gestiegen ist. Eine im Oktober veröffentlichte Studie der Universität Gaziantep ergab, dass es sich bei jeder dritten Eheschließung in der Türkei um eine Kinderheirat (Braut oder Bräutigam sind unter 18) handelt. 82Prozent der betroffenen Mädchen können weder schreiben noch lesen. Und: 20.000 Familien sind im Jahr 2012 vor Gericht gezogen, um eine Verheiratung ihrer Töchter unter 16 Jahren erwirken zu können.

 

Bildungsreform fördert Kinderheirat?

Das türkische Recht verbietet Eheschließungen unter 17 Jahren, wobei 17-Jährige die Erlaubnis ihrer Eltern einholen müssen. In Ausnahmefällen werden auch Ehen zwischen 16-Jährigen erlaubt. Menschenrechtsorganisationen kritisieren vor allem diesen rechtlichen Graubereich und fordern eine Anhebung des Heiratsalters auf 18 – ohne Ausnahmen. Die meisten Eheschließungen mit Kindern finden im Rahmen einer religiösen Zeremonie statt, auch wenn hier die Regeln strenger geworden sind. Imamen ist es eigentlich nicht erlaubt, Kinder zu trauen.

Nach Bekanntwerden des Falles K., aber auch bereits zuvor hieß es aus dem Amt für religiöse Angelegenheiten (Diyanet), dass das Heiraten von Kindern nicht mit dem Islam vereinbar sei. Dennoch wird das Diyanet regelmäßig kritisiert: Das Amt schaue weg oder greife nicht streng genug durch. Kritisiert wird auch die Regierung, insbesondere jene Bildungsreform der AKP, die gemeinhin „4+4+4“ genannt wird: Der Bildungsweg führt die Schüler je vier Jahre lang durch Volks-, Mittel- und Oberschule, erlaubt aber auch den Unterricht zu Hause und den Abgang von der Schule nach der Heirat. Das öffne Kinderhochzeiten Tür und Tor, so die Befürchtung.

In den Medien werden Fälle von Kinderbräuten nicht verschwiegen. Man liest etwa, dass im August 2012 eine Zwölfjährige per Kaiserschnitt ein Baby auf die Welt gebracht hat. Im selben Monat beging eine 16-Jährige nach ihrer Hochzeit Suizid. Zwei Monate später wurde in Gaziantep eine Zwölfjährige hochschwanger ins Spital eingeliefert – mit gefälschten Papieren. Der Vater ihres Kindes war 16. Entgegen allen Annahmen sind nicht nur die ländlichen Regionen Anatoliens davon betroffen (wenn die Raten hier auch höher sind): In der Stadt Izmir an der Westküste etwa sind 17Prozent der verheirateten Mädchen unter 16, heißt es in einer Studie.

Tradierte Geschlechterrollen, Armut, Mangel an Bildung sowie Religiosität sind die vorherrschenden Gründe für eine Kinderheirat, aber auch die diffuse Annahme, dass es den Mädchen dadurch besser gehen kann. K. wurde etwa durch das „Berdel“-System verheiratet – eine Art Tausch, wobei Sohn und Tochter einer Familie mit Sohn und Tochter der anderen verheiratet werden. Offiziell wird Berdel nicht geduldet.

Daher muss Kinderheirat stärker kriminalisiert werden, fordern Menschenrechtler. Es fehle in der Türkei auch an Beratungs- und Zufluchtsstellen für betroffene Mädchen. Einer Unicef-Erhebung zufolge waren 14Prozent der 20- bis 24-jährigen Türkinnen bei ihrer Hochzeit unter 18. Die traurigen Spitzenplätze halten hier Länder wie Niger (75Prozent) sowie der Tschad und die Zentralafrikanische Republik mit je 68Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2014)