"Bollywood": Bis kein Platz mehr war

Ja, der IT-Boom. Ja, die Filmindustrie von "Bollywood" mit ihrem Glanz und Glamour. Doch dann, im Slum: zehn Toiletten für 3000 Menschen. Bombay, Neu Delhi, Bangalore: Indien zwischen Wirtschaftswunder und Elend.

Einmal so groß sein wie Big B. Da lächelt er wieder von einer riesigen Reklametafel milde auf einen der wahnwitzigen Verkehrsinfarkte in diesem dampfenden Moloch herab, ein Gentleman bis in die fein getrimmten silbergrauen Bartspitzen: Amitabh Bachchan, Bollywoods Schauspieler-Halbgott. Bombay, rasende Stadt der Träume und des Chaos, Tag für Tag inszeniert von seinen 16 Millionen Einwohnern.

Als wartete unter dem Gate of India eine Milliarde Rupien nur auf einen Kofferträger, wollen sich alle gleichzeitig voranschlängeln, um sich dann doch hupend ineinander zu verhaken. Egal ob dreirädrige Moped-Rikschas, lustig bemalte Lastwagen mit der Schadstoffemission eines Kohlekleinkraftwerks oder frisch gewachste Luxuslimousinen: Vor dem Staugott sind alle gleich. Manche der zerbeulten schwarzgelben Fiat-Taxis bieten den Gästen nicht zufällig gediegene Wohnzimmeratmosphäre mit Blümchentapete und milchglasgedämpfter Deckenbeleuchtung. Es kann lange dauern, bis man in Mumbai, früher und eigentlich immer noch fast ausschließlich als Bombay bekannt, von A nach B kommt. Stundenlang. Bei Tag und bei Nacht. Wer kein Yogi ist, vermag in solchen Situationen nur noch im souveränen Werbegebaren des Amitabh Bachchan Halt zu finden.

Auch Doktor Narendra Jadhav lächelt milde. Er ist Chefökonom der Zentralbank von Indien. In den vergangenen sechs Monaten habe er die Hälfte seiner Zeit damit zugebracht, ausländischen Gästen das indische Wirtschaftswunder zu erklären. Auf einen mehr kommt es da nicht an. Nach dem ersten Schluck Tee kommt der Brillenträger im taubengrauen Anzug so richtig in Fahrt: Alles begann 1991. Die Sowjetunion, bei aller indischer Bündnisfreiheit seit Mitte der Fünfzigerjahre Modell für die Hindi-Version der Fünfjahrespläne, war auseinander gebrochen. Indien war nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich marginalisiert. Hohe Ölpreise trieben das Land an den Rand der Zahlungsunfähigkeit.

Die Zeit für einen radikalen Schnitt war gekommen. Ein Fall für Manmohan Singh, damals Finanzminister und jüngst wieder als Premier vor den Vorhang geholt. Der Mann mit dem Sikh-Turban zündete den Turbo. Schritt für Schritt öffnete er die Wirtschaft, riss Barrikaden nieder.

Ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist, aber schnell Früchte trug. Um jährlich sechs Prozent vergrößerte sich das indische Bruttonationalprodukt seit 1992. Im vergangenen Jahr waren es sogar 8,5 Prozent. Wachstumsraten, die junge Europäer nur noch aus Erzählungen ihrer Großeltern kennen. Wachstumsraten, die internationale Investoren angelockt haben. Im Windschatten der Chinesen hat sich auch das Milliardenvolk auf dem Subkontinent in Bewegung gesetzt.

Ebenso stolz wie routiniert stimmt Jadhav, der Chefökonom, die Kennmelodien der indischen Erfolgsgeschichte an: Zum weltweit sechstgrößten Halter von Devisenreserven sei Indien geworden - 125 Milliarden Dollar, um zehn Milliarden mehr als der Umfang der Gesamtschulden. Vom Internationalen Währungsfonds werde Indien mittlerweile auch als Kreditgeber verbucht. Fortsetzung der Glückssträhne garantiert: In den kommenden fünf Jahren sei "ganz sicher" ein Wirtschaftswachstum von sechs Prozent zu erwarten, bei richtiger Regierungspolitik sogar von acht Prozent.

Und plötzlich weht ein Hauch von Utopie durch das klimatisierte Besprechungszimmer der indischen Zentralbank: Kühn ventiliert der Doktor der Volkswirtschaft die Vision, dass Indien in 15 Jahren die Armut ausmerzen könne. Denn schon seit 1987 sei es gelungen, die Zahl derer, die unter der Armutsgrenze leben, von 36 auf 26 Prozent der Gesamtbevölkerung zu drücken.

Werden in Bombay dann keine Arme mehr bettelnd in offene Autofenster ragen? Wird es dann keine Wellblechsiedlung unter jeder Brücke geben? Wird dann nicht mehr eine Viertelmilliarde Inder von weniger als einem Euro pro Tag leben?

Mit der Armutsgrenze ist das so eine Sache. Eine Definitionsfrage. Nach indischer Lesart fällt jeder unter diese Messlatte, der weniger als die Handvoll Rupien verdient, um seine Grundbedürfnisse zu stillen. Die Wirklichkeit kennt einen einfacheren Begriff für diesen Zustand: Hunger. Ravi lebt nicht unter der Armutsgrenze, aber trotzdem in einem Slum. Der 26-Jährige mit dem buschigen Schnurrbart und dem gewitzten Funkeln in seinen Augen trägt ein sauberes gestreiftes Polo-Leibchen. Das ist seine Arbeitskleidung. Ravi ist Rikschafahrer, hat ein regelmäßiges Einkommen. Es reicht dennoch nicht aus für eine ordentliche Wohnung. Mit vier anderen teilt er sich einen winzigen Raum, den ein paar unverputzte Ziegel und ein Wellblechdach abgrenzen. Chandengerh heißt die illegale Siedlung, die sich irgendwann am Rand von Bombay in eine Baulücke gezwängt hat, bis kein Platz mehr war. Keine Miete, aber auch keine Kanäle. Das Abwasser fließt offen ab. Es riecht nach Fäulnis. Eine Brutstätte für Krankheiten. Fliegen überall. Fäkalien markieren den Eingang zum Slum. Zehn Toiletten für 3000 Menschen. Ravi ist vor zehn Jahren in die große Stadt gekommen. Er hat sich mehr erhofft. Was sich Ravi von der Regierung wünscht? "Mehr Toiletten." Ziele im Leben? Ein Schulterzucken.

Mangelnder Ehrgeiz kann Deepal Shaw nicht nachgesagt werden. Sie ist 19 und ein Star. Der Auftritt in dem Musicvideo-Hit "Baby Doll" hat ihr zum Durchbruch verholfen: Schuluniform, karierter Schottenminirock - Indiens MTV-Kids waren hingerissen. Mittlerweile hat sie selbst zwei Songs eingespielt. Beyonc©, die langbeinige afroamerikanische R & B-Königin, soll im dazugehörigen Video als Gast auftreten. Professionell beantwortet die Industriellentochter aus Bombay die Interviewfragen. Es sind Sätze wie Lametta, gefertigt in den glitzernden Traumfabriken des Show-Biz und der Werbung. Ungeniert legt die College-Absolventin ihre internationale Strategie offen: Eine "Marke" wolle sie in vier Jahren sein.

Indien hat viele Gesichter. Das Erkennungsmerkmal des neuen, aufstrebenden Indien ist Selbstvertrauen. Ein halbes Jahrhundert nach seiner Entlassung aus britischer Abhängigkeit will sich das Land zu voller Größe aufrichten. Die diplomatischen Choreografen dieses Manövers ziehen im South Block ihre Fäden, dem südlichen Flügel des mächtigen Regierungsgebäudes im Herzen der Hauptstadt Neu Delhi. Ihre Botschaft: Indien fordert den Rang ein, der ihm zusteht. Ein Platz am Tisch der Mächtigen, einen permanenten Sitz im UNO-Sicherheitsrat. Da passt es nicht ins Konzept, Almosen anzunehmen. Nach dem Tsunami verwahrte sich Indien gegen jegliche Hilfe von außen. Es kümmerte sich selbst um die Opfer der Flutwelle im eigenen Land - und spendete zusätzlich noch für Sri Lanka und Aceh. Ein Jahr zuvor schon hatte Delhi stolz verkündet, künftig keine Entwicklungshilfe zu akzeptieren. Indien will allen Armutsstatistiken zum Trotz kein Entwicklungsland mehr sein, sondern ein Big Player.

Es war ein Montag, der 11. Mai 1998, als sich die Wüste Thar und mit ihr die Selbstachtung der indischen Nation hob. Indien hatte in Pokhran im Norden des Landes 300 Meter unter der Erde einen Atomtest durchgeführt. Völlig überraschend. Die US-Geheimdienste waren hinters Licht geführt worden. Entsprechend zornig reagierte die Supermacht. Doch nicht nur aus Washington, aus allen Himmelsrichtungen prasselte wütende Kritik auf die von Hindu-Nationalisten geführte Regierung in Neu Delhi ein. Bange Beobachter beschworen die Gefahr eines Atomkriegs. Den letzten Pinselstrich erhielt das Horrorszenario, als sich zwei Wochen später auch Pakistan Nukleartests erlaubte. Indien, als Urheber des Rüstungswettlaufs gebrandmarkt, schien isoliert. Die USA, unter Präsident Clinton eben noch um Annäherung an den stets misstrauisch beäugten Freund Moskaus bemüht, verhängte Wirtschaftssanktionen.

Doch das Blatt wendete sich. Sichtbares Zeichen war Clintons umjubelter Besuch in Indien. Abseits der großen Objektive trafen indische und amerikanische Unterhändler 14-mal zusammen, um eine strategische Partnerschaft zu schmieden. Indien fühlte sich erstmals ernst genommen. Dank der Bombe. Die Beziehungen zu den USA, der zweitgrößten Demokratie nach Indien, sind besser denn je, die Sanktionen längst aufgehoben. Heute sind alle Meinungsmacher in Delhi überzeugt: Die riskante Nuklearstrategie ist voll aufgegangen.

Der wirtschaftliche Erfolg der vergangenen Jahre hat das Seine dazu beigetragen, um das Ego der indischen Eliten aufzublasen. Weniger beeindruckt vom Glanz der indischen Wachstumsraten zeigten sich im vergangenen Frühjahr die Wähler. "India is shining", lautete der siegesgewisse Wahlkampfslogan der Bharatiya Janata Partei (BJP). Doch dann kehrte die Kongresspartei an die Macht zurück. Zu viele Wähler hatten sich gefragt, ob denn Indien auch für sie leuchte. Indien, das Land der 700 Sprachen, des Kastenwesens und des High-Tech, lebe gleichzeitig in mehreren Welten, kommentiert Tarun Basu, Chefredakteur des "Indo-Asian News Service". Und: Armut werde es in Indien immer geben. Zu unterschiedlich seien die 29 Bundesstaaten strukturiert.

Zu den Vorzeige-Bundesstaaten, zu den Quellen des neuen Selbstbewusstseins, zählt Karnataka, genauer genommen: die Stadt Bangalore. Dort ist das Epizentrum des indischen IT-Booms. Siemens, IBM, SAP, Microsoft - Bangalore hat viele internationale Firmen angelockt. Auch das US-Internetunternehmen AOL, das hier sein Callcenter eingerichtet hat. Kunden aus Wyoming oder Idaho, die Fragen zum Surfen im virtuellen Raum haben, landen bei einem indischen Betreuer. Und damit es nicht auffällt, ist den Telefonisten im fernen Bangalore in etlichen Unterrichtseinheiten ein möglichst amerikanischer Akzent eingetrichtert worden.

Im 13. Stock des "Discoverer Building" wacht Thomas Simonis über die indische Außenstelle des deutschen Infineon-Konzerns. Seine 550 Mitarbeiter entwickeln Software für Handys und ID-Cards. Drei- bis viermal billiger als in Europa. Doch der Kostenfaktor sei nicht der wichtigste Grund gewesen für die Reise nach Indien, behauptet der 41-jährige Kölner. "Es gibt hier ein unerschöpfliches Reservoir an Talenten, die noch dazu Englisch sprechen."

Ein paar Kilometer weiter beginnt die schöne neue Welt der indischen IT-Riesen Infosys und Wipro. Beide notieren an der New Yorker Nasdaq-Börse, beide setzen mehr als eine Milliarde Dollar pro Jahr um. Beide bedienen Großunternehmen rund um den Globus mit Computerlösungen. Diskret. Denn "Outsourcing", die Auslagerung von Arbeit, kann für politischen Ärger sorgen und damit die Geschäfte trüben, sowohl in den USA als auch in Europa.

Gerade einmal 300 US-Dollar haben die sieben Infosys-Gründer 1981 in ihr Abenteuer investiert. Heute sind sie abenteuerlich reich. Auch Wipro stieg in den Achtzigerjahren ins Computer-Business ein. Gestartet hatte der Betrieb 1947 mit dem Vertrieb von "Gemüseöl". Der erste große Goldrausch setzte ein, als westliche Firmen um indische Tastenhilfe beim Y2K-Problem, beim Datumssprung von 1999 auf 2000, baten. Seither laufen die Geschäfte wie am Schnürchen. Neuester Wipro-Kunde ist das Reiseunternehmen TUI. Eine "Paketlösung". Mehr will Harindranath Nair nicht verraten. Bei aller Freundlichkeit.

Der 30-Jährige ist Manager für "Gastfreundschaft". Vor kurzem noch schritt er als Actionheld über die Leinwand. Irgendwie zieht es ihn zurück nach Bollwood, in die Filmcity von Bombay. Es ist, als wolle ganz Indien so groß werden wie Big B.

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