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Erhält Iran Brückenkopf auf Arabischer Halbinsel?

Omans Sultan Qabus (beige gewandet) auf Besuch in Teheran vorigen August, neben ihm Irans Präsident Hassan Rohani
Omans Sultan Qabus (beige gewandet) auf Besuch in Teheran vorigen August, neben ihm Irans Präsident Hassan RohaniReuters
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Berichten zufolge wird der Iran mehrere umstrittene Inseln im Persischen Golf an die Vereinigten Arabischen Emirate übergeben. Dafür soll er ein Gebiet im Oman erhalten, genau an der engsten Stelle der Straße von Hormuz.

Am Persischen Golf könnte ein äußerst heikler Gebietstausch bevorstehen: Berichten militärischer Fachmedien zufolge, die sich auf hochrangige Quellen in der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate stützen, haben der Iran und die Emirate unter Vermittlung des Nachbarlandes Oman unter Ausschluss der Öffentlichkeit vereinbart, dass zwei kleine Inseln in der Nähe der Straße von Hormuz vom Iran an die Emirate übergeben werden; über eine dritte Insel werde noch verhandelt.

Die Bombe steckt in der angeblichen Gegenleistung: Teheran solle ein "strategisches Gebiet" im Oman erhalten, also auf der Arabischen Halbinsel selbst. Konkret handelt es sich um ein Gebiet in der omanischen Exklave Musandam an der Südküste der Straße von Hormuz, die hier ihre schmalste Stelle hat: Der Seeweg, durch den ein wesentlicher Teil der weltweiten Öl- und Gastransporte befördert wird, ist hier nur etwa 50 Kilometer breit.

Wüstenhafte Landflächen im Wasser

Bei den Inseln handelt es sich einerseits um die Große und Kleine Tunb-Insel (Greater bzw. Lesser Tunb, siehe Karte), das sind zwei kleine, wüstenhafte Landflächen von etwa zehn bzw. zwei Quadratkilometer Größe, etwa 50 Kilometer südlich des iranischen Festlandes bzw. rund 30 km entfernt von der nächsten großen iranischen Insel namens Qeshm. Beide liegen westlich der Straße von Hormuz und sind bis auf Militärgarnisonen und Fischereieinrichtungen weitgehend unbesiedelt.

Die Inseln, die der Iran 1971 militärisch besetzt hatte, sollen an die Emirate übergeben werden, die Gewässer rundherum aber unter iranischer Kontrolle verbleiben.

Die betreffenden Inseln sowie die Lage der omanischen Exklave Musundam
Die betreffenden Inseln sowie die Lage der omanischen Exklave MusundamWikipedia

Über die Zukunft der dritten Insel, Abu Musa, werde noch gesprochen: Abu Musa (rund zwölf Quadratkilometer) liegt etwas weiter südwestlich und ziemlich genau in der Mitte zwischen Dubai und der iranischen Küste. Hier wohnen mehr als 2000 Menschen, es gibt einen Flughafen, einen Ölexporthafen und Fischereibetriebe, Landwirtschaft ist wegen der kargen Böden nicht möglich. Auch sie war 1971 vom Iran besetzt worden - die Geschichte ist kompliziert (siehe weiter unten), jedenfalls hatten sie über die Jahrhunderte zu Persien gehört, waren aber 1904 vom arabischen Scheichtum Schardscha okkupiert worden. 

Das "Norwegen Arabiens"

Der Iran solle dafür, der hochrangigen Quelle in den Emiraten zufolge, eine Basis in dem erwähnten omanischen Gebiet Musandam erhalten. Die Exklave ist etwa 100 Kilometer vom omanischen Hauptland entfernt und davon durch die Emirate getrennt. Musandam misst etwa 1800 Quadratkilometer (entspricht etwa der Hälfte des Burgenlandes) und hat um die 30.000 Einwohner, die großteils einen iranischen Dialekt sprechen.

Die Gegend ist wüstenhaft gebirgig, die Küste ist krakelig und erinnert an norwegische Fjordlandschaften. Wegen der schönen Landschaft und großartigen, klaren Tauchgebieten floriert der Tourismus, freilich auch traditionell der Schmuggel über das Meer mit dem Iran.

Detailkarte Oman
Detailkarte OmanPrivat

Die Verhandlungen zwischen den drei Staaten hatten wohl vorigen Sommer begonnen: Damals hatte Omans umtriebiger Sultan Qabus ibn Said Teheran besucht und Irans Präsidenten Hassan Rohani getroffen. Vor wenigen Wochen war dann zunächst der Außenminister der Emirate, Scheich Abdullah Bin Zayed, in Teheran gewesen, um die Inselfrage, die die Beziehungen beider Länder seit Jahrzehnten belastet, wieder aufzuwerfen; kurz danach fuhr Irans Außenminister Javad Zarif zu Gesprächen nach Abu Dhabi.

Rege Besuchsdiplomatie

Das aktuelle Abkommen sei dann Ende Dezember finalisiert worden, als der Kronprinz von Abu Dhabi, Scheich Mohammed bin Zayed al-Nahyan - er ist auch der Vizechef der Streitkräfte der Emirate - Sultan Qabus im Oman besucht habe.

Noch gibt keine der betroffenen Regierungen den Deal offen zu; allerdings hatte der Premierminister der Emirate und Herrscher von Dubai, Scheich Mohammed Bin Rashid Al Maktum, erst vor wenigen Tagen in einem Interview mit der britischen BBC gesagt, dass er dafür sei, die internationalen Sanktionen gegen den Iran wegen dessen Atomprogramms aufzuheben. Und: Er wolle den "Spalt" zwischen seinem Land und dem Iran überbrücken.

Irans Militär zieht ab

Zudem bemerkte im Dezember das US-Militär, das die Gegend genau beobachtet und dort Kriegsschiffe hat, dass iranische Einheiten auf den Inseln begonnen hatten, ihre Stellungen und Unterkünfte abzureißen. Auch wurde eine Staffel iranischer Jagdflugzeuge von Abu Musa zurück aufs Festland verlegt.

Strand von Abu Musa
Strand von Abu MusaWikipedia

Ali Vaez, ein politischer Analyst der "International Crisis Group", vermutet hinter dem Abkommen, dass der Iran einerseits tatsächlich daran interessiert sei, die Spannungen in der Region abzubauen. Zugleich erhalte er dafür ja auch etwas, was nicht minder wertvoll ist, nämlich ein Standbein auf der anderen Seite des Golfs. Freilich handle, besagt der Bericht im Fachmagazin defensenews.com, der Oman auch nicht als barmherziger Samariter: Im Gegenzug für die iranische Basis auf seinem Gebiet solle nämlich eine Pipeline gebaut werden, durch die der Oman mit Öl und Gas aus dem Iran bezahlt werde.

Dorf in einem Fjord von Musandam
Dorf in einem Fjord von MusandamEckhard Pecher

Für Staaten wie die USA muss freilich, ungeachtet des jüngsten politischen Tauwetters im Verhältnis zu Teheran, die Vorstellung ein Horror sein, dass die Iraner künftig auf beiden Rändern der Straße von Hormuz präsent sein könnten: Es ist daher zu vermuten, dass eine etwaige iranische Militärbasis dort auf omanischem Hoheitsgebiet vertraglich nicht allzu hoch gerüstet werden darf: Es ist anzunehmen, dass der Oman nur eine bestimmte Größe zulässt und gewisse Waffen, etwa Seezielraketen und Seeminen, dort nicht hingebracht werden dürfen.    

Inseln im weltpolitischen Spannungsfeld

Die Geschichte der strategisch wichtigen Inselchen ist ziemlich interessant. Die Tunb-Inseln und Abu Musa waren schon vor Jahrhunderten unter Oberhoheit des Persischen Reiches, wenn auch faktisch von lokalen Fürsten an der iranischen Küste aus regiert. Von 1507 bis 1622 waren die Tunbs portugiesisch besetzt. Ende des 19. Jahrhunderts war Großbritannien, das sich im Golf breitgemacht hatte und weite Teile der arabischen Küste beherrschte, daran interessiert, die persische Hoheit über die Inseln zu beenden - auch, weil man glaubte, Persien könnte sich russischen und deutschen Interessen beugen und Stützpunkte dieser Rivalen des Empires dort erlauben.

Die Große Tunb-Insel
Die Große Tunb-Inselfanack.com

Die Briten setzten Persien schließlich so unter Druck, dass dessen Regierung ihre Polizei und Militärkräfte im Juni 1904 von den Inseln abzog - aber unter der Bedingung, dass man Verhandlungen mit den Briten über den Status der Eilande einleite. Das geschah freilich nie: Wenige Tage nach dem persischen Abzug landeten Truppen des Scheichs von Schardscha auf den Inseln und pflanzten dort ihre Fahnen auf.

Schardscha ist heute einer der sieben Teilstaaten der Vereinigten Arabischen Emirate und war damals, so wie die anderen Scheichtümer dort, britisches Protektorat. Die Tunbs wurden ab 1921 vom Scheichtum Ra's al-Chaima aus verwaltet, auf Abu Musa wurden auch britische Truppen stationiert.

Rückkehr der Iraner 1971

Ende der 1960er-Jahre, als die Briten daran gingen, die Scheichtümer in die Unabhängigkeit zu entlassen, rüstete sich der militärisch mittlerweile erstarkte Iran für die Rückholung der Inseln. Wenige Tage vor der Ausrufung der Vereinigten Arabischen Emirate - das war am 2. Dezember 1971 - schloss der Iran einen Vertrag mit Schardscha, demzufolge Abu Musa fortan als Kondominium beider Länder verwaltet wurde. Scheich Saghar, der Bruder des Emirs von Schardscha, empfing auf Abu Musa sogar iranische Marineoffiziere (s. Foto).

Die Tunbs indes wurden am 30. November 1971 von iranischen Marinesoldaten besetzt. Dabei gab es eine Schießerei mit der kleinen arabischen Polizeigarnison, wobei es mehrere Tote gab; angeblich hatten die Araber zuerst geschossen.

Scheich Saghar von Schardscha und iranische Offiziere 1971
Scheich Saghar von Schardscha und iranische Offiziere 1971Khandaniha Magazine

Die "Inselfrage" belastete seither die Beziehungen zwischen den dem Iran und den Emiraten, die dabei auch politische Rückendeckung anderer arabischer Staaten bekamen. Allerdings gibt es deswegen auch zwischen Schardscha, das "seine" Insel Abu Musa faktisch und rechtlich zur Hälfte aufgegeben hatte, und den anderen Emiraten des Staatenbundes seither Reibereien. Ra's al-Chaima wiederum, das die Tunbs verloren hatte, drängte seit 1971 stets auf harte Maßnahmen gegen den Iran, ja auf Militäraktionen, während die meisten anderen Emirate, vor allem Dubai, den Konflikt als unnötig erachteten und auf Verhandlungen setzten.

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"Googlemaps" zeigt die krakelige Küste von Musandam: