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Vor Transsylvanien: Die steirischen Wurzeln des Vampirmythos

(C) Stiftmuseum Admont
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Der frühe Vampirroman „Carmilla“ spielte in der Steiermark. Und auch Bram Stokers „Dracula“ war zunächst dort angesiedelt. Auch daran wird eine Ausstellung erinnern.

Die Liebe will ihre Opfer haben. Kein Opfer ohne Blut.“ Das ist kein Zitat aus „Twilight“. So romantisch formulierte es schon 1872 der irische Urvater des modernen Vampirmythos, Sheridan Le Fanus, in seiner Geschichte „Carmilla“, einer im Prinzip lesbischen Liebesgeschichte. Dem Mädchen Laura erscheint nächtens die wunderschöne Carmilla, die zur Katze verwandelt an ihr saugt. Was Lauras Papa so gar nicht gefallen will.

Kulisse für das Spektakel ist eine Gegend, deren Bevölkerung damals als exemplarisch rückständig, dumpf und abergläubisch galt: die Steiermark. Das legte ein Reisebericht des Schotten Basil Hall nahe, der für ein halbes Jahr lang im Wasserschloss Hainfeld (in der Südoststeiermark) seine einsame und kranke Landsfrau Johanna Anna von Purgstall besucht hatte. Le Fanus muss diesen Bericht gekannt haben. Und Bram Stoker hat Le Fanus' „Carmilla“ gekannt. Sein 25 Jahre später erschienener „Dracula“ sollte ursprünglich ebenfalls in dieser „gottlosen“ Landschaft spielen, bis die Suche nach einer männlichen Vampirvorlage Stoker dann doch noch nach Transsylvanien führte.

 

Die sexuelle Frau als Vampir

Jedenfalls sieht man den ausgestrichenen Namen „Styria“ noch in den ersten Notizen Stokers, die man im Graz-Museum ab Ende Jänner als Faksimile aus der Rosenberg Library in Philadelphia zeigt. Die steirischen Wurzeln der modernen literarischen Vampirfigur dienten einem dreiköpfigen Kuratorinnenteam als Ausgangspunkt für einen Überblick bis in die Gegenwartskultur, in der die Untoten in den vergangenen Jahren in Film und TV fröhliche Urständ feierten. Zuletzt in Jim Jarmuschs Film „Only Lovers Left Alive“, in dem u. a. mit Tilda Swinton ziemlich lässige Paradebeispiele für die „Krise des Subjekts“ präsentiert werden, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts, seit Beginn der Moderne, ja hartnäckig hält.

Der unmögliche Blick des Vampirs in den Spiegel allein schon zeigt seine Entfremdung von der Welt, seine Verzweiflung, sich selbst nicht mehr erkennen zu können. Sein zuletzt immer stärker kultivierter Wille zur Beherrschung und Integration kann durchaus gesellschaftspolitisch interpretiert werden, wie auch die TV-Serie „True Blood“ nahelegt. Als feministische Vorkämpferinnen gehen Carmilla und ihre Vamp-Konsortinnen ebenfalls durch. „Die selbstbestimmte, sexuelle Frau ist ein Vampir – eine Vorstellung, die eng mit dem Erstarken des Bürgertums verbunden ist“, so die Grazer Kuratorinnen: Annette Rainer, Martina Zerovnik, Christina Töpfer.

 

Gemüsesaft statt Blut

In fünf Räumen wird die Schau „Carmilla, der Vampir und wir“ das Thema umkreisen, das sich seit der Antike durch die Kulturen zieht, heißen die Geschöpfe jetzt Lemuren, Lilith oder Edward. Wurde der Vampir als Abbild des anderen, des Verdrängten, des Abgelehnten früher auch für politische Propaganda missbraucht, wurden etwa Juden von den Nationalsozialisten als „Vampire“ diffamiert, hat sich die Figur seither immer mehr zum Positiven geändert, sagen die Kuratorinnen. Vom animalischen Monster zum schönen, edlen, in zeitgenössischen Serien den Menschen zum Teil auch überlegenen Wesen. Filmstills, Plakate, Filmszenen, das Carmilla-Mode-Shooting eines französischen Fotografen oder die US-Erfindung eines veganen Kaninchenvampirs, das dem Gemüse den Saft aussaugt, werden diesen popkulturellen Bereich abdecken.

Über die Jahrhunderte zurück gibt es allerdings eher Exponate, die sich „im übertragenen Sinn“, so die Kuratorinnen, den existenziellen Fragen widmen, die hinter dem Vampirismus stecken – Leben und Tod, Erkenntnis, Identität und Liebe. Franz von Stucks Vamp-Ikone „Die Sünde“ hat man sich ebenso geliehen wie das Vanitas-Bild des Burgfräuleins von Strechau aus dem Admonter Stiftsmuseum. Die Dame hatte dem in den Krieg geeilten Gatten ewige Treue geschworen, als sie sie brach, verwandelte sie sich in ein Skelett.

Ausstellung im Stadtmuseum: ab 30.Jänner, bis 31.Oktober; www.stadtmuseum.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2014)

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