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Olympia 2014: Die unsauberen Spiele von Sotschi

(c) REUTERS (MAXIM SHEMETOV)
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In Sotschi blüht die Korruption. Allein dass die Gegend die Spiele erhalten hat, wirft Fragen auf. Auch für Österreich und seine Firmen. Wer zu viel fragt, erhält unmoralische Angebote.

Sotschi/Wien. Gernot Leitner ist ein weitblickender Mann. Und er reagiert schnell. Die Vergabe der Olympischen Winterspiele ans russische Sotschi im Juli 2007 war noch keine drei Monate alt, da traf der Geschäftsführer der mit Sotschi konkurrierenden Salzburger Bewerbungsgesellschaft seinen russischen Counterpart Dmitri Tschernyschenko. Überzeugte ihn, dass man das für Salzburg ausgearbeitete Transportsimulationssystem auch für Sotschi gut adaptieren könnte. Gründete ein Unternehmen namens Masterconcept. Und generiert nun 60 Prozent seines Umsatzes in Russland. Allein in Sotschi hat er 32Aufträge im Wert von etwa zehn Mio. Euro unter anderem für den operativen Masterplan an Land gezogen. „Masterconcept hat sicher profitiert“, sagt er. „In gewisser Weise wurden wir für die Niederlage Salzburgs entschädigt.“

Auch für viele andere österreichische Unternehmen hat es sich ähnlich günstig gefügt. Niemand will sich gern unpatriotisch geben. Aber dass in Salzburg, hätte es gewonnen, nicht so viel an Aufträgen zu holen gewesen wäre, geben die meisten im Gespräch schon zu. Der Vorarlberger Seilbahnhersteller Doppelmayr hat 40 Anlagen im Wert von 250 Mio. Euro in Sotschi errichtet. Gut, die Berge des Kaukasus wären auch so als Skigebiet erschlossen worden. Und in der Tat hat gerade Doppelmayr schon vorher dorthin geliefert. Aber das Ausmaß wäre kleiner gewesen, bekennt Firmenchef Michael Doppelmayr. Ganz zu schweigen von den Folgeaufträgen, die dem Unternehmen wie auch Masterconcept etwa bei der Fußball-WM 2018 in Russland winken.

 

Strabag: Aufträge über 412 Mio. Euro

Die Strabag ist ebenfalls schon vor der Vergabe der Spiele in Sotschi aktiv gewesen. Später baute sie noch das olympische Dorf. Macht unter dem Strich 412 Mio. Euro an Aufträgen. Und insgesamt hat Österreichs Wirtschaft mit etwa 1,3 Mrd. Euro in Sotschi mitgenascht.

Dass es so dick kam und dass selbst die Deutschen, die sonst wirtschaftlich stark in Russland aufgestellt sind, weniger abbekommen haben, wie man in der deutschen Außenhandelskammer schätzt, springt denn doch ins Auge. Wurde hier etwa doch mehr gemauschelt, als bekannt ist? Hat eine Hand die andere gewaschen, nachdem zuvor bereits unter der Decke gedealt worden ist?

Der olympische Kontakt zwischen Russland und Österreich kam nicht erst in der Zeit von Leitners Treffen mit Tschernyschenko zustande. Auf der Chefebene des österreichischen und russischen Olympischen Komitees wurde schon vor der Vergabe vorgefühlt, damit die Stimmen des im ersten Wahlgang unterlegenen Bewerbers dann zum Konkurrenten wandern. Am Ende gingen von 25 Salzburger Stimmen 17 an Sotschi, womit der dritte Bewerber, Südkorea, ausgebootet war. Kreml-Chef Wladimir Putin rief umgehend seinen Amtskollegen Heinz Fischer an und stellte zusätzliche Möglichkeiten der Zusammenarbeit in Aussicht.

 

Putin telefonierte mit Fischer

Die Rede davon wird freilich noch früher gewesen sein. Sicher am Abend des 6.Jänner 2007, als im Hotel Oberforsthof in St.Johann im Pongau im Beisein von Leonid Tjagatschow, dem Präsidenten des russischen Olympischen Komitees, feuchtfröhliche Kamingespräche mit Wirtschaftstreibenden aus Österreich stattgefunden haben, wie aus österreichischen Sicherheitskreisen zu erfahren war. In der hochrangigen russischen Delegation befand sich unter anderem Russlands Wirtschaftsminister Herman Gref, der sich vor dem Gespräch noch mit zwei Topbeamten des Kremls in Zell am See getroffen haben soll. Zwei Wochen später trat der Ko-Geschäftsführer der Salzburger Bewerbungsgesellschaft, Fedor Radmann, zurück. Die Mutmaßung, dass er von den Russen bestochen worden sei, bezeichnete er als „völlig absurd“. Drei Wochen später dann, Mitte Februar, war Exskistar und Putin-Freund Karl Schranz in Sotschi zugegen, als eine Mission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Sotschi evaluierte. Dafür, dass Schranz dort in der offiziellen Kleidung der russischen Bewerber auftrat, fehlte sogar Radmann „jedes Verständnis“.

Sieben Jahre später geht eine vom ORF koproduzierte Doku, die unter dem Titel „Putins Spiele“ am 2.Februar ausgestrahlt wird, nicht nur dem Problem der Umsiedelungen in Sotschi nach. Sie behandelt auch die Fragen, warum das IOC die Winterspiele in ein subtropisches Gebiet vergeben konnte und wie korrupt dort gewirtschaftet wurde. Vor allem aber bringt sie erstmals Leute vor die Kamera, die ungeschminkt vom Wirtschaften hinter den Kulissen berichten. Solches wollte der russische Zensurapparat immer verhindern. Wie er es konkret versucht hat, erzählt die Leipziger Doku-Produzentin Simone Baumann. Dubiose Figuren seien bei einer Abendveranstaltung auf sie zugekommen und hätten 600.000 Euro, das Doppelte des Filmbudgets, geboten, wenn der Film nicht gedreht würde. „Kurze Zeit später haben sie angerufen und vorgeschlagen, dass ich eine Summe nenne, die ich haben möchte. Ich habe den Hörer aufgelegt.“ Der ORF hat dem Vernehmen nach überlegt, der Doku einen prominenteren Sendeplatz zu geben, belässt ihn nun laut Pressestelle aber am angestammten Doku-Platz um 23 Uhr.

Der Frage, wie sich Österreichs Unternehmen vor Ort bewegt haben, ohne im Korruptionssumpf zu versinken, geht die Doku nicht nach. „Die Presse“ hat acht namhafte Unternehmen befragt. Alle verweisen auf die hauseigenen hohen Compliance-Vorschriften. Mit Korruption sei keiner in Berührung gekommen. Eine Nachfrage bei deutschen Firmen zeigte, dass manche darauf stießen. Im Vertrauen erklärte ein Vertreter eines österreichischen Unternehmens schon im Vorjahr, dass die Situation in Sotschi „eine einzige Katastrophe“ sei: „Jeder hält die Hand auf und kassiert mit.“

Auch deshalb haben sich die Kosten der Spiele auf 50 Mrd. Dollar verfünffacht. Die Hälfte werde in dunkle Kanäle geflossen sein, behauptet der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzov. Warum viele Österreicher mitschwimmen konnten, ohne nass zu werden? Man sei nur für private Auftraggeber tätig gewesen, bei Bauvergaben der öffentlichen Hand sei es heikler, heißt es bei der Strabag. In der Hochtechnologie und der Beratung sei das Problem nicht so vorhanden wie bei Zulieferern zum Baugeschäft, sagen andere. Man habe den Auftrag über einen russischen Partner erhalten und abgewickelt, sehen sich manche aus der Verantwortung genommen. „Die Generalaufträge gingen an staatsnahe Firmen“, erklärt Leitner: „Der Kuchen wurde bereits auf den Ebenen über uns verteilt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2014)