Der größte europäische Ölkonzern spürt die niedrigen Ölpreise und leidet unter höheren Explorationskosten sowie einem schwächelnden Raffineriegeschäft.
London/Den Haag. Ben van Beurden, der neue Chef von Royal Dutch Shell, hat sich seinen Start bei Europas größtem Ölkonzern sicher anders vorgestellt. Der Niederländer, der am 1.Jänner dieses Jahres Peter Voser abgelöst hatte, musste am Freitag eine Gewinnwarnung ausgeben – nach eigenen Worten eine signifikante. Diese Warnung – die erste seit 2004 – gefiel den Anlegern gar nicht: Die Aktie begab sich sofort auf Talfahrt und verlor zeitweise mehr als vier Prozent. Auf einen Schlag lösten sich damit – zumindest auf dem Papier – 4,5Mrd. Pfund an Marktkapitalisierung in Luft auf. Auch die Papiere des britischen Konkurrenten BP verloren an Wert, zeitweise gut 2,5Prozent.
Wie Shell bekannt gab, werde der Nettogewinn im Gesamtjahr 2013 bei 16,4 Mrd. Dollar (zwölf Mrd. Euro) liegen, was einem Minus von 40 Prozent entspricht. Im vierten Quartal werde der Ertrag (ohne außerordentliche Belastungen) sogar um 70 Prozent auf 2,9Mrd. Dollar fallen. Analysten sind von einem Quartalsgewinn von 4,9 Mrd. Dollar ausgegangen.
Hohe Kosten schlagen zu Buche
Shells Gewinnwarnung sei eine Bestätigung, welche Bedeutung die fallenden Ölpreise haben, sagte Carsten Fritsch, Analyst bei der Commerzbank. Der Preis für ein Barrel Öl (159 Liter) hat sich im Schnitt der vergangenen drei Jahre bei 110 Dollar eingependelt. Zur Preisminderung hat unter anderem auch das boomende Schiefergasgeschäft in den USA beigetragen.
Shell leidet aber auch unter steigenden Kosten für neue Projekte, höheren Ausgaben für die Exploration von Öl und Gas, einem schwächelnden Raffineriegeschäft sowie den Sicherheitsproblemen im Förderland Nigeria, die zu Produktionsunterbrechungen geführt haben. So werde Shell allein im vierten Quartal 700 Mio. und im Gesamtjahr 2,7 Mrd. Dollar auf das Upstream-Geschäft – die Förderung von Öl und Gas – abschreiben. In dieser Sparte brach der Gewinn um ein Viertel ein.
Im verbrauchernahen Downstream-Geschäft (Raffinerien und Benzinverkauf) sind zudem die Margen niedrig. Außerdem schlugen auch teure Wartungsarbeiten bei Öl- und Gasbohrplattformen negativ zu Buche. Gleichzeitig lagen die Investitionen im Gesamtjahr bei enormen 44,3 Mrd. Dollar, hauptsächlich in der Öl- und Gasförderung.
„Unsere Ergebnisse im Geschäftsjahr 2013 entsprechen nicht dem, was ich von Shell erwarte“, sagte van Beurden. „Unser Fokus liegt jetzt klar bei der Verbesserung der finanziellen Resultate.“ Der neue Konzernboss, der die endgültigen Resultate am 30. Jänner präsentiert, kündigte ferner an, dass er ,,effizienter mit dem eingesetzten Kapital wirtschaften will“.
Analysten gehen davon aus, dass van Beurden, der seit dem Jahr 1983 bei Shell arbeitet, die Bilanzpräsentation auch dazu nutzen wird, eine neue Strategie vorzustellen. Quirijn Mulder, Analyst bei der ING Bank, erwartet, dass van Beurden auch analysieren werde, welche Firmenteile er verkaufen kann. Der Konzern avisierte bereits, sich von einigen Ölfeldern und Förderanlagen in der Nordsee trennen zu wollen.
Solide Dividende
Alles in allem trauen Branchenkenner und Analysten dem 55-Jährigen zu, den Ölkonzern wieder glänzen zu lassen – und an die Tradition einer soliden Dividendenpolitik anzuknüpfen.
Shell hat seit dem Zweiten Weltkrieg niemals die Dividende gesenkt. Der Absolvent der Universität Delft (Chemical Engineering) sei ein Stratege, der seine Branche kenne wie seine Westentasche, heißt es. Er gilt als der „stille Mann“ bei Shell – sei aber extrem zielorientiert. (Bloomberg/Reuters/htz)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2014)