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Zu viel Farbe auf Beton: Wie Graffiti die Stadt plagen

Graffiti in Wien-Neubau
Graffiti in Wien-NeubauDie Presse
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Die Zahl der Graffiti sorgt seit gut einem Jahr für Ärger in Wien. Vor allem die Bewohner rund um den siebten Bezirk sind betroffen. Auslöser für den Anstieg dürfte ein Schweizer Sprayer sein, für den sich auch die Polizei interessiert. Einige Unternehmer rüsten ihre Häuser nun mit Spezialfarbe.

Sie kamen in der Nacht, und im Nachhinein wird niemand etwas Verdächtiges gesehen haben. Klar, ein paar Menschen sind vorbeigegangen, aber Spraydosen in der Hand? Nein. Da hätte man ja etwas gesagt. Aber der Schaden ist unübersehbar. Ein krakeliger Schriftzug in Schwarz prangt auf der weißen Hauswand. Kein Kunstwerk, ein Name, eine Markierung, ein „Tag“. So als wollte jemand sagen: Das hier ist mein Revier.

Wien hat ein Problem mit Graffiti-Sprayern. Besonders in den jungen, angesagten Bezirken, dort, wo Kunst und Kreativität besonders geliebt werden, reiht sich Geschmiere an Geschmiere.

Wer im siebten Bezirk rund um die Burggasse wandert, wird kaum eine Hausmauer finden, die davon ausgenommen ist. „Ehre“ und „Scheiß EM“, steht auf Wänden und Türen geschrieben. Ein Anarchiezeichen ist anderorts zu sehen, ein englisches „You“, ein „Must“, ein „Prost“ – alles lieblos hingesprayt, so wie diese Grusel–Barbapapas ein paar Straßen weiter, die Eltern daran erinnern, dass ihr Kind in der Schule zeichnen lernen sollte.

Dementsprechend verärgert sind viele Bewohner des Siebten. Allen voran die Unternehmer. „Es ist ein Wahnsinn“, sagt Wolfgang Huber, Geschäftsführer vom Metall- und Werkzeuggeschäft Petzolt, das auch mit ein paar Schriftzügen auf der Mauer aufwarten kann. Neu streichen will Huber sein Geschäft schon längst nicht mehr lassen. „Das ist in zwei bis drei Tagen wieder voll.“ Er zeigt auf die beschmierte Garage gegenüber. „Die ist eben neu gemacht worden.“



Krank und frustriert. Auch im Geschäft nebenan ist man frustriert. „Wir sehen aus wie ein Abbruchhaus“, sagt der Besitzer des Bonbonladens Lollipop. Fünf- bis sechsmal hat die Hausverwaltung die Außenmauer streichen lassen. Mittlerweile ist wieder ein „Tag“ darauf zu sehen. Wer die Leute sind? Er kann es nicht sagen. „Irgendeine Frustration und Krankheit müssen sie schon haben“, knurrt der Mann.

Einig ist man sich, dass die Zahl der Graffiti in den vergangenen Jahren zugenommen hat. „Seit zwei, drei Jahren werden es mehr“, sagt Huber. Auch die, die mit der Graffiti-Szene gut vernetzt sind, sprechen von einer Zunahme. Allerdings nicht nur im Siebten, sondern in ganz Wien. Zuletzt soll es etwa im achten und im 16. Bezirk mehr Vorfälle gegeben haben. Als Grund und Auslöser wird dabei immer wieder ein Name genannt. Puber.

"Irgendeine Krankheit müssen sie schon haben", knurrt ein Unternehmer.

Ein Sprayer – angeblich aus der Schweiz – der vor allem im vergangenen Jahr fast im zwänglerischen Ausmaß Türen, Fenster, Hausmauern – einfach alles – mit seinem Namen besprüht hat. Das hätte auch andere angestachelt. „Die befinden sich nun mit ihm im Wettkampf. Wer hinterlässt mehr Tags (Zeichen) an mehr Orten?“, sagt ein Mann, der die Szene gut kennt.

Viel ist nicht über den Schweizer Sprayer bekannt. Dafür stößt man schnell auf genervtes und unwohles Stöhnen, wenn man etwas über ihn wissen will. Niemand will sich öffentlich zu dem Sprayer äußern. Denn der Schweizer gilt als nachtragend und gewaltbereit. Einer, der lieber Fäuste als Worte sprechen lässt und dessen Wut und „Mir ist alles egal“-Mentalität sich auch gegen die eigene Szene richten.

So hat er erst vor ein paar Monaten das Street-Art-Kunstwerk des bekannten belgischen Street-Artists Roa in der Schadekgasse besprüht. Ein ziemlicher Affront. Galt es doch bisher als ungeschriebenes Gesetz, dass die Werke von Street-Artists nicht von anderen übersprüht werden.

Als das Wiener Magazin "The Gap" sich kritisch über den Sprayer äußerte, wurde prompt das Büro beschmiert. Auch der Bezirksvorsteher des Siebten, Thomas Blimlinger, musste einen Sprayer-Schriftzug von seinem Namensschild entfernen. Er hatte dem Schweizer davor öffentlich ausrichten lassen, dass das Überschmieren von Kinderzeichnungen wirklich „das Letzte“ sei.

Mittlerweile hat sich auch die Polizei eingeschaltet und einen eigenen Beamten abgestellt, der dem Rabauken auf die Spur kommen soll. Gefunden hat sie ihn freilich noch nicht. Ohnehin geht sie schon längst davon aus, dass der Schweizer mittlerweile Nachahmer hat – so oft würde der Schriftzug vorkommen.


Endlich wieder Gangster. Denn der junge Schweizer hat schon längst die Szene gespalten. Während die einen sauer sind, weil er eine ganze Szene in Verruf bringt, freuen sich andere, „dass endlich wieder das Gangster-Feeling beim Sprayen gefördert wird“, sagt einer, der nicht genannt werden will. Vielen sei die Hipster-Art-Szene mit ihren großen künstlerischen Bildern, die großflächig von Wiens Wänden strahlen, ein Dorn im Auge.

Doch das hat Folgen. Galt die Wiener Graffiti-Szene früher als entspannt, ist die Stimmung nun am Tiefpunkt. Mittlerweile gebe es öfter Streit und mehr Schlägereien am Donaukanal – der Hochburg von Wiens Sprayer-Gemeinde –, wird in der Szene erzählt. Die Polizei wiederum würde dadurch mehr Sprayer festnehmen. Und freilich oft genug die erwischen, die gar nichts gemacht haben.

Dabei hat gerade die Graffiti-Street-Art-Szene lange darum gekämpft, endlich als Kunstform ernst genommen zu werden. Im vorigen Jahr ist Wien auch um mehrere Street-Art-Kunstwerke reicher (und bunter) geworden. Collin van der Sluijs & Rutger Termohlen haben etwa einen übergroßer Eisbären auf eine Hausmauer gemalt. Die Frau auf einem Haus am Brunnenmarkt kommt von BEZT (Etam Cru). Von Evoca1 stammt wiederum der imposante Tiger, der von zwei Männern gebändigt wird, auf einem Haus im 17. Bezirk. Treibende Kraft hinter den Projekten ist Nicholas Platzer, ein gebürtiger New Yorker, der mit seiner Wiener Street-Art-Gallery Inoperable mittlerweile auch in Miami bekannt ist. „In Wien steigt definitiv das Interesse dafür“, sagt Platzer. Weitere Projekte sind geplant.

Farbe rinnt ab. Was also tun, wenn diese Wandmalereien übermalt werden? Im siebten Bezirk – wo man zwar Kunstwerke hat, aber auch mit den Schmierereien kämpft – hat man mittlerweile eine Möglichkeit gefunden, sich zu schützen. Dort bestreicht so mancher die Wände mit Anti-Graffiti-Farbe, die das Anhaften von Graffiti auf den Mauern verhindert. Mehrere Häuser konnten so schon geschützt werden, unter anderem die tiefblaue Fassade des Fotografen Weinwurm.

Die Farbe rinnt auf der Mauer ab, dadurch ist kein gerader Strich mehr möglich.

Dahinter steckt die Wiener Firma Stuhlindustries, die vor einigen Jahren einen eigenen Graffitischutz entwickelt hat. Er basiert darauf, dass die Farbe verrinnt und schlecht anhaftet, wenn sie auf die Mauer gesprüht wird.

Für die Sprayer ist das ein Problem, können sie doch so keinen geraden Strich mehr setzen. Ein eigens entwickeltes Tuch (das erst demnächst auf den Markt kommt) lässt einen wiederum die Graffiti (sollte doch gesprayt werden) schnell von der Hausmauer wischen. Bis jetzt musste das noch die Firma selbst machen – das Abwischen würde aber rasch gehen, sagt der Erfinder des Systems, Erich Stuhl.

Auch in der Stadt Wien kennt man Stuhl mittlerweile gut. Hat er doch quasi noch in seiner Pilotphase 2009 die „Eiserne Zeit“ am Naschmarkt anti-Graffiti-tauglich gemacht, weitere öffentliche Gebäude (unter anderem WCs auf der Donauinsel) sollten schnell folgen.

Seinen Erfolg sieht Stuhl auch darin, dass er die Szene genau kennt. Um zu verstehen, gegen wen er arbeitet (und um sich von der Konkurrenz abzuheben), hat er die Sprayer genau beobachtet. Hat sich mit Freunden nächtelang auf die Lauer gelegt. Sich in Foren herumgetrieben. Leute kennengelernt. Mittlerweile weiß er: „Das ist eine gut organisierte Szene, die nach festen Regeln funktioniert.“

Die Arbeitsschritte werden genau aufgeteilt: Zuerst schießt jemand Fotos, dann schaut ein Zweiter, ob die Luft rein ist, und dann erst kommt der Sprayer und werkt. Nur immer ein paar Minuten.

Dann hört er auf, setzt sich davor und beobachtet. Sollte jemand vorbeikommen, heißt es dann: „Wieso, ich schau ja nur“, erzählt er. Auch dass die Sprayer aus desolaten Verhältnissen stammen, stimmt nicht. Viele von ihnen seien Kinder aus gutem Haus, die mit Hipster-Klamotten und 3000-EuroRädern herumfahren. Für Stuhl im Nachhinein logisch. „Die Farben sind so teuer, das kann sich gar niemand leisten, der kein Geld hat.“

Trotzdem hat er Verständnis für die Sprayer-Szene. „Das passiert, weil sie zu wenig Freiraum in der Stadt haben“, sagt er. Er sieht es daher auch als seine Aufgabe, mit seinem erworbenen Wissen zu vermitteln und mehr Platz für die Sprayer auf eigens geschaffenen Mauern zu schaffen. Auch aus reinem Eigennutz. „Denn seien wir doch ehrlich“, sagt er, „Sprayer wird es immer geben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2014)