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Eingefädelt im Metaphern-Slalom

(c) APA/dpa/Uwe Anspach (Uwe Anspach)
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Albert Ostermaier hat mit »Seine Zeit zu sterben« einen ambitionierten Kitzbühel-Krimi geschrieben. Seine Geschichte deckt er allerdings mit einer erbarmungslosen Sprachlawine zu.

Kitzbühel im Ausnahmezustand: Die Streif, eines der gefährlichsten Abfahrtsrennen der Welt, zieht zehntausende Menschen in die Tiroler 8000-Seelen-Gemeinde. Alle Blicke sind auf den Hahnenkamm gerichtet. Für 90Minuten dreht sich alles um Mausefalle, Steilhang, Hausbergkante und Zielsprung – für Skisportfans mythische Begriffe. Zwei Fragen beschäftigen dann die Zuseher: Wer bezwingt den Berg, wen wirft er ab?

Der deutsche Autor Albert Ostermaier will in seinem ambitionierten Roman „Seine Zeit zu sterben“ aber vor allem die Antwort auf eine dritte Frage finden: Was, wenn mitten in dem Spektakel ein Kind spurlos verschwindet? Der Verlag preist das Buch als „packenden, sprachmächtigen Thriller aus der Glitzerwelt Kitzbühels“. Tatsächlich ist daraus eine über weite Strecken spannungsfreie Sprachlawine geworden, unter der Handlung und Charakterzeichnung erstickt werden.

Das liegt vor allem an einer Vorliebe des Autors. Ostermaier scheut keine noch so abwegige Berg-, Ski- oder Sportmetapher. „Mit meinem Großvater, sagte er unvermittelt dem Pater, war es wie mit einem Skischuh“, kann man da lesen. Einmal heißt es: „Jeder Satz war eine Alpenüberquerung mit nackten Füßen.“ Oder: „Der Rest des Tisches konnte ihrem Gespräch nicht folgen, den kurzen Andeutungsschwüngen, den Buckelpisten.“ Dieses flächendeckende Metaphern-Bombardement nervt.


Viele Figuren, eine Stimme. Ein weiteres Problem: Irgendwie sprechen und denken Ostermaiers Figuren gleich. Es ist, als hätten sie kein eigenes Innenleben beziehungsweise das des Autors. Ostermaiers Namensspiele wirken ebenfalls eher erzwungen als lustig. Die Polizistin Brigitte hat den Spitznamen „Bonnie“, weil sie mit Nachnamen Klaid heißt. Und ein Kitzbüheler Galerist heißt „Scotty“, „weil er Scott Fitzgerald ähnelte, in seinem Trinkverhalten, in seiner Lebenslust, seiner Leidenschaft, seiner Formvollendung, seiner Rauschdisziplin, seiner Metamelancholie“.

Ostermaier wollte wohl auch die zwiespältige Glitzerwelt Kitzbühels mit all den „fetten Russen, rotzigen Holländern, den Wiener Würstelbudenblasierten oder den Muschimünchnern“ kritisch beleuchten, „die gescheit daherreden, wie sie die Streif hinunterjagen werden, und dann rutschen sie auf der Familienstreif runter wie von ihren aufgespritzten Frauen mit den Botoxbuckelpisten zu Hause.“ Doch er tappt in die Kitsch- und Klischeefalle. Ostermaier befördert Stereotype anstatt sie zu entschlüsseln.

Nur selten gelingen Ostermaier stimmige Bilder. An einer Stelle schildert etwa der skrupellose Russe Vladimir seinem Leibwächter eine eindringliche Szene aus der US-TV-Serie „Breaking Bad“ – ohne das allerdings zu erwähnen („Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Ich habe sie in Amerika gesehen, im Fernsehen.“) Darin erhalten zwei mexikanische Buben eine brutale Lektion von ihrem Großvater. In der Folge muss auch der Leibwächter eine schmerzhafte Lektion – noch dazu vor den Augen von Vladimirs Töchtern, die er angeblich über alles liebt – lernen. Die Analogie gerät auch hier zu plump. Eine wohltuende Ausnahme ist jene Szene, in der Ostermaier davon schreibt, dass sich am Abend des Rennens die Einheimischen im Rasmushof zurückziehen, „weil sie ihre Ruhe haben wollten, weil sie einen Schutzraum suchten vor den Blicken, weil sie einfach noch ein paar Gläser völlig entspannt trinken wollten, weil es familiär war, weil es so war wie früher, [...] wo ein Schnitzel reichte und es nicht Kaviar sein musste.“ Da wird das alte, frühere Kitzbühel richtig spürbar.


Weniger ist mehr. Zweifellos liebt Ostermaier, eigentlich ein Lyriker, die Sprache. Doch mit „Seine Zeit zu sterben“ hat er dem Leser keinen Gefallen getan. Weniger wäre mehr gewesen. Das merkt man vor allem gegen Ende des Buches, wenn alle Metaphern ausgereizt sind. Dann schüttelt Ostermaier den Ballast des Gekünstelten ab und löst seine Geschichte in klarer, eindringlicher Sprache überzeugend auf. Leider zu spät. Wie jeder Streif-Kenner weiß: Eine gute Fahrt im Zielhang garantiert noch keinen Spitzenplatz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2014)