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Constructive News: Die Zeitung, dein Freund und Problemlöser

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Der dänische TV-Journalist Ulrik Haagerup glaubt, Journalismus muss positiver und lösungsorientierter werden, um das Publikum nicht zu verlieren. Viele Medien haben das bereits verstanden.

In Zeiten des Umbruchs und der Krise sind sie besonders gefragt: einfache Rezepte für garantierten Erfolg. In der Medienbranche hat sich längst ein eigener Zweig etabliert, den man als „Journojournalismus“ bezeichnen kann. Blogs und Websites, die entweder von seriösen Journalismusschulen (Tow Center, Poynter Institute), Thinktanks (Pew Center) oder von geübten Selbstvermarktern wie dem US-amerikanischen Medienberater Ken Doctor betrieben werden, replizieren Trends und geben Ratschläge. Auch Onlinemedien aus den US wie „Buzzfeed“ und „Huffington Post“ mischen da mit und bieten immer öfter einer verunsicherten Berufsgruppe schnellen Rat an – am liebsten in praktischer Listenform mit einprägsamem Titel à la „22 things journalists know to be true“ („Buzzfeed“), „Ten things journalists should know 2013“ (journalism.co.uk).

„Sorry for being negative“

Ohne Liste, aber mit einem lauten Appell wendet sich der dänische Nachrichtenjournalist Ulrik Haagerup an seine Branche. Journalismus müsse positiver und lösungsorientierter werden, um weiterhin das Publikum zu gewinnen. Dabei ist seine Theorie des „Constructive Journalism“ nicht ganz neu. Vor einigen Jahren experimentierte etwa der Londoner „Evening Standard“ mit dem Slogan „Sorry for being negative“ und entschuldigte sich bei seinen Lesern für die vorhersehbare, eher negative Art zu berichten. Eine schlaue Werbekampagne, die den Journalismus des Gratisblatts natürlich nicht veränderte.

Genau das wünscht sich aber Haagerup von seiner Branche und zitiert dabei ganz gern Bob Dylan aus seinem Song „The Times They Are A-changin‘“: „The slow one now/Will later be fast/As the present no/Will later be past.“Die Digitalisierung habe kaum einen anderen Sektor so hart getroffen wie die Medienbranche, deshalb sei es an der Zeit, die Einstellung zum Geschäft zu verändern. Er selbst habe lange an den Stehsatz „Good news is bad news“ geglaubt, und daran, „dass ein Text, über den niemand böse ist, nicht Journalismus, sondern Werbung ist“.

Seit 2007 ist Haagerup Nachrichtenchef des dänischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks DR, der dank Serienhits wie „The Killing“ und „Borgen“ als globales TV-Wunderkind gilt. Nach unzähligen Vorträgen hat er nun ein Buch über „Constructive News“ veröffentlicht, über das er am Donnerstag in Wien sprechen wird.

Kein „Nordkorea-Journalismus“

Sachlich, lösungsorientiert, zukunftsweisend – sollte Journalismus das nicht von Haus aus sein? „Sollte er, ist er aber nicht“, sagt Haagerup. Er verbringe bei seinen Vorträgen viel Zeit damit, die Missverständnisse, die seine These auslöst, aufzuklären. Er spreche nicht von einem „Nordkorea-Journalismus“ oder süßen Storys über Katzen oder Royals. Kritik und Kontrolle der Mächtigen seien nach wie vor die Kernaufgaben des Journalismus. „Es muss und kann nicht jeder Artikel konstruktiv sein. Aber positive Beiträge können eine gute Ergänzung zu Nachrichten über Zugunfälle, Tsunamitote und Co. sein.“ Das erreiche man vielfach schon durch eine andere Art der Fragestellung in Interviews, einen anderen Blick auf Geschichten.

Haagerups Theorie unterstreicht auch der „Tages-Anzeiger“-Journalist Constantin Seibt. In seiner Kolumnensammlung „Deadline“ formuliert er (wieder eine Liste!) „15 Thesen zum Journalismus im 21.Jahrhundert“. Eine davon lautet: Das „ehemalige Kernprodukt, die Nachricht“ ist dank der Digitalisierung inflationär geworden und gleicht eher einer Belästigung. Wer sich also nur noch auf das Replizieren von Nachrichten verlege, werde das Publikum nicht für sich gewinnen. Was Seibt allerdings auch sagt: dass Bravheit und Effizienz im Journalismus tödlich sind und vor allem der Stil eine „große, ungenutzte Ressource“ ist.

Haagerup nennt die Hamburger Magazine „Spiegel“ und „Zeit“, um seine These des konstruktiven Journalismus zu unterstreichen: Während der „Spiegel“ sehr skandalgetriebene, kritische Geschichten mache und mit einer sinkenden Auflage konfrontiert sei, würde die „Zeit“ mit ihren positiven Titelgeschichten ihre Auflage steigern. Dass auch der „Spiegel“ nicht selten mit serviceorientierten Lesegeschichten titelt und die „Zeit“ wegen ihrer manchmal beliebigen Aufmacher, etwa über Freundschaft oder das Scheitern, auch kritisiert wird, hat der dänische Journalist offenbar noch nicht gehört.

Aufmunternd ist Haagerups These jedenfalls. Er glaubt an eine Zukunft der klassischen Medien, und das ist zwischen all dem „Journalismus ist tot“-Gerede eine angenehme Abwechslung.

PERSON UND TERMIN

Ulrik Haagerup (50) ist Nachrichtenchef des dänischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks DR. Sein Buch über „Constructive News“ erscheint Ende des Jahres auf Englisch (bisher nur Dänisch). Am Donnerstag, den 23.1.2014 ist er auf Einladung des Forums für Journalismus und Medien (FJUM) in Wien und diskutiert mit ORF-Journalist Robert Wiesner im Presseclub Concordia (Bankgasse 8, 19 h) über seine Thesen. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2014)