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Der tiefe Fall der "gelben Engel"

Der Automobilklub ADAC steckt in einer schweren Krise. Der skurrile Skandal um einen manipulierten Autopreis ruiniert das Vertrauen, von dem der größte deutsche Verein lebt.

Berlin. Am Donnerstag war der Himmel noch heil. In der Allerheiligenkirche der Münchner Residenz sonnten sich die Spitzen der deutschen Autoindustrie im Glanze ihres Gastgebers: Der ADAC hatte zur Verleihung des „Gelben Engels“ in das schmucke Gotteshaus geladen. So wie der Preis heißen im Volksmund die gelben Pannenhilfefahrzeuge des wichtigsten Automobilklubs. Die VW-Delegation strahlte heuer besonders, hatten doch die Leser der Vereinszeitschrift „Motorwelt“ den Golf zum beliebtesten Auto gekürt.

Nur einmal ging ein Raunen durch das Hauptschiff: als Karl Obermair, Geschäftsführer des größten deutschen Vereins mit gut 18 Mio. Mitgliedern, über die „Süddeutsche“ herzog. Die Zeitung hatte berichtet, die Abstimmungszahlen seien getürkt. Alles „Unwahrheiten und Unterstellungen“, ein „kompletter Unsinn“. Der „Skandal für den Journalismus“ durfte das Hochamt der Branche nicht stören.

Erst die Lüge, dann die Demut

Am Wochenende aber wich der hochmütige Stolz einer demütigen Zerknirschung. Kommunikationschef Michael Ramstetter gab öffentlich zu, die Zahlen schon in den Vorjahren manipuliert zu haben, und wurde umgehend gefeuert. Obermair, ein gebürtiger Österreicher mit Kluberfahrung beim ÖAMTC, zeigte sich plötzlich entsetzt über die „unglaublich dreiste Art und Weise“ der Zahlentrickserei. Dabei seien doch „Glaubwürdigkeit und Vertrauen unser höchstes Gut“. Und Präsident Peter Meyer erlebte das Geständnis wie den „Fall aus dem heilen Himmel“.

Zu viel der Selbstgeißelung? Ramstetter änderte offenbar nichts an der Rangfolge. Es war ihm nur peinlich, dass so wenige Empfänger der auflagenstärksten Zeitschrift Europas mitgemacht hatten. Das lässt sich kaum vereinbaren mit dem Anspruch des ADAC, das Sprachrohr der deutschen Autofahrer zu sein. Eine Lüge, um besser dazustehen, keine Korruption und kein Betrug, der jemanden unmittelbar schädigt. Der Schaden am eigenen Image aber könnte größer kaum sein. Ramstetters Einsicht, er habe „Scheiße gebaut“, folgte im Internet ein Shitstorm historischen Ausmaßes. Die Deutschen sind bitter enttäuscht darüber, dass sich eine ihrer wichtigsten Institutionen, ein vermeintliches Bollwerk der Unabhängigkeit und selbstlosen Hilfe, als nicht vertrauenswürdig erweist.

Was kommt als Nächstes: Stiftung Warentest, der TÜV? Schon wittern zwei kleinere Alternativanbieter ihre Chance. Anders als in Österreich, wo der ÖAMTC mit dem Arbö einen relevanten Mitbewerber hat, ist der deutsche Platzhirsch bisher ohne echte Konkurrenz.

Alle Welt fragt sich nun, wie es um andere Rankings der „Motorwelt“ steht: Autos, Reifen, Kindersitze, Waschanlagen – lauter Tests, die Kaufentscheidungen massiv beeinflussen. Die „FAZ“ deckte schon 2005 Tricksereien auf: Ein Dacia Logan hatte sich bei einer Testfahrt überschlagen und wurde als „Billigflieger aus Rumänien“ gebrandmarkt – die Techniker hatten die Reifen aber so präpariert, dass er abheben musste. Laut melden sich nun die Autohöfe zu Wort. Sie klagen, dass sie im Test schlechter abschneiden als der Raststättenbetreiber Tank & Rast – mit dem der ADAC in „weitreichenden geschäftlichen Beziehungen“ stehe.

Viel Macht, viel Geld

Viele Zweifel mögen übertrieben sein – zu einem guten Teil sind die Tests Kooperationen mit anderen Instituten oder werden extern überwacht. Aber das breite Unbehagen hat einen Grund: Der ADAC ist als mächtige Organisation ähnlich organisiert wie ein Bienenzüchterverein – also fast ohne Kontrolle.

Die aber tut Not. Denn neben dem Non-Profit-Verein, der mit Mitgliedsbeiträgen eine Milliarde umsetzt, steht ein Konzern, der die wirtschaftlichen Aktivitäten bündelt. Mit Versicherungen, Reisen, Mietwagen, Magazinanzeigen, Autokrediten und Fernbussen setzt er eine weitere Milliarde um. In Summe machte der ADAC 2012 satte 160 Mio. Euro Gewinn. Alle Produkte profitieren vom Engel-Image der Pannenhelfer. Interessenkonflikte zu hauseigenen Rankings drohen an allen Ecken und Enden.

Schwerer wird es der ADAC künftig auch als politische Lobby haben. Einen Vorgeschmack lieferte Horst Seehofer. Bayerns Landesvater, stets verlässlicher Seismograf der Volksmeinung, wundert sich gar nicht über die Manipulationen. Auch zum Aufkommen der Pkw-Maut für Ausländer habe der Klub andere Zahlen als die CSU: „Irgendwas kann da nicht stimmen.“ Und sein Vasall in Berlin, Verkehrsminister Alexander Dobrindt, hat schon einen schadenfrohen Rat parat: „Weniger Show und Glitzer – der ADAC ist ja nicht Hollywood.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2014)