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WhatsApp: „Wir sind größer als Twitter“

GERMANY DIGITAL LIFE DESIGN CONFERENCE
GERMANY DIGITAL LIFE DESIGN CONFERENCEAPA/EPA/MARC MUELLER
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Erstmals versenden Menschen mehr Whats-App-Nachrichten als SMS. Die beiden Gründer verabscheuen Rampenlicht und Werbung. Den Rivalen ähneln sie nur im lückenhaften Datenschutz.

Wien. Facebook kommt der Nachwuchs abhanden. In den vergangenen drei Jahren haben 6,4 Millionen 13- bis 24-Jährige das soziale Netz in den USA wieder verlassen, so das Ergebnis einer Studie von iStrategy Labs. Schuld daran ist vermutlich die massive Überalterung des Netzwerks. Heute tummeln sich schon dreimal mehr über 55-Jährige als Teenager auf Facebook. Spätestens, wenn sie die erste Freundschaftsanfrage ihrer Eltern bekommen, ist es für sie an der Zeit, weiterzuziehen. Aber wohin verschwinde die begehrte Zielgruppe, fragen Werber.

Die Antwort dürfte ihnen nicht schmecken. Denn ein guter Teil der Jugendlichen weicht auf den Kurznachrichtendienst WhatsApp aus. In Deutschland halten fast vier von zehn Jugendlichen über diese Smartphone-App mit ihren Freunden Kontakt. Der große Vorteil: Der Versand von Videos, Bildern oder Texten via Internet kostet nichts, sofern der Nutzer freies Datenvolumen hat. 430 Millionen Menschen tun das zumindest einmal im Monat. „Wir sind größer als Twitter“, sagt Firmengründer Jan Koum. Und nicht nur das. Mit 18 Milliarden Meldungen am Tag sind heute auch mehr Whats-App-Meldungen im Umlauf als klassische SMS.

Klingt gut, bloß nicht für Werber : Sie müssen draußen bleiben.

 

Werbung korrumpiert

Das Unternehmen werde auch in Zukunft keine Werbung verkaufen, betonte Koum bei der aktuell laufenden DLD-Konferenz in München. Nach zehn Jahren bei Yahoo habe er ein „tiefes Misstrauen“ gegenüber Werbung, weil sie die Beziehung eines Unternehmens zu seinen Kunden korrumpiere. „Der Nutzer verliert immer, weil man ein Angebot an den Werbekunden machen muss.“ Statt über Anzeigen finanziert sich der Dienst bisher über eine jährliche Gebühr von einem Euro.

Ihre Abscheu gegenüber Werbung ist nur eines von vielen Details, in denen sich die beiden Gründer des vier Jahre jungen Unternehmens von den prominenten Tech-Wunderkindern aus dem Silicon Valley unterscheiden.

Der ukrainischstämmige Jan Koum und der Amerikaner Brian Acton gelten als kamerascheu, zurückhaltend und sind mit über vierzig Jahren fast doppelt so alt wie die meisten Gründer in Kalifornien.

Aber nicht in allen Punkten ist das rasch wachsende Unternehmen anders als alle anderen. Ein Problem teilt das Start-up mit seinen Rivalen aus dem Silicon Valley: den lückenhaften Datenschutz.

 

Kritik an Sicherheitslücken

Auf der Konferenz in München erzählte Koum zwar lang und breit über seine ersten Lebensjahre in der Sowjetunion und wie sehr ihn das Wissen darum, dass die Wände damals Ohren hatten, geprägt habe: „Unsere Philosophie ist, so wenig wie möglich über unsere Nutzer zu wissen.“ Sehr fest verankert kann diese Überzeugung aber nicht sein. Denn WhatsApp steht seit seiner Gründung in der Kritik von Sicherheitsexperten und Datenschützern. So muss etwa jeder, der WhatsApp nutzt, dem Unternehmen Zugriff auf sein gesamtes Telefonbuch auf dem Smartphone gewähren. Die Gründer versprechen zwar, diese Informationen nicht an Dritte weiterzuverkaufen. Rechtlich bindend ist das bloße Versprechen aber nicht.

Zudem wurden in der Vergangenheit mehrfach Fälle bekannt, in denen Angreifer über Sicherheitslücken in der Software auf Konten bei Paypal oder Google Wallet zugreifen konnten, weil WhatsApp die Daten zu dem Zeitpunkt nicht gänzlich verschlüsselt transportiert hatte. Mittlerweile laufe die Kommunikation zwischen den Whats-App-Servern und den Smartphones der Nutzer komplett verschlüsselt, betonte Jan Koum in München.

 

Ärzte senden Patientenbilder

Aus der Kritik ist das Unternehmen deswegen aber nicht. Die Verschlüsselung der Nachrichten könne einfach geknackt werden, warnte Thijs Alkemade, Chefentwickler des Instant-Messaging-Clients Adium für Mac OS. „Es ist nicht schwer Whats-App-Nachrichten zu entschlüsseln, die über WLAN verschickt werden“, schrieb er.

Die Gründer des SMS-Killers wollen davon nichts hören. Man nehme Datenschutz ernst, aber diese Angelegenheit sei „aufgeblasen“ und „höchst theoretisch“. Warum sollte sich überhaupt jemand die Mühe machen, vorwiegend digitale Liebesbriefchen von Jugendlichen zu entschlüsseln, argumentieren Verteidiger. Und sensible Informationen sollten Digital Natives ohnedies nicht über eine „Fast-Gratis-App“ via Internet versenden.

Da ist zwar etwas dran, doch selbst wenn die Nutzer größte Vorsicht walten lassen, ist das Problem nicht gelöst, wie ein Beispiel aus den Niederlanden zeigt. Dort haben Ärzte WhatsApp für sich entdeckt. Sie nutzen den Dienst, um rasch Patientenbilder zur Konsultation mit Kollegen auszutauschen. Mit Vorsicht allein können die Betroffenen selbst ihre sensiblen Daten nicht mehr schützen.

ZU DEN GRÜNDERN

Die beiden Gründer von WhatsApp sind in vielem das Gegenteil der Wunderkinder im Silicon Valley: Der gebürtige Ukrainer Jan Koum und der Amerikaner Brian Acton gelten als kamerascheu und zurückhaltend. Sie lehnen Werbung ab und sind mit über vierzig fast doppelt so alt wie viele Entrepreneure. 430Millionen Menschen im Monat nutzen WhatsApp. Sie senden jeden Tag 18Milliarden Nachrichten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2014)