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„Orfeo“, der Anfang der Welt und ein stummer Tod

APA/APA/BARBARA GINDL
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Glucks „Orfeo ed Euridice“ eröffnete die Mozart-Woche: packend musiziert, szenisch durchdacht, wenn auch recht eigenwillig.

Am 2.Juli jährt sich Christoph Willibald Glucks Geburtstag zum 300.Mal, in Mozarts Schaffen finden sich zahlreiche Querverweise zu Glucks Œuvre: Grund genug dafür, dass die Salzburger Mozart-Woche diesmal nicht mit einem Werk ihres Genius loci, sondern mit Glucks „Orfeo ed Euridice“ (in der Wiener Fassung) eröffnete.

Mit Liebe und Musik kann man dem Schicksal trotzen, es gar zum Besseren wenden, das ist eine der Botschaften dieser Reformoper. Der ersten, die Gluck zusammen mit dem gleich gesinnten Librettisten Ranieri de' Calzabigi realisierte. Es war auch eine der Lebensmaximen des jüngst verstorbenen Claudio Abbado, der jahrelang Gast bei der Mozart-Woche war. Eine noble wie sinnvolle Geste, ihm diesen Eröffnungsabend (eine Koproduktion mit dem Kulturhaus Grenoble, den Musiciens du Louvre Grenoble und dem Musikfest Bremen) zu widmen.

Eine in mehrfache Prospekte geteilte Bühne, Choristen des exzellenten Salzburger Bach-Chors singen meist in ihren seitlich angebrachten dunklen Logen. Stimmungsvoll, wenn am Schluss sämtliche, vor allem Erde oder Hölle symbolisierende Zwischenwände in den Schnürboden gezogen werden, nur mehr der Harfenist auf der Bühne bleibt. Und gewiss hat es auch Charme, wenn sich der für diese Produktion als Begleiter Euridices eingeführte Tod (der sensible Tänzer Uli Kirsch) mit dem als eine Art Michael-Jackson-Persiflage dargestellten Amor während des tänzerischen Finales einen Apfel teilt.

Wie anders als mit dem biblischen Sündenfall lässt sich für jeden verständlich der Anfang der Welt verbildlichen? Darin gipfelt das Regiekonzept von Ivan Alexandre. Den Beginn der Oper deutet er als Hochzeitsgesellschaft, die unversehens konfrontiert ist mit dem Unfalltod der Braut: Euridice. Diese erhält fortan den stummen Tod als Begleiter. Wenn bei Gluck der Liebesgott Amor als Deus ex machina Euridice wieder aus der Unterwelt führt, beginnt quasi ihr zweites Leben. Orpheus hat seine verlorene Geliebte wieder, doch es bedarf eines Neuanfangs. Auch ein vorübergehender Verlust zwingt zu einem völligen Neubeginn, meint Alexandre: ganz von vorne, vom Anfang der Welt an.

Ein bis ins Detail durchdachtes, deutlich von so mancher Arbeit anderer Regisseure inspiriertes Konzept, das sich ohne die zusätzliche Partie des Todes mindestens genauso anschaulich hätte verwirklichen lassen. Auch mit weniger grellen Kostümierungen. Vor allem bei Amor führt dies dazu, dass man sich mehr auf ihre Gestik als auf ihren Gesang konzentriert, so einfühlsam Ana Quintans ihre Aufgabe auch bewältigt. Besser bedient ist die meist in schmucklosem Weiß auftretende Camilla Tilling als gleichfalls untadelige, emotional etwas zurückhaltende Euridice. Überstrahlt wurden beide von Bejun Mehtas auch schauspielerisch mitreißendem Orfeo. Selbst, wenn sich bei mancher noch so exzessiv gestalteten Passage nicht überhören ließ, dass er seinen vokalen Zenit offenbar schon etwas überschritten hat.

In Marc Minkowski, der auch heuer für die Programme dieser Mozart-Woche verantwortlich zeichnet, und seinen ihm so virtuos wie subtil folgenden Les Musiciens du Louvre Grenoble hatten sie Partner, wie sie sich besser kaum denken lassen. Zum einen, weil sie ihnen einen idealen Teppich ausbreiteten, sie nie übertönten, genau ihren melodischen Linien folgten. Zum anderen, weil sie von Beginn an für eine vitale, packende Deutung der Partitur garantierten, dabei die verschiedenen Atmosphären klar zeichneten, ohne je den einmal anvisierten Spannungsbogen zu gefährden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2014)