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Basteln an der Biografie

Satirisch: Joachim Zelters Erlebnisse eines Schriftstellers.

Nun liegen sie wieder fast vollständig vor: die Verlagsvorschauen der Saison – und lassen Literaturredakteure taxieren und taktieren. Über die Jahre gesehen fällt auf, wie sich die Biografien der darin angeführten Schriftstellerinnen und Schriftsteller verändert haben. Waren es einst geknechtete, aber lernbegierige Burschen aus abgelegenen inneralpinen Gegenden, die das lesende Publikum beeindruckten, so hat sich das Bild vom „angesagten“ Autor dramatisch gewandelt: Von Franz Innerhofer zu Vea Kaiser ist es nicht nur literarisch ein weiter Weg.

Diesen Wandel nimmt Joachim Zelter in seiner Novelle über den Literaturbetrieb mit dem Titel „Einen Blick werfen“ satirisch aufs Korn. Zum Einstieg dreht er die bei Krimis beliebte Formel, nach der „alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen rein zufällig“ wären, um: „Abweichungen des Erzählten von wirklichen Begebenheiten wären rein zufällig“, heißt es quasi als Motto. Also wird es sich wohl so oder so ähnlich zugetragen haben: Da erhält ein durchschnittlich erfolgreicher deutscher Schriftsteller eine Mail mit einem angehängten Lebenslauf: „Geboren in Namangan, Usbekistan, von dort ausgewandert nach Ägypten. Religion Koptisch. Davor andere Konfessionen. Offiziersanwärter. Eine erste Chinareise. Kamelreitlehrer. Pyramidenführer. Tauchlehrer. Übersiedlung nach Deutschland. Begegnung mit Gerhard Schröder. Koch auf einem Flussschiff. Studium der Byzantinistik und Ägyptologie.“ Ilija Trojanow könnte blass werden bei einem solchen Lebenslauf. Was muss dieser Mensch nicht schonalles erlebt haben! Sollte man denken. Und denken offenbar auch einige Leute im Literaturbetrieb. Wie sonst wäre es erklärbar, dass dieser Mensch, der sich Selim Hacopian nennt, in kurzer Zeit zum gefragtesten Autor im Literaturbetrieb aufsteigt, obwohl seine Texte, literarisch betrachtet, „von größter Unbedarftheit und Aussichtslosigkeit“ waren.

 

Einen Blieck, Herr Schrieftsteller!

Das Schreiben an den deutschen Autor enthielt die dringende Bitte, ein Manuskript schicken zu dürfen, auf das der Adressat „einen Blick werfen“ möge. Aus Höflichkeit antwortet der Autor, wenn auch abschlägig. Damit aber war sein Schicksal besiegelt. Mittels Hartnäckigkeit und entwaffnender Ergebenheit schafft es Selim Hacopian letztlich, dass der „Herr Schrieftsteller“ – wie er ihn anzusprechen pflegt – sich mit dem Text abplagt. Es folgten Stücke, Gedichte, Erzählungen. Allesamt heillos. Was blieb, war der Lebenslauf, der immer wieder überarbeitete Lebenslauf. Doch dann, eines Tages, berichtet Selim Hacopian, dass ihm ein Verlag geantwortet hätte, ein bedeutender Verlag, der um „mehr davon!“ bat. In kürzester Zeit produzierte Selim Hacopian sieben Erzählungen, die den Verlag zur Äußerung hinrissen, dass sie „der Fabulierlust orientalischer Caféhauserzähler in nichts nachstünden“. Obwohl der Text von „überbordenden Grammatik-, Rechtschreib- und Satzbaufehlern“ strotzte.

Um die Sache abzukürzen: Hacopians Karriere – siehe oben. Der Schriftsteller wiederum beginnt, an seinem Lebenslauf zu basteln: Geboren in London, Gabelstaplerfahrer, Rockmusiker, Gleitschirmflieger, Lesereise mit dem Fahrrad nach Novosibirsk...“ Heute scheint auch das schon wieder überholt: „Wuchs in London auf, machte eine Ausbildung zur Buchbinderin, legte einen Master in Kreativem Schreiben ab, schrieb mit 28 ihren ersten Roman.“ Quasi eine innerliterarische Karriere. Willkommen im Zeitalter des „Curricularismus“. ■

Joachim Zelter

Einen Blick werfen

Literaturnovelle. 110S., brosch., €15,40 (Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2014)