Der neue Thriller der deutschen Autorin Manuela Reizel führt die Leser in den virtuellen Dschungel. Das Thema ist hochbrisant, die Geschichte bisweilen überladen.
Was machen die Herren dort eigentlich, in der abgeschirmten, staubigen Gegend nahe Monte Rio in Kalifornien? Schlachten sie dort zu okkulten Zwecken Säuglinge? Lenken sie von hier aus die Welt, indem sie Regierungen, Medien und Geheimdienste infiltrieren? Oder sitzen sie nur zusammen, reißen schlechte Witze und paffen dicke Zigarren? Kaum etwas dringt nach außen über das Grundstück Bohemian Grove und den dazugehörigen Klub der amerikanischen Elite, der sich hier regelmäßig zu klandestinen Sitzungen einfindet. Und das gibt genug Stoff für Verschwörungstheorien.
Eine besonders wilde Geschichte gelangt dabei in die Hände der Hackerszene: Ein Mitglied soll eine blutige Zeremonie der Bohemian Grovers mitgefilmt haben, und nun versucht die NSA die Veröffentlichung mit allen Mitteln zu verhindern. Geheimdienst, digitale Tunnels, eigensinnige Hacker, ahnungslose Medien – das ist der Stoff, aus dem der Thriller „Recovery“ von Manuela Reizel ist. Das Thema könnte freilich brisanter nicht sein. Für Whistleblower, heißt es an einer Stelle im Buch, war es in den USA noch nie so gefährlich wie heute. Wurden sie früher „nur“ gefoltert, können sie heute gleich ihren Sarg zimmern lassen. Mit dieser ungemütlichen Gewissheit machen sich die Hacker der Organisation Underground an die Arbeit: Ihr neuer Leak rund um Bohemian Grove soll ihnen weltweite Aufmerksamkeit zukommen lassen.
Ehrgeizig bemessen. Im Mittelpunkt stehen die Hacker Lukas – virtueller Name: Kranich –, der in Stuttgart operiert, sowie Ciarán, der in einer Bruchbude in Kalifornien sitzt und von der CIA gesucht wird. Rund um diese beiden Computerfreaks entwirft Reizel einen umfangreichen Freundes-, Bekannten- und Feindeskreis, der immer tiefer in den Sog hineingezogen wird. Was genau dieser Sog nun ist, wird nicht immer erkenntlich, denn Reizel erzählt en passant mehrere Geschichten, die bisweilen kontextlos in der Luft hängen. Im Buch herrscht ein ständiges Kommen und Gehen von Personen: Da ist die Belegschaft der linksalternativen Zeitschrift „Chronos“, die Männer des Motorradklubs „Ironhawk“, die NSA-Agentin Angela, die Hacker von Underground, die Praxis des Arztes Gustav Elvert, seine Patientin Simone, mehrere Bohemian Grovers und NSA-Mitarbeiter sowie die Mitglieder der ungustiösen rechten Württembergischen Bruderschaft. Die Personen werden teilweise detailreich vorgestellt, später aber verschwimmen die Informationen, nur um dann unvermittelt wieder aufzutauchen. Reizel hat ihr menschliches Repertoire im Buch sehr ehrgeizig bemessen.
Zudem müssen sich die nicht versierten Leser durch den ganzen Fachchinesisch-Dschungel kämpfen („Ich hab noch ein bisschen am Algorithmus geschraubt und die Koordination von Vertex- und Pixel-Shadern optimiert. Damit kann ich die Effekte der Bump Maps exakter kontrollieren.“ Das ist noch einer der harmloseren Sätze). Dadurch darf man sich aber nicht ablenken lassen, wir haben es nun einmal mit Hackern zu tun.
„Recovery“ ist der zweite Teil einer Trilogie rund um Lukas (das Buch ist auch lesbar, wenn man den ersten Teil nicht kennt). Nicht nur das erinnert stark an Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie, sondern auch Reizels Erzählstil, einzelne dramatische Elemente, die Untergliederung des Buches in Tage. Was der Autorin am besten gelingt, ist die Darstellung von Freundschaften: ihre Bildung, ihre Pflege, ihr Ende. Darüber hinaus ist Lukas ein sehr sympathischer, idealistischer Zeitgenosse. Beim Lesen hofft man durchaus, er möge bitte heil aus dem Schlamassel herauskommen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2014)