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Kurkow: "Es kann keinen Kompromiss in der Ukraine geben"

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Der in Kiew lebende Schriftsteller Andrej Kurkow hält die Situation in der Ukraine für völlig verfahren. Auch einen Zerfall des Landes schließt er nicht mehr aus. Um Europa gehe es den Demonstranten längst nicht mehr, glaubt Kurkow.

Würden Sie ein Buch über die aktuellen Ereignisse in der Ukraine schreiben: Welchen Titel hätte es?

Andrej Kurkow: Ein Zitat aus einem sowjetischen Revolutionslied: „Eine Revolution hat einen Anfang, ein Ende hat sie nicht.“

Soll aktuell heißen?

Es fanden Prozesse statt, nach denen eine Rückkehr zu einem früheren Zustand des Landes nicht mehr möglich ist. Die Revolutionsstimmung gegen die derzeitigen Machthaber wird in jedem Fall anhalten – unabhängig davon, wie der Konflikt ausgeht. Ziemlich wahrscheinlich wird er mit einer Unterdrückung der Proteste enden. Danach aber wird zwischen der Seite von Präsident Viktor Janukowitsch (der aus dem russischlastigen Osten stammt; Anm.) und dem ukrainischsprachigen Teil des Landes eine unwahrscheinlich tiefe Trennlinie klaffen. Im Prinzip wird Janukowitsch in der Westukraine als Okkupator aufgefasst werden.


Das Land wird also noch mehr als früher in Osten und Westen gespalten?

Früher war die Spaltung eine politische, weil sie von politischen Sympathien und vom Ergebnis der Wahlen abhing. Jetzt wurde sie praktisch zu einer physiologischen. Weil Janukowitsch seinen Innenminister Zachartschenko vor zwei Monaten nicht absetzen wollte, stieg das Niveau des Hasses so hoch, dass Verhandlungen praktisch nicht mehr möglich sind. Deshalb haben die Demonstranten auch auf die drei Oppositionsführer nicht mehr hören wollen.

 

Die Ukraine war über zwei Jahrzehnte für ihre Friedfertigkeit auch im Aufstand bekannt. Ist nun eine weitere Gewalteskalation möglich?

Ja. Und in jedem Fall denke ich, dass eine friedliche Koexistenz zweier Weltanschauungen der Vergangenheit angehört. Wir fallen jetzt ins Jahr 1946 zurück, als klar wurde, dass die Machthaber bleiben werden. Ebenfalls klar ist, dass man diese Machthaber in der ganzen Westukraine nur noch als Feinde auffassen wird. Wenn ein Vertreter von ihnen dort auftaucht, wird das schon bald lebensgefährlich sein.

 

Haben Sie den Eindruck, dass die stille Unterstützung der Gewaltaktionen der Demonstranten in der Bevölkerung zunimmt?

Vielleicht war sie am Anfang still, aber jetzt nicht mehr. Anfänglich gab es ja zwei Protestgruppen – die Europaorientierten und die Radikalen. Jetzt halten die Europaorientierten bereits Wache bei den Barrikaden der Radikalen.

 

Ihre ukrainische Schriftstellerkollegin Oksana Zabuschko sagte einmal, 1991 sei nicht das Ende der Sowjetunion gewesen, sondern nur der Anfang vom Ende. In welchem Stadium befindet sich die Ukraine jetzt?

Wenn man Zabuschkos Gedanken weiterdenkt, muss man sagen, dass die Sowjetunion in der Westukraine und in Kiew zu Ende ist. In der Ost- und Südukraine jedoch nicht. In ihren Augen sind alle Demonstranten in Kiew radikale Nationalisten, die die Russen und die Juden hassen.

 

Wie konnte ein Land, das die Orange Revolution 2004 vollbracht hat, einen Mann wie Janukowitsch so mächtig werden lassen?

Das hängt mit der höheren Bevölkerungsdichte in der Ostukraine zusammen. Dann gab es die Enttäuschung über die Anführer der Orangen Revolution, konkret über Expräsident Viktor Juschtschenko und seinen Konflikt mit seiner vorherigen Mitstreiterin Julia Timoschenko. Überhaupt hat Juschtschenko Janukowitsch an die Macht verholfen, indem er bei der Präsidenten-Stichwahl 2010 dazu aufgerufen hat, gegen alle zu stimmen. Für Juschtschenko war wichtiger, sich an Timoschenko zu rächen. Und ich denke, er hat Janukowitsch auch geholfen, Timoschenko ins Gefängnis zu bringen. Beide sehen sie als Feindin.

 

Aber Sie selbst haben Timoschenko ja auch nicht gemocht.

Ja. Aber ich stehe in keiner politischen Beziehung zu ihr.

Besteht überhaupt noch eine Chance auf einen Kompromiss zwischen Demonstranten und Janukowitsch?

Kompromiss kann es keinen geben. Wahrscheinlich wird Janukowitsch ohne weitere Gespräche mit der Opposition irgendwelche Rochaden im Ministerkabinett vornehmen. Aber gleichzeitig beginnt in der Ukraine eine Zeit politischer Inhaftierungen.

 

Was lässt sich unter den Oligarchen beobachten? Sind auch sie gespalten?

Es gibt keine monolithische Oligarchie. Jeder hat seine Interessen. Praktisch sind aber alle schweigsam geworden, keiner stellt sich offen gegen Janukowitsch. Der will sie ja alle verdrängen und ihnen den Einfluss auf die Politik nehmen. Er schafft künstlich neue, junge Oligarchen, die ihn umgeben und schützen sollen und auf ihren Konten Finanzen sammeln, die er dann bei den Wahlen nützen kann.

Sind die Oligarchen an einer Annäherung an Europa interessiert?

Wenn Europa Sanktionen gegen die Ukraine einführt, dann sind die ersten Leidtragenden die Oligarchen.

Die Bevölkerung hat bei der Orangen Revolution gesehen, dass sie mit der Erwartung schneller Veränderungen einer Illusion aufsaß. Sind die Erwartungen realistischer geworden?

Wenn man in Betracht zieht, dass niemand etwas Gutes erwartet, dann sind sie realistisch.

Wissen die Demonstranten, dass eine proeuropäische Ausrichtung weniger Geld aus Russland bedeutet und dass empfindliche Reformen dann unausweichlich sind?

Die Frage nach Europa ist jetzt schon zweitrangig. Wegen Europa geht jetzt niemand mehr auf die Straße. Alle, die protestieren, protestieren gegen die herrschenden Machthaber.

Wer kann eine moralische Autorität in so einer Situation sein?

Unter den gesellschaftlichen und intellektuellen Figuren niemand – man hört nicht auf sie. Obwohl er kein sehr reines Image hat, ist heute Patriarch Filaret von der ukrainisch-orthodoxen Kirche eine moralische Autorität. Und zwar, weil er sich diese Woche geweigert hat, aus den Händen des Präsidenten eine Auszeichnung entgegenzunehmen.

 

Radikalisiert sich die Ukraine?

Ja, Abgeordnete von Janukowitschs Partei der Regionen rufen sogar dazu auf, die Demonstranten zu erschießen.

 

Sind Sie wenigstens langfristig optimistisch?

Schwer zu sagen. Denn jetzt stellt sich die Frage, ob die Ukraine in ihren Grenzen bestehen bleibt oder nicht.

Ein Zerfall wäre realistisch?

Ja, aber das könnte zivilisiert verlaufen. Erst Verhandlungen über die Einrichtung einer Föderation. Dann wird die Westukraine eine autonome Region. Aber das gibt auch den benachbarten Gebieten Anstoß, für den Anschluss an diese Region zu kämpfen oder auch die Autonomie zu erlangen.

Andrej Kurkow

1961 nahe dem damaligen Leningrad geboren, kam Andrej Kurkow schon als Kleinkind nach Kiew und studierte dort Fremdsprachen, von denen er nach eigenen Angaben noch sieben – darunter Deutsch – beherrscht. Über den Umweg anderer Berufe wie Gefängniswärter wurde er zum landesweit populärsten Schriftsteller. Nach seinem Durchbruch mit „Picknick auf dem Eis“ (1999) überzeugte er mit dem Roman „Die letzte Liebe des Präsidenten“ (2005) auch vorherige Kritiker.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2014)