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Ballgeher und Demonstranten haben viele Gemeinsamkeiten

"Ohne Ball keine Demo": Dieser Lösungsvorschlag zeigt, wie ähnlich einander die Logiken sind, die sich in den Hofburg-Ballsälen und auf der Straße entfalten.

Die Analysen der gewaltsamen Ausschreitungen rund um den WKR-Ball Freitagnacht erinnern an die berühmte Geschichte von dem Rabbi, zu dem ein Ehemann kommt, um ihm zu erklären, dass die bevorstehende Trennung von seiner Frau unausweichlich sei, und zwar wegen des unmöglichen Verhaltens der Ehefrau. Der Rabbi hört sich die Geschichte des Mannes an und erklärt: „Du hast vollkommen recht.“

Wenig später sucht auch die Ehefrau den Rabbi auf, um ihm zu erklären, dass die Trennung unausweichlich sei, und zwar wegen des unmöglichen Verhaltens des Ehemannes. Nachdem sich der Rabbi auch diese Geschichte angehört hat, sagt er auch zu der Frau: „Du hast vollkommen recht.“

Nachdem die Frau gegangen ist, sagt der Schüler des Rabbis, der beide Gespräche mitangehört hat: „Aber Rabbi, du kannst doch nicht beiden Eheleuten erklären, dass sie recht haben!“ Worauf der Rabbi zu seinem Schüler sagt: „Du hast vollkommen recht.“

Auch in Sachen Akademikerball-Randale haben offensichtlich alle recht: Diejenigen, die sagen, dass man der FPÖ nicht einen so symbolischen Ort wie die Hofburg – Zugang über den Heldenplatz! – für die Versammlung Ewiggestriger zur Verfügung stellen dürfe; jene, die erklären, dass die politischen Sympathisanten der Gegendemonstration – dort vor allem die Jungen Grünen als Betreiber der Domain Nowkr.at – es vor und nach dem Ereignis mit der Abgrenzung von gewaltbereiten Demo-Touristen ein wenig genauer hätten nehmen müssen; jene, die die Polizeimaßnahmen – vor allem die Einschränkung der Pressefreiheit und die Errichtung einer überdimensionierten Verbotszone – für überzogen hielten: Alle haben sie recht. Damit sind auch irgendwie alle schuld, also niemand.

Wie praktisch.

Man kann das Analysepatt, das dadurch entsteht, dass niemand die Ballbesucher verteidigen will, deren Anwesenheit als Demonstration einer revisionistischen Gesinnung gesehen wird, und auch die Äußerung von Sympathien für den „Schwarzen Block“ nicht wirklich akzeptabel erscheint, natürlich als Zeichen einer Weiterentwicklung der Debattenkultur sehen: Ausgewogenheit statt einseitiger Schuldzuweisungen.

Am Ende handelt es sich aber nur um eine Kapitulation des öffentlichen Diskurses vor dem grundsätzlichen Problem, das hinter dem alljährlichen Affentanz um den Burschenschafterball steckt: Dass es zur Selbstverständlichkeit geworden ist, schlagende Burschenschafter, Deutschnationale und sonstige „Rechte“ als Träger einer illegalen Gesinnung zu betrachten, auf die die Bestimmungen des Verbotsgesetzes anzuwenden wären.

Dieser Konsens bildet die Grundlage dafür, dass die jugendliche linke Szene, die auf äußerst dürftiger intellektueller Basis eine „Widerstands“-Rhetorik gegen alles, was nach Kapitalismus und Globalisierung klingt, entwickelt hat, mit der Präsentation ihrer gefälschten „Antifaschismus“-Ausweise jede Medienkontrolle passiert.

Dass die Ansichten der Akademikerball-Besucher und jene der Anti-Akademikerball-Demonstranten zu Kapitalismus und Globalisierung weitgehend übereinstimmen, ist die eine ironische Pointe dieser Geschichte. Die andere besteht darin, dass jene, die das am Freitag verhängte Vermummungsverbot als Einschränkung ihrer demokratischen Rechte geißelten, mit dem Verbot einer Veranstaltung, gegen deren Teilnehmer, so weit bekannt ist, keine strafrechtlichen Vorwürfe vorliegen, kein Problem hätten.

„Ohne Ball keine Demo – so einfach könnte es sein“, lautet denn auch die Lösung, die am Samstag im „Standard“ vorgeschlagen wurde. Wenn es Gesinnungen, die wir ablehnen, nicht gäbe, wenn Menschen, die diese Gesinnungen haben, sie nur noch dort äußern dürften, wo wir es ihnen erlauben, das wäre tatsächlich das Einfachste.

Das Analysepatt steht für die Ähnlichkeit der Logiken, die in- und außerhalb der Hofburg-Ballsäle ihre Wirkung entfalten.

E-Mails an:office@michaelfleischhacker.at

Zum Autor:

Michael Fleischhacker (*1969) arbeitete als
Journalist bei der
„Kleinen Zeitung“
und beim „Standard“, ab 2002 bei der „Presse“.
Von 2004 bis 2012 war er Chefredakteur der „Presse“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2014)