Wenn Firmen ihre Aktionäre um Geld bitten

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Vor Ausbruch der Finanzkrise waren milliardenschwere Kapitalerhöhungen in Wien keine Seltenheit. Nun hat die Raiffeisen Bank International wieder einen solchen Schritt gewagt. Was Kapitalerhöhungen für Anleger bedeuten.

Wien. 2,78 Mrd. Euro frisches Kapital hat sich die Raiffeisen Bank International (RBI) kürzlich an der Börse geholt. Obwohl die Bank die jungen Aktien zu einem Preis hergeben musste, der unter dem Buchwert lag, reagierte der Markt erleichtert. Die Aktie zog deutlich an, Analysten stuften sie hoch (siehe Seite 12). Die Erste Group hat bereits im Vorjahr eine Kapitalerhöhung im Ausmaß von rund 660 Mio. Euro durchgeführt, der Kurs ist seither ebenfalls gestiegen. Wer jedoch vor Ausbruch der Krise bei den milliardenschweren Kapitalerhöhungen der heimischen Immobilienfirmen oder Banken mitgezogen hat, sitzt häufig noch immer auf Verlusten. Warum es Kapitalerhöhungen gibt– und was sie für Aktionäre bedeuten.

1 Warum führen börsenotierte Unternehmen Kapitalerhöhungen durch?

Weil sie Geld benötigen. In einigen Fällen wollen sie Wachstum finanzieren. Manchmal brauchen sie Geld für andere Zwecke: Die RBI etwa will die Staatshilfe zurückzahlen. Wenn Firmen Geld brauchen, könnten sie Kredite aufnehmen, was aber ihre Verschuldung erhöhen würde. Die Alternative ist, neue Aktien auszugeben und sich so mehr Eigenkapital zu besorgen.

2 Warum sind milliardenschwere Kapitalerhöhungen in Wien nach der Krise so selten geworden?

Die Anleger sind nicht bereit, viel Geld für junge Aktien hinzulegen. Insbesondere Bank- und Immobilienaktien werden an der Börse oft um einen Preis gehandelt, der unter dem Buchwert liegt. Zu einem solchen Preis geben nur jene Unternehmen neue Aktien aus, die dringend Geld brauchen. Das ist derzeit bei Banken oft der Fall: Sie müssen ihre Eigenkapitalquoten erhöhen, um den strengeren Anforderungen Genüge zu tun.

3 Was bedeutet eine Kapitalerhöhung für die Altaktionäre?

Für Alteigentümer, die bei der Kapitalerhöhung nicht mitziehen, bedeutet der Schritt eine Verwässerung: Ihr Anteil am Kuchen wird kleiner. Das ist auch der Grund, warum der Aktienkurs oft nachgibt, wenn eine Kapitalerhöhung angekündigt wird. Im Idealfall wird der Verwässerungseffekt dadurch kompensiert, dass der Kuchen insgesamt wächst. Doch kann auch das Gegenteil passieren– etwa dann, wenn sich die Erwartungen bezüglich Wachstum oder anderer positiver Effekte der Kapitalerhöhung nicht erfüllen.

4 Welchen Zweck haben Bezugsrechte für Altaktionäre?

Altaktionären wird im Zuge von Kapitalerhöhungen häufig das Recht eingeräumt, bevorzugt neue Aktien zu kaufen. So können sie verhindern, dass ihre Anteile verwässert und ihr Stimmrechtsanteil verkleinert wird. Nur jene jungen Aktien, für die kein Bezugsrecht ausgeübt wird, werden dann an Dritte verkauft. Für einen Kleinaktionär spielt diese Überlegung meist eine untergeordnete Rolle, da sein Stimmrechtsanteil und sein tatsächlicher Einfluss im Unternehmen ohnehin gering ist.

5 Was bedeutet es, wenn es einen „Clawback“ gibt?

Manchmal gibt es bei Kapitalerhöhungen eine Vorabplatzierung bei großen Investoren. Diese erklären sich bereit, die jungen Aktien zu erwerben, sofern nicht alte Aktionäre ihre Bezugsrechte ausüben wollen. Diese aufgeschobene Abwicklung nennt man „Clawback“.

6 Warum gab es vor der Krise so umfangreiche Kapitalerhöhungen?

Weil die Aktienkurse hoch waren und die Anleger bereit waren, für junge Aktien viel Geld zu bezahlen. Das nützten vor allem Immobilienfirmen und Banken, um ihr Wachstum in Osteuropa zu finanzieren. In den Jahren vor der Finanzkrise (2006 und 2007) holte sich die damalige Immofinanztochter Immoeast in zwei Schritten mehr als fünf Mrd. Euro, die Erste Bank zog 2006 mit 2,92 Mrd. Euro die umfangreichste Kapitalerhöhung an der Wiener Börse überhaupt durch. Die Meinl European Land (MEL) beschaffte sich 2007 Kapital in Höhe von 1,48 Mrd. Euro.

7 Welche Erfahrungen haben Anleger damit gemacht?

Meist keine guten. Die Immoeast-Aktien, die 2006 um 8,25 Euro und 2007 um 10,20 Euro platziert worden waren, fielen auf bis zu 24 Cent; inzwischen ist die Immoeast in der Immofinanz aufgegangen. Die jungen MEL-Zertifikate waren um 19,7 Euro feilgeboten worden, das Papier der Nachfolgegesellschaft Atrium kostet heute 4,24 Euro. Auch die Banken oder Wienerberger gaben damals junge Aktien zu einem Preis aus, der nach der Finanzkrise nicht mehr erreicht wurde.

8 Warum sind ausgerechnet die Kurse dieser Unternehmen in der Krise besonders stark abgestürzt?

Weil Kapitalerhöhungen gerne dann durchgeführt werden, wenn die Kurse hoch sind und die Euphorie an den Börsen groß ist. Das war 2006 und 2007 vor allem bei Finanz- und Immobilienwerten der Fall. Umso tiefer war der Absturz danach bei den Aktien dieser Branchen. Bei den beiden Immobilienfirmen kamen noch intransparente Wertpapiergeschäfte der damaligen Manager hinzu.

9 Erfolgt nach Kapitalerhöhungen immer ein so böses Erwachen?

Nein. Zuletzt passierte oft das Gegenteil. Im Vorjahr holten sich etwa die Erste Group, die Uniqa oder der Leiterplattenhersteller AT&S frisches Geld. Die Erste Group wollte ihre Eigenkapitalausstattung verbessern, die Uniqa ihren Streubesitz erhöhen und AT&S expandieren. Der Markt nahm das gut auf: Die Kurse sind gegenwärtig höher als der Ausgabepreis der jungen Aktien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2014)

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