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Ja, Panik: Nicht faul im Staate Pop, aber gelassen

Ja, Panik(c) Ja, Panik (Gabriele Summen)

Die Band aus Neusiedl am See gilt im ganzen deutschen Sprachraum als kluge Thesenfabrik des Pop. Zu Recht. Ihr neues Album "Libertatia" stellte sie beim FM4-Geburtstagsfest vor. Das passte bestens.

„You're at home, baby“, flüstert der Radiosender FM4 seinen Hörern zu und stellt die Musikrichtungen, die er spielt, in Form des U-Bahn-Plans einer fiktiven Stadt dar. „We're not naked, we have the radio on“, singt die längst in Berlin heimische burgenländische Band Ja, Panik. Und: „Wo wir sind, ist immer Libertatia – worldwide, befreit von jeder Nation.“

Selten haben Künstler und ihr Medium so gut zusammengepasst, nie war eine Band so sehr die logische Hauptattraktion des jährlichen FM4-Geburtstagsfests, das heuer erstmals nicht draußen in der Kälte der Erdberger Arena, sondern in der Ottakringer Brauerei stattfand, im Warmen. Beide, das Radio und die Band, halten die romantische Fiktion von einer „Alternative-Pop“-Gegenwelt hoch, die wohl auf die kalte Welt da draußen reagiert, sie vielleicht zum Tanzen bringt („Swing die Staatsfinanzen“, heißt es bei Ja, Panik), aber im Grunde autark ist: ein Gegenentwurf, der funktioniert, und wenn sonst nirgendwo, dann halt in den Köpfen. Im Äther. Drei Tage lang in Woodstock. Im selbst verwalteten Zeltlager. In einem besetzten Haus in Berlin. Oder eben in Libertatia.

„Libertatia“, das fünfte Album von Ja, Panik, heißt nach einer Piratenkolonie im Madagaskar des 17.Jahrhunderts, in der die Sklaverei abgeschafft war, in der Religionsfreiheit und Frauenrechte herrschten. Fraglich ist nur, ob es Libertatia wirklich gegeben hat oder ob es nur eine literarische Fiktion ist, verfasst womöglich von Daniel Defoe unter einem Pseudonym.

„One world, one love“

Dieses Schweben zwischen Realität und Fiktion passt Andreas Spechtl, dem Texter, Sänger und Gitarristen der Band, gut ins (neue) Konzept. Dieser kluge Kopf weiß, dass es auch etwas verflixt Komisches hat, wenn er die großen Worte „One world, one love“ – ergänzt durch „No nations“, das Motto der „Refugee-Bewegung“ – zum Refrain macht. Die irisch-katholische Band U2 wurde 1992 für einen ganz ähnlichen Refrain (im Song „One“) von der „alternativen“ Szene, die heute FM4 hören würde, verhöhnt, der Text bestenfalls als rotwangiger, blauäugiger Idealismus belächelt. Damals war der Angriff des Punk auf die Hippieseligkeiten noch zu nahe.

Heute sind diese längst wieder akzeptabel, und es ist ein genialer Streich von Ja, Panik, diese Freiheit zum Idealismus in scheinbarer Naivität zu feiern – und dazu Musik zu spielen, der auf einmal die Postpunk-Schroffheit fehlt, die diese Band bisher pflegte. Musik, die sanft und freundlich ist, mild, mellow. Nicht gerade funky, aber doch weniger eckig, weniger schmalschultrig als früher. Die noch immer ein wenig an Falco erinnert, aber an dessen elegante „Junge-Römer“-Phase. Die vor allem angstfrei ist: Angst war ja ein zentrales Wort der Band, bevor sich auf ihrem vieren Album „DMD KIU LIDT“ die Traurigkeit vordrängte. Jetzt herrscht eine leicht entrückte Heiterkeit: Man ist nicht faul im Staate Pop, aber gelassen.

Entsprechend war die Stimmung im weiträumigen Dachboden der Brauerei: Er war gesteckt voll, viele fanden gar keinen Einlass, drängten sich auf der schmalen Treppe, und doch rempelte kaum jemand seine „sisters and brothers“, an die Ja, Panik, auch hier U2 zitierend, sich richten. Nicht einmal die Zeile „Ich weiß doch selbst nicht, wie ich weiterkommen soll“ (aus dem Song „Trouble“) wurde von den Zusammengepferchten als Zynismus verstanden.

Den rätselhaften Song „ACAB“ (kurz für „All cats are beautiful“) widmete Spechtl den Teilnehmern an den Demonstrationen gegen den FP-Ball in der Hofburg. Und schließlich brachte er doch noch seinen alten Leitmotivsong über „the angst and the money“: „Alles hin, hin, hin“. Nein, an diesem Abend wurde nichts hin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2014)

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