Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

NS-Fund: "Ich fahre nach Auschwitz. Küsse, dein Heini"

(c) imago stock&people (imago stock&people)
  • Drucken

Die nun von der Zeitung "Die Welt" veröffentlichten Briefe Heinrich Himmlers bringen wohl keine neuen Erkenntnisse über die NS-Diktatur. Aber sie illustrieren erneut, was Hannah Arendt die "Banalität des Bösen"; genannt hat.

Heinrich Himmler war als Reichsführer SS, Innenminister und Chef der deutschen Geheimpolizei eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Figur des nationalsozialistischen Regimes hinter Adolf Hitler. Ihm unterstanden die Konzentrationslager, er war einer der Hauptverantwortlichen des Holocaust. Am vorigen Freitag, 69 Jahre nach Himmlers Selbstmord 1945, ging die deutsche Zeitung „Die Welt“ mit einem spektakulären Fund an die Öffentlichkeit: In Israel sind Briefe und Fotos aus seinem Privatbesitz aufgetaucht, die der Öffentlichkeit bisher unbekannt waren. „Die Welt“ veröffentlicht die Dokumente in einer Serie: „Himmler – die Handschrift des Massenmörders“. Zweifellos eine Mediensensation, 31 Jahre nachdem sich die Illustrierte „Stern“ mit der Veröffentlichung gefälschter Hitler-Tagebücher blamiert hat.

Um es vorwegzunehmen: Eine Blamage hat „Die Welt“, so scheint es, vermieden. Die Veröffentlichung scheint gut vorbereitet – zur Artikelserie gibt es bereits eine Filmdokumentation, die bei der Berlinale präsentiert und im ORF gezeigt wird (s. Infokasten).

Bereits 2011, so „Welt“-Chefredakteur Jan-Eric Peters, habe sich Vanessa Lapa, eine israelische Filmemacherin und Enkelin von Holocaust-Überlebenden, bei ihm gemeldet, mit im Gepäck: private Dokumente Himmlers. Hunderte weitere Briefe – vorwiegend aus den Monaten vor dem Tod Himmlers – lägen in einem Banktresor in Israel. Die Geschichte ist abenteuerlich: Zwei US-Soldaten nahmen die Unterlagen aus Himmlers Haus in Gmund am Tegernsee mit, ein Soldat lieferte sechs Notizhefte mit Tagebuchaufzeichnungen ab, sie wurden wissenschaftlich ausgewertet. Der Rest verschwand, versickerte, galt als verschollen. Jetzt erfährt man: Jahrzehntelang seien sie im Besitz eines Mannes namens Chaim Rosenthal gewesen, der sie in seinem Schlafzimmer in Tel Aviv unter seinem Bett versteckt habe. Rosenthal wollte die Briefe in den Achtzigerjahren verkaufen, doch der Zeitpunkt war denkbar schlecht: Der Skandal um die Hitler-Fälschungen wirkte abschreckend auf potenzielle Käufer. So landeten die Dokumente wieder unter dem Bett. 2007 kamen sie in die Hände der Filmemacherin Vanessa Lapa, ihr Vater hatte sie für sie um „keine große, eher eine symbolische Summe“ gekauft.

Das Konvolut besteht vor allem aus Briefen, die Himmler ab 1927 bis zu seinem Tod an seine Frau, Marga, geschrieben hat, dazu bisher unbekannte Fotografien und der Nachlass von Himmlers Pflegesohn. Es wird nicht nötig sein, die Geschichte des Nationalsozialismus jetzt umzuschreiben, die Briefe haben privaten Charakter; dass Himmler privat ein kalter, gefühlloser Mensch war, ein selbstgerechter Bürokrat und Buchhaltertyp, hat man bereits gewusst, das geht auch aus den Briefen hervor; dass er besessener Antisemit war, ebenfalls. Selbst am Anfang der Beziehung zu Marga, 1927, in der verliebten Phase, wirkt die Anrede „Liebe, goldige Frau“ oder „Du gutes, geliebtes, hohes Wesen“ ritualisiert und formelhaft, tatsächliche Zuneigung verstand er nicht zu formulieren. Wie es der Partnerin wirklich geht, dürfte ihn nicht interessiert haben. Ab Ende 1938 hatte Himmler eine feste Geliebte, seine Privatsekretärin, ab nun heißt es „Liebe Mami“. Die „Zweitehe“ machte ihm keine Probleme, sie war „rassenbiologisch“ in Ordnung, Marga reagierte mit Verbitterung.

 

Er fühlte sich als moralische Instanz

Meist ging es in der Korrespondenz um banale Dinge, unterzeichnet wurde mit „Dein Heini“ oder „Euer Pappi“. Himmlers Privatleben fehlte – etwa im Unterschied zu Hermann Göring – das Glamouröse. Die grausamen Verbrechen, die er mitgeplant hat, scheinen Himmler nicht belastet zu haben: „Ich fahre nach Auschwitz. Küsse, dein Heini“, schrieb er einmal seiner Frau. Und am Tag vor der Wannseekonferenz, bei der Details des Holocaust besprochen wurden, schickte er seiner Familie ein „verspätetes Weihnachtsgeschenk“. Für ihn war der Massenmord keine erwähnenswerte Sache. Dass die NS-Massenmörder sich für „anständig“ hielten, geht aus den Briefen hervor, ist aber nichts Neues. Bei Himmler kam die beängstigende Konsequenz des Fanatikers hinzu, er fühlte sich als moralische Instanz, auch gegenüber der Familie.

„Es besteht kein Anlass, an der Echtheit der Unterlagen zu zweifeln“, sagt Michael Hollmann, Präsident des deutschen Bundesarchivs. Die Handschrift stimme exakt mit bereits bekannten Dokumenten überein. Die Briefe passten im Übrigen zu den bereits ausgewerteten Briefen von Marga Himmler. Der Berliner Historiker und NS-Experte Michael Wildt beschreibt den Fund als „ein dichtes Korpus an privaten Dokumenten, wie es das von keinem anderen Angehörigen der NS-Führung gibt“. Die Tagebücher von Joseph Goebbels enthalten kaum Privates.

BEI DER BERLINALE UND IM ORF

Die Dokumentation „Der Anständige“ (Dauer: 90Minuten) der Regisseurin Vanessa Lapa wird am 9.Februar bei der Berlinale uraufgeführt, die Zeitung „Die Welt“ hat die Produktion finanziell unterstützt, der ORF hat sie gemeinsam mit dem israelischen Sender Yes produziert und zeigt sie in der zweiten Februarhälfte. Als Synchronsprecher wirken Tobias Moretti (für Heinrich Himmler) und Sophie Rois (für Marga Himmler).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2014)