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Staatsoper: „Rusalka“, eine akustische Sternstunde

(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung von Dvořáks Meisteroper wurde zum umjubelten Triumph für die Titelheldin, Krassimira Stoyanova, und das gesamte, von Wien-Debütant Jiři Bělohlávek geführte Musikanten- und Sängerteam.

Es ist schon so: Wenn die Wiener Philharmoniker, pardon: das Staatsopernorchester Dvořák spielt, dann hat man das Gefühl, es spräche in seiner Muttersprache. Vermutlich hat das auch damit zu tun, dass es eine „Wiener Geigenschule“ sui generis nicht gibt. Der Stammbaum des typisch wienerischen Portamento wurzelt wie jener der Etüden, mit denen sich der Wiener Streichernachwuchs bis heute zu plagen hat, tief im Böhmischen.

Grundlage Nummer eins des vollständigen Hörglücks, das die Premiere der „Rusalka“ dem Publikum beschert hat, ist also der philharmonische Klang, den Staatsopern-Debütant Jiři Bělohlávek umsichtig im Sinne der Partitur und des rechten Dvořák-Stils zu kanalisieren weiß: Bělohlávek ist ein weit gereister Maestro in Sachen „Rusalka“ und weiß vor allem, dass eines der großen Geheimnisse guter Dvořák-Interpretationen ist, sich nicht auf „schönen Stellen“ auszuruhen, sondern ein Tempo zu halten.

Keine Schminke, alles klingende Natur

Schön ist diese Musik von selbst, wenn ein Orchester wie dieses seinen Klangsinn sozusagen ungeschminkt nutzen darf: nirgends draufdrücken, nichts künstlich überschminken. Fließen lassen, lautet das Motto. Das hört sich leicht an, gehört, man weiß es in Wien zu schätzen, zu den raren Tugenden bei Kapellmeistern. Umso herrlicher ist das Ergebnis, wenn einer unseren Musikern vertraut – und sie ihm. Der Nebeneffekt ist auch nicht zu verachten: Nicht in einem einzigen Moment an diesem Abend gab es auch nur die leisesten Koordinationsmängel zwischen Orchester, Chor (sehr gut von Martin Schebesta einstudiert) und den Solisten. Bei einer Interpretation, die der Musik anscheinend unbehindert ihren Lauf lässt, bei der also jede Phrase frei zu atmen scheint, ist das kein kleines Kunststück.

Und die Solisten? „Rusalka“ spielt im Staatsopernrepertoire leider keineswegs die Rolle, die ihr als Meisterwerk der musikdramatischen Produktion der Jahre um 1900 zustünde. Wenn das Stück aber in den Spielplan geholt wird, dann gelingen dem Haus atemberaubende Premierenvorstellungen. Das war so 1987 anlässlich der Erstaufführung unter Vaclav Neumann mit Gabriela Beňačková, Peter Dvorsky und Jewgeni Nesterenko. Das gelang mit ebensolchem Erfolg anno 2014. Diesmal feierte Titelheldin Krassimira Stoyanova einen Triumph.

Für die Stimme und den Gesang dieser Künstlerin gilt, was für das Spiel der Philharmoniker gesagt wurde: Jede Phrase, jeder Ton kommen mit größter Natürlichkeit. Die pure Schönheit des Soprans, weich und rund und goldschimmernd in allen Lagen, öffnet die Sinne der Hörer: Gefühl, Emotionen, die Dvořáks Melodien transportieren, erreichen ihn unvermittelt, im Computerzeitalter hieße das vermutlich: ohne Datenreduktion.

Um solcher direkter Drähte zum Metaphysischen willen geht man ja eigentlich in die Oper. Nur vergällen einem oft siebenhalbmalkluge Regisseure die Freude. Gottlob hat Sven-Eric Bechtolf beschlossen, diesmal nicht allzu krawutisch mit dem inszenatorischen Vorschlaghammer auf das zu inszenierende Stück draufzuschlagen. Vieles, vor allem Rusalkas schüchtern-schmerzhafte „Gehversuche“ sind liebevoll aus dem Stück erfunden. Doch geht der Pseudopsychologe zweimal kräftig mit dem Regisseur durch: einmal, wenn während der Festmusik im Mittelakt ein Tänzerpaar in Slapstickmanier die Ängste von Braut und Bräutigam vor der Hochzeitsnacht karikiert.
Ein zweites Mal, wenn die erfreulicherweise nur darstellerisch zappelig-marionettenhaften, gesanglich exzellenten Darsteller von Heger und Küchenbursch, Gabriel Bermúdez und Stephanie Houtzeel, in die Fänge der herrischen Hexe Ježibaba (Janina Baechle) geraten – der junge Koch wird dann von den Waldgeistern, die so harmonisch singen (Valentina Nafrnita, Lena Belkina und Ilseyar Khanyrullova), kannibalisch benagt.

Märchen sind von selbst brutal

Dass es in Märchen nicht immer friedlich zugeht, muss man uns nicht mit Zusatzbrutalität vor Augen führen. Die Geschichte vom Prinzen, um dessentwillen die Wassernixe zur Menschenfrau werden möchte, von der Fremdheit zwischen den Geschlechtern, vom Todeskuss, den der Mann empfängt, nachdem er die Frau verstoßen hat, ist anrührend-rätselhaft genug. Und die Musik macht sie noch viel anrührender, lotet sie doch in tiefere Tiefen als je eine psychoanalytische Sitzung auch nur erahnen ließe.

Das würde schon genügen. Zumal Michael Schade den Prinzen mit seinem bis in höchste Höhen geschmeidigen lyrischen Tenor sensibel – und im Finale ohne Angst vor der gefürchteten Tessitura der Partie wirklich seelenvoll singt; und Monika Bohinec das Kunststück zuwege bringt, mit dunkel-metallisch glänzender Stimme den Goldtönen der Rusalka attraktiv genug zu kontern, um dem Prinzen im Mittelakt den Kopf zu verdrehen. Die Klagerufe des Wassermanns dringen dank Günter Groissböcks Comeback mit weichen Basstönen durchs böhmische Land, das Rolf Glittenberg mit einer poesiefreien Plattenbauruine verhüttelt hat, durch deren vereiste Fenster Wald und Weiher nur zu erahnen sind.

Da fiel mir ein: Als sich über Akt II der Schenk-Inszenierung einst der Vorhang hob, gab es Spontanapplaus für Schneider-Siemssens Bühnenbild. Das war, zugegeben, das letzte Mal, dass dergleichen passiert ist . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2014)