„Buntblatt“ vs. „Schnarchzeitung“. Während sich „Krone“ und „Österreich“ beflegeln, zerreißt der „Spiegel“ den Springer-Boss mit subtiler Schärfe.
Mathias Döpfner ist ein gründlicher Mann. Der Vorstand des Axel Springer Verlags, Herr über Zeitungen wie „Bild“ und „Welt“ überlegte lang, ob er dem Redakteur vom Hamburger „Spiegel“ trauen könne. Schließlich gewährte er ihm Zugang zum Berliner Springer-Hochhaus, nahm ihn auf ein paar Reisen mit und offerierte eine Liste von Personen, die etwas über ihn erzählen könnten. „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher etwa und der frühere US-Außenminister Henry Kissinger.
Die Mühe war umsonst. Am Ende schrieb der Redakteur im aktuellen „Spiegel“ doch einen sechsseitigen Verriss unter dem Titel „Der Kassierer“. Döpfners Karriere bei Springer sei wie die von Angela Merkel bei der CDU: „Es sprach eigentlich alles dagegen.“ Zuerst habe er „unauffällige Musikkritiken“ für die „FAZ“ geschrieben, später sei er Chefredakteur von Zeitungen gewesen, die „unter seiner Führung langsam verdorrten“. Den Springer Verlag habe er in zwölf Jahren zum „Supermarkt gemacht, in dem es an der Kasse auch ein paar Zeitungen gibt“.
„Spiegel“ und „Bild“ – das ist die Geschichte einer liebevoll gepflegten jahrzehntelangen Feindschaft. Als Heinrich Böll 1974 seine Kritik an dem Boulevardblatt in die Erzählung „Die verlorenen Ehre der Katharina Blum“ verpackte, druckte der „Spiegel“ diese ab. 2011 bezeichnete das Magazin die „Bild“-Macher auf der Titelseite als „Brandstifter“. Und als im Herbst „Bild“-Vizechef Nikolaus Blome zum „Spiegel“ wechselte, war dort die Empörung in der Redaktion massiv.
Publizistische Feindschaften gibt es auch in Österreich und nicht erst seit dem Wiener Zeitungskrieg anno 1958, in dem vor allem ÖVP und SPÖ um ihre mediale Vormachtstellung stritten. Dabei wird die Rivalität zwischen Zeitungen bis heute selten mit hintergründigen Artikeln ausgetragen. Lieber beschimpft man einander kleinlich. Die „Kronen Zeitung“, die sonst zu Branchenthemen eher stoisch schweigt, nennt den Konkurrenten „Österreich“ seit einer Geschichte um eine U-Bahn-Bande „grellbuntes Blatt“. Umgekehrt kommt die „Krone“ in „Österreich“ nur als „Schnarchzeitung“ vor. Den weniger informierten Leser werden solche Flegeleien vermutlich meist verwirrt zurücklassen.
Beinah unmöglich wird offene Feindschaft zwischen Zeitungen, wenn sie sich wie in Südkorea das Büro teilen. In „reporter rooms“ sitzen etwa die Redakteure der größten Zeitungen „Chosun Ilbo“ und „Dong-a Illbo“. Da sagt, geschweige denn schreibt, man lieber nichts Böses über die Kollegen. Richtig erstaunt war daher die „Washington Post“, als sich die erwähnten Zeitungen im Vorjahr rund um die Angelobung der neuen Präsidentin plötzlich attackierten: „Die Zeitungen, die sonst wie junge Welpen miteinander spielten, haben sich plötzlich in grimmige Pittbulls verwandelt.“
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2014)