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"Die Presse" in Kiew: Der Soundtrack der Revolte

A pro-European integration protester dances underneath huge Ukrainian flag at Independence Square in Kiev
"Presse"-Redakteurin Jutta Sommerbauer(c) "Presse"-Montage/REUTERS (MARKO DJURICA)
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Redakteurin Jutta Sommerbauer berichtet von den ukrainischen Massenunruhen. Hier schildert sie Eindrücke und Begegnungen aus und in Kiew.

Sonntag, 2.2.: Der Soundtrack der Revolte

Jede Revolte hat einen Soundtrack. Auch die Demonstranten vom Maidan haben ihre Begleitmusik.

Da sind etwa die vermummten Sänger der Gruppe „Musikalnaja Tituschka". In ihren Persiflagen bekannter russischer Popsongs machen sie sich etwa über bezahlte Schläger lustig, die von regierungsnahen Kreisen angeheuert werden. Diese jungen Teilzeitsöldner werden „Tituschki" genannt. Die Songs von "Musikalnaja Tituschka" sind auf YouTube zu hören. (>> Link)

Ein anderer, temporeicher Hit heißt „Schina gorila, palala". Das heißt übersetzt so viel wie „Der Autoreifen loderte und brannte". Der Song, der einem bekannten westukrainischen Volkslied nachgetextet ist, handelt von den brennenden Reifen an der Gruschewskogo-Straße.

Bei den gewaltsamen Zusammenstößen haben Demonstranten in Brand gesetzt, um die Polizisten der Sondereinheit „Berkut" in Schach zu halten. Denn die Reifen glühen stundenlang - und strömen dabei einen stinkenden, schwarzen Rauch aus - der den Polizisten direkt ins Gesicht wehte. Der Song prophezeit, dass das Ende der „Regionalen" - der Mitglieder der Partei der Regionen -, gekommen ist: „Ihr werdet uns nicht mehr regieren". Hier die Hörprobe.

31.1.2014, 13:38 Uhr: Der "Kommandant" des von AKtivisten besetzten Kiewer Stadtparlaments im Interview

"Wir werden das Gebäude nicht aufgeben", erklärte mir Ruslan Andrjko. Er ist der "Kommandant" jener Aktivsten, die das Kiewer Stadtparlament besetzen. Das ganze Interview inklusive Reportage findet ihr hier.

31.1.2014, 9:51 Uhr: Video zeigt Schüsse von "Berkut" auf Demonstranten

In ukrainischen Internetmedien ist ein Video aufgetaucht, das die Debatte um die Ereignisse in der Nacht auf den 22. Jänner anheizen wird. Damals kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizisten der Spezialeinheit "Berkut" an der Gruschewskogo-Straße. In dem Video des TV-Kanals TVi ist zu sehen, wie in der 94. Sekunde ein Polizist mit einem Gewehr in Richtung Demonstranten schießt. Bisher hat die Polizei abgestritten, scharfe Waffen zu verwenden. "Provokateure" hätten den Tod dreier Demonstranten zu verschulden. Der Clip dürfte selbst von einem Polizisten aufgenommen wordne sein, der das Video den Medien übergeben hat: Alle Aufnahmen sind aus der Perspektive der "Berkut"-Leute. Die haben nun hinreichend Aufklärungsbedarf. (>> Link zum Video)


30. Jänner, 13.22 Uhr: Das Merchandising der Regierungsgegner

Auf dem Maidan in Kiew sind die ersten Merchandise-Artikel aufgetaucht: Mützen, Fahnen, T-Shirts und Schals für den "stylebewussten" Demonstranten.

Jutta Sommerbauer

Für den Kühlschrank gibt es zudem Magnete mit Euromaidan-Sujets.

Jutta Sommerbauer

30. Jänner, 11.42 Uhr: "Wollen nicht in Nordkorea leben"

Das "Ukrainische Haus", ein modernistischer Rundbau im Zentrum Kiews, beherbergt normalerweise Ausstellungen und Empfängen. Seit ein paar Wochen aber beherbergt es Demonstranten und es läuft ein anderes Programm. Im Inneren - nach dem Passieren der Personenkontrolle - herrscht geordnetes Durcheinander. Auf Stühlen ruhen sich Aktivisten aus, in einer Ecke diskutieren Studenten, eine behelfsmäßige Kapelle wurde eingerichtet, die Kleidervergabe ist in einer anderen Ecke.

(c) Jutta Sommerbauer

Hier treffe ich Andrej Pidubnjak, 34 Jahre alt. Andrej ist ein hagerer junger Mann, auch er wärmt sich hier. Seit dem Beginn der Proteste ist er dabei. Warum? Wie so viele hatte er das Gefühl von seiner Regierung verschaukelt zu werden, als diese Ende November überraschend ankündigte, man werde das Assoziierungsabkommen mit der EU doch nicht unterzeichnen. "Irgendwas war da faul", sagt Andrej. "Dahinter steckt ein Tauschhandel mit Russland." Es ist das Gefühl des Verkauftwerdens, das Andrej so verärgert hat. Nun sieht sich der Videokünstler wie so viele hier im "Kampf gegen einen Kriminellen" - Präsident Janukowitsch. Sein Land stehe an der Schwelle zum Autoritarismus, und auf welcher Seite Andrej steht, ist klar: "Wir wollen nicht in einem Land wie Nordkorea leben."

 

30. Jänner, 10.02 Uhr: Der Look der Demonstranten

Der typische Look am Maidan, Motorrad oder Bauarbeiterhelme, dicke Winterjacken, Skihosen, Bergschuhe oder Gummistiefel.

(c) Jutta Sommerbauer

30. Jänner, 9.45 Uhr: Politik - keine Vertrauenssache

Vitali Klitschko ist ein Politstar - in den deutschen Medien. Unzählige Male wurde er schon interviewt, in der Bildzeitung hat er heute einen Gastbeitrag veröffentlicht. In Kiew ist das Bild ein anderes: Hier ist Klitschko der Oppositionspolitiker, der auf die Unterstützung der Protestierenden angewiesen ist. Immer wieder tritt er auf der großen Bühne des Maidan auf, um sich Support zu holen, um seine Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen. In der Ukraine ist Klitschko einer von mehreren Playern, und er muss sich Kritik gefallen lassen. Längst nicht alle Aktivisten stehen hinter ihm. Zumindest aber hat er in einer Sache seine Konkurrenten abgehängt: Laut einer Umfrage des "Razumkow Centre" ist er gleichermaßen beliebt wie verhasst: 50 Prozent der Befragten vertrauen ihm, die andere Hälfte glaubt ihm kein Wort. Bei allen anderen Politikern - Viktor Janukowitsch, aber auch bei Oppositionsführern wie dem rechtsextremen Oleg Tiahnibok oder dem Timoschenko-Verbündeten Arsenij Jazeniuk - überwiegt eindeutig das Misstrauen. Ja, die Ukrainer mögen ihre Politiker nicht besonders. Genauer gesagt: Sie trauen ihnen nicht.

 

30. Jänner, 8.35 Uhr: Barrikaden aus Schneesäcken

Die eisigen Temperaturen haben einen Vorteil, aus dem Schnee, verpackt in Säcken, lassen sich Barrikaden bauen, hier ein Eingang zum Zeltlager am Maidan.

Barrilkaden aus Schneesäcken(c) Jutta Sommerbauer

30. Jänner, 8 Uhr: "Es wird auch wärmer"

In der Nacht zum Donnerstag sind die Temperaturen in Kiew auf minus 25 Grad gefallen. Die Luft ist eisig kalt, nach ein paar Minuten im Freien kriecht die Kälte in die Knochen, da hilft auch eine bestens gefütterte Winterjacke nicht. Wie halten die Menschen im Zeltlager am Maidan diese Temperaturen aus? Die Lösung liegt im ausgeklügelten Schichtbetrieb, der hier herrscht: Die Wachposten an den Barrikaden werden immer wieder ausgewechselt, wer im Freien gewacht hat, darf sich in den besetzten Häusern aufwärmen. Auch die Aufpasser an den Zelten kommen immer wieder ins Warme. Dort werden sie mit Tee und Suppe verköstigt. Überall im Lager brennt Holz in Tonnen. Auch die Zelte - die meisten davon stammen aus Armeebeständen - sind im Inneren mit Öfen ausgestattet. Das ist zwar nicht heimelig warm, aber immerhin kann man sich hier ausruhen und - wenn es sein muss - sogar schlafen. Sogar Strom gibt es, die TV-Nachrichten laufen ohne Unterbrechung. Die Demonstranten denken selbst in der Eiseskälte nicht ans Aufgeben, und wenn der Präsident nicht zurücktritt, wollen sie hier weiter ausharren. Wenn es sein muss wochenlang. Man wärmt sich beim Gedanken an den Frühling: "Im März wird es wieder wärmer", sagt ein Mann mit Pelzmütze, der seine Hände an einem Holzofen auftauen lässt. "Dann ist das hier alles kein Problem."

 

Nacht auf 30. Jänner:

Das ukrainische Parlament beschließt ein Amnestiegesetz für Demonstranten, die während der regierungskritischen Proteste festgenommen wurden. Der Beschluss in der Hauptstadt Kiew erfolgt ohne Stimmen aus der Opposition, die sich nicht an dem Votum beteiligt, weil die Regierung von der Opposition im Gegenzug verlangt, besetzte Straßen und Regierungsgebäude zu räumen. Die Opposition verlangt jedoch eine bedingungslose Amnestie.

Unterdessen ruft der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko die EU auf, ein Einreiseverbot gegen Präsident Viktor Janukowitsch zu verhängen, bis dieser die Aufhebung des umstrittenen Gesetzes zur Versammlungsfreiheit unterzeichnet hat.

29. Jänner 17.25 Uhr Ortszeit:  Unruhen spalten Bevölkerung

Ein Gespäch mit Michailo Mischenko. Der Soziologe des Think Tanks "Razumkov Centre" untersucht die Einstellungen der ukrainischen Öffentlichkeit zum "Euromaidan", dem seit Ende November andauernden Aufstand gegen die politische Führung. Je jünger und gebildeter, desto mehr Zustimmung finden die Aktivisten, sagt Mischenko. Alles in allem ist die Bevölkerung aber gespalten: In einer Umfrage vom Dezember 2013 äußerten sich 32,2 Prozent "sehr solidarisch". Gegen die Proteste waren 25,7 Prozent. Eine Prognose, wie die politische Krise gelöst werden könnte, sei aus heutiger Sicht sehr schwierig, sagt Mischenko. Dann wagt er sehr vorsichtig doch eine: "Die Wahrscheinlichkeit, dass die Proteste weitergehen, ist allerdings größer als die Wahrscheinlichkeit, dass sie bald beendet sein werden."

29. Jänner, 16.38 Uhr Ortszeit: Holzhacken bei minus 13 Grad

Die Aktivisten im Zeltlager am Kiewer Unabhängigkeitsplatz bereiten sich auf eine weitere kalte Nacht vor. Tagsüber hatte es minus 13 Grad, für die nächsten Tage ist ein weiterer Temperatursturz vorhergesagt. Tee wird gekocht, Holz für die improvisierten Öfen klein gehackt, um die sich die Demonstranten versammeln. Die Stimmung im Lager ist gut. Euphorie will aber trotz der Zugeständnisse der Regierung - dem Rücktritt von Premier Mykola Asarow und der Rücknahme von demokratiefeindlichen Gesetzen - nicht aufkommen. Die Demonstranten am Maidan fordern nichts Geringeres als den Abgang von Präsident Viktor Janukowitsch, der für sie das Symbol einer autoritären Ukraine ist.