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Franziskus fordert die Bischöfe zum aufrechten Gang heraus

(c) REUTERS (ALESSANDRO BIANCHI)
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Zuhören statt abkanzeln: Franziskus ist es gelungen, einen neuen Stil im Vatikan einzuführen. Bilanz des Besuchs der Bischöfe in der Zentrale.

Zuhören können, das Gegenüber ernst nehmen, keine Vorurteile haben, nicht alles sofort besser wissen: Ein Verhalten, das in Kommunikationsfibeln seit Langem für Partnerschaften, Kundengespräche und generell den Umgang mit anderen Menschen gepredigt wird, ist nun also im Vatikan angekommen. Dort dauert halt alles ein wenig länger. Zumindest gilt das, wenn man den Angaben der österreichischen Bischöfe traut, die von den Begegnungen beim zu Ende gehenden Ad-limina-Besuch im Vatikan berichten.

Mit Franziskus ist eben – zunächst (?) – ohne große Strukturänderungen ein völlig neuer Stil in die Zentrale der Weltkirche eingekehrt. So kehren Österreichs Bischöfe erleichtert aus Rom zurück. Die bisher vier Tage in Rom sind so ganz anders verlaufen als bisherige Besuche, zu denen die Bischöfe der Welt laut Kirchenrecht theoretisch alle fünf Jahre verpflichtet sind.

Die Bischöfe dürfen sich gestärkt sehen: Keine (öffentlichen) Rüffel oder Zurechtweisungen des Papstes bei der mit 15 Minuten nicht gerade ermüdend langen Audienz am Donnerstag, die sich selbst und vor allem den Katholiken daheim schöngeredet, keine Maßregelungen durch Präfekten von Kongregationen, die nobel verschwiegen werden müssen.

Gestärkt auch, weil Franziskus generell das Bischofsamt wieder stärkt. Wenn sich Franziskus bei seinem ersten Auftritt unmittelbar nach der Wahl vergangenen März konsequent „nur“ als Bischof von Rom bezeichnet hat, dann ist das Programm. Der Papst betont die Kollegialität der Bischöfe und drängt den seit dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils immer beengender wirkenden Zentralismus zurück.

Allein die Tatsache, dass die katholische Basis zu so heißen Themen wie Geschiedenen, die neu geheiratet haben, Empfängnisregelung, vorehelichem Geschlechtsverkehr,... befragt wurden, ist ja im katholischen Universum eine Sensation, auf die nicht oft genug hingewiesen werden kann. Dass am Donnerstag die für die Kirchenleitung mehr als ernüchternden Ergebnisse der einschlägigen Befragung den höchsten Stellen im Vatikan übergeben wurden, ist auch erst in diesem Pontifikat eine Selbstverständlichkeit. Früher ist es nicht nur ein Mal vorgekommen, dass ein Bischof mit geschwellter Brust erklären konnte, hinter diesem und jenem Anliegen nicht zu stehen und es daher in Rom nicht vertreten zu können. Man sei ja kein Briefträger nach Rom, hieß es da schnoddrig.

Die Augen des Vatikans waren durch ein derartiges, positiv sanktioniertes Verhalten vieler Bischöfe, nicht nur aus Österreich, blind geworden. Blind gegenüber der Lebensrealität der Menschen da draußen, blind gegenüber der Realität insgesamt.

Die neue Sicht des Amts des Bischofs (Was heißt neu? Das Amtsverständnis ist letztlich sehr alt) wird aber auch zu einer Bewährungsprobe für Bischöfe. Warum? Weil sie zuletzt nach einer gänzlich anderen Jobdescription in ihr Amt geweiht wurden. Rom-Treue galt in den vergangenen Jahrzehnten unter Johannes Paul und Benedikt als eine der Kardinaltugenden: Das hieß, keinen Millimeter Bewegung außerhalb des engen Kordons, den der Vatikan in für besonders wichtig gehaltenen Fragen wie Zölibat und Sexualität aufgezogen hatte. Ein unbedachtes oder ein sehr wohl bedachtes abweichendes Wort in einer Predigt, einem Interview oder Buch, schon wurde denunziert und Meldung gemacht. Mit einer kirchlichen Karriere war es dann vorbei. Und widersprach ein Bischof, scheute der Vatikan nicht davor zurück, ihn in den Vatikan zu zitieren. Es war einmal.

Jetzt fordert Franziskus die Bischöfe heraus. Er fordert sie zum aufrechten Gang heraus. Sie sollen beten, nicht nachbeten, sollen „den Menschen nahe sein“, wie er am Donnerstag gesagt hat. Das erfordert Mut, seelsorgliche Erfahrung, Fingerspitzengefühl und – um nicht das Wort Menschenliebe zu strapazieren– zumindest Empathie. Sich hinter dem Papst, Rom, dem Kirchenrecht zu verschanzen gilt ab sofort nicht mehr (es war auch vorher ziemlich unpassend).

Die Bischöfe sind gefordert, mit ihren Diözesen sehr konkrete Wege zu finden, wie das Evangelium 2014ff zu leben ist. Andernfalls kann der römische Rückenwind für die österreichischen Bischöfe unversehens in Gegenwind umschlagen.

E-Mails an:dietmar.neuwirth@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2014)