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Ukraine: "Wir werden das Gebäude nicht aufgeben"

UKRAINE EU PROTEST
Proteste in KiewAPA/EPA/MAXIM SHIPENKOV
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Ruslan Andrijko, „Kommandant" des von Aktivisten besetzten Kiewer Stadtparlaments, im DiePresse.com-Interview.

Kreschtschatik 36: Ein stalinistischer Gebäudekoloss auf der Prachtstraße der Kiewer Innenstadt. Wo normalerweise Beamte und Abgeordnete des Kiewer Stadtparlaments ein und aus gehen, sind im Zuge der Antiregierungsproteste rechte Revolutionäre eingezogen. Anfang Dezember haben Aktivisten der rechtsextremen Partei Swoboda - sie hat ihre Anhänger vor allem im Westen der Ukraine - das mehrstöckige steinerne Gebäude gestürmt und zwei Etagen besetzt.

Swoboda gehört zur Vereinigten Opposition, die Partei ist im ukrainischen Parlament vertreten. Als Teil des Dreiergespanns neben Vitali Klitschko und Arsenij Jazenjuk gibt sich ihr Anführer Oleg Tiahnibok seither ein wenig zahmer, doch die Verbindungen zu dubiosen Bruderschaften und paramilitärischen Organisationen, die einen gewaltsamen Umsturz der demokratischen Ordnung herbeiführen wollen, sind noch längst nicht gekappt. Swoboda vertritt einen radikalen ukrainischen Nationalismus und eine entschiedene antisowjetische und antirussische Position - gewürzt mit ein wenig proeuropäischer Rhetorik.

Passiert man die Personenkontrolle der „Kiewrada" am Eingang, bietet sich einem das Bild von Improvisation und dem Versuch ihrer Ordnung: Die einst gelben Wände sind mit Flugzetteln und Postern zugeklebt. Da hängen Poster von Swoboda-Ikonen wie dem antisowjetischen Nationalkämpfer Stepan Bandera oder dem Dichter Taras Schewtschenko. Daneben Vermisstenanzeigen und Plakate, die die bei den Unruhen getöteten Aktivisten betrauern. Brot, Butter, Käse und Wurst werde dringend gebraucht, meldet ein anderer Aufruf, links davon werden die Speisezeiten in der Kantine bekannt gegeben: Frühstück 7:30 bis neun Uhr, Mittagstisch von 13:30 bis 15:30 und Abendessen von 18 bis 20 Uhr. Auch Revolutionäre müssen Essenszeiten einhalten.

(c) Jutta Sommerbauer

Der Prunksaal im zweiten Stock, einst Ort von Festveranstaltungen, erfüllt nun viele Funktionen: neue Mitglieder können sich hier einschreiben, auf den Matratzen in der Ecke lässt sich ein Nickerchen machen, Kaffee wird ausgegeben, ein Dutzend junger Männer hört einem Priester zu, der sie segnet und ihnen Mut zuspricht.

Inmitten des geordneten Chaos steht Ruslan Andrijo, der als Kommandant die Oberaufsicht über das Gebäude hat. DiePresse.com bat ihn zum Interview:


Anfang Dezember haben Aktivisten von Swoboda zwei Stockwerke des Kiewer Stadtparlaments besetzt. Was tun Sie eigentlich hier?

Ruslan: Andrijko: In dem Gebäude ruhen sich unsere Aktivisten aus, sie essen und übernachten hier. Alles funktioniert hier nach Plan. Es gibt eine Wache hier, die für die Sicherheit sorgt und Provokationen entgegentritt, dann natürlich die Küche und das Lager, wo Lebensmittel gebunkert werden. Wir kochen für unsere Mitstreiter. Dann haben wir einen Erste-Hilfe-Punkt, hier können wir Verletzte versorgen, sogar Operationen durchführen. Dann gibt es eine Abteilung, die für Ordnung sorgt. Ein Infozentrum haben wir auch, das über die aktuellen politischen Ereignisse informiert. Die Kommandantur sorgt für die allgemeine Ordnung. Insgesamt befinden sich 400 Freiwillige in dem Gebäude.

Sie besetzen die erste und zweite Etage. Was ist mit den anderen Stockwerken?

Dort arbeiten die Beamten des Kiewer Stadtparlaments. Wir stören sie absolut nicht und behindern auch nicht ihre Arbeit.

Sie wollen das Gebäude aber nicht aufgeben, wie es etwa in dem eben verabschiedeten Amnestiegesetz gefordert wird?

Nein, natürlich nicht. Die Partei Swoboda hat das Gesetz nicht unterstützt, das ist Augenauswischerei. Wir werden keine besetzten Gebäude aufgeben. Bei diesen Minustemperaturen Leute auf die Straße hinauszuwerfen wäre unverantwortlich. Wir bleiben hier.

Auf den Straßen sind viele junge Männer in Kämpfermontur - Militärkleidung, Helmen, Schlagstöcken, schusssicheren Westen - zu sehen. Sind die alle Ihrer Partei zuzuordnen?

Nein, es gibt ganz unterschiedliche Abordnungen. Unsere Kämpfer befinden sich hier und in einem anderen Gebäude.

Wie viele sind es?

Das darf ich Ihnen nicht sagen.

Wie stehen Sie zu möglichen internationalen Sanktionen gegen die Regierung?

Wenn sie endlich eingeführt würden, wäre das sehr gut. Auch aufgrund der Untätigkeit des Westens hat sich dieses Blutbad hier ereignet, wir haben Patrioten im Kampf verloren (gemeint sind die sechs Todesopfer bei Zusammenstößen, Anm.). Wenn der Westen wirklich eine unabhängige und starke Ukraine möchte, dann müsste er harte Sanktionen gegen das Regime Janukowitsch einführen. Bisher hat sich das Regime unantastbar gefühlt.

Warum wurden bisher keine Sanktionen eingeführt?

Dem Westen ist an einer starken und unabhängigen Ukraine nicht gelegen. Weder Europa noch Amerika sind daran interessiert, und Russland natürlich auch nicht. Alle sehen uns als Spielball an. Eine unabhängige Ukraine ist nur für die Ukrainer wichtig. Deshalb werden wir dafür bis zum Letzten kämpfen.