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Chinas neue energiediktierte Außenpolitik

Schuhfabrik in China
Schuhfabrik in ChinaEPA
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Kein Land ist inzwischen so abhängig von Erdöl aus Nahost wie China. Doch der chinesischen Führung wird ihr geostrategisches Interesse erst langsam bewusst.

Welch verdrehte Welt: Als im vergangenen September der UN-Sicherheitsrat über den Bürgerkrieg in Syrien beriet, um zu einer gemeinsamen Resolution zu kommen, mussten die USA bei China in gewohnter Manier viel Überzeugungsarbeit leisten. Wie schon so oft sprach sich der chinesische Vertreter nämlich gegen jede militärische Intervention aus: Man halte weiterhin an der außenpolitischen Devise fest, sich in innere Angelegenheiten anderer Staaten nicht einzumischen, argumentierte er.

US-Diplomaten hingegen warnten vor einem gefährlichen Pulverfass in Syrien, das die gesamte Region gefährde. Dabei haben sich die geopolitischen Interessen Washingtons inzwischen umgekehrt: Seitdem die USA mit der Fracking-Technologie in der Lage sind, bis vor Kurzem noch schwer gewinnbares, in Gesteinsschichten verteiltes Öl und Gas herauszulösen, sind die Amerikaner auf dem besten Weg, sich von einem Importeur von Erdöl zum Nettoexporteur zu entwickeln. Mit dieser neuen Methode schwindet ihr Interesse am Nahen Osten.

Ganz anders jedoch China: Der Energiehunger des wirtschaftlich so rasant aufstrebenden Reichs ist gewaltig. Im vorigen Herbst hat die Volksrepublik die USA als größten Ölimporteur abgelöst. Kein Land der Welt importiert heute so viel Öl aus dem Nahen Osten und bezieht zusätzlich so viele Rohstoffe aus Zentralasien wie China.

 

Der Amerikaner wird's schon richten

Bisher habe sich die Führung jedoch darauf verlassen, dass schon die Amerikaner für die politische und militärische Stabilität in der Region sorgen würden, beschreibt der chinesische Zentralasien-Experte Li Xian aus Shanghai Chinas bisherige Außenpolitik. „Chinas Engagements sind bisher rein wirtschaftlicher Natur gewesen.“ Während amerikanische GIs in den Straßen von Kabul und Bagdad für die Sicherheit zuständig waren, konnten chinesische Geschäftsleute sich auf Ölfelder, Kupfer- und Kohlevorkommen stürzen.

Zum Unmut der Amerikaner sind die Chinesen mit dieser „Geschäftsverteilung“ im Irak und in Afghanistan lange gut gefahren. Mit der Ankündigung der USA, ihre Truppen auch aus Afghanistan zurückzuziehen, dämmere es Chinas Führung nun, dass man sich künftig stärker einbringen muss, um die Sicherheit der Öl- und Rohstofflieferungen zu gewährleisten, so Li Xian.

Chinas bisher zurückhaltende, beinahe passive Außenpolitik geht zurück auf den Reformer Deng Xiaoping (1904–97). Er hat zu Beginn seiner Öffnungspolitik Anfang der 1980er die Doktrin der Zurückhaltung ausgegeben, auf die sich seine Nachfolger bis heute berufen. „Beansprucht niemals die Führungsrolle“, hieß die Devise.

 

Zurückhaltung war gestern

Seither war man in Peking darum bemüht, der Welt die Angst vor einem aufstrebenden China zu nehmen. Die Politik hat China mehr als zwei Jahrzehnte lang zwar jede Menge Ärger und vor allem viel Geld erspart – doch sie stößt jetzt an ihre Grenzen. Denn im Unterschied zu damals haben Chinesen heute knallharte Interessen im Ausland, etwa wenn es um die Sicherung von Rohstoffen, den Handelswege oder schlicht Konkurrenz zu anderen Ländern geht. „Chinas Rohstoff- und Energiehunger zieht den Argwohn des Rest der Welt auf sich“, sagt Li Xian.

Militärisch rüstet China seit vielen Jahren kräftig auf, in Quantitäten und Technologien, die über Selbstverteidigung weit hinausgehen. Die Kriegsflotte expandiert, Flugzeugträger, moderne Kampfflugzeuge und Langstreckentransporter sind in Bau. Erst vor drei Wochen hat China ein Fluggerät getestet, das Hyperschallgeschwindigkeit (mehr als Mach 5) erreichte.

Außenpolitisch setzt Chinas seit einem Jahr amtierender Staats- und Parteichef Xi Jinping neue Akzente. Auf seiner Antrittsreise in fünf zentralasiatische Länder im September versprach er seinen Gastgebern nicht nur jede Menge wirtschaftlicher Hilfe, sondern schmiedete erste sicherheitspolitische Vereinbarungen. Kurz zuvor hatte Peking einen hohen Sicherheitsbeamten nach Afghanistan geschickt und eine „strategische Partnerschaft“ vereinbart. Sie umfasst etwa die Ausbildung 300 afghanischer Polizisten. Beobachter werten die Vereinbarung als ersten Schritt einer größeren militärischen Zusammenarbeit; immerhin haben beide Staaten auch eine (winzige) gemeinsame Grenze.

 

Wann kommt der erste Militäreinsatz?

Wolfgang Ischinger, Chef der aktuell wieder tagenden Münchner Sicherheitskonferenz, sagte vor einem Jahr: „Mich wird es nicht wundern, wenn sich in den nächsten Jahren China irgendwann auch mit seiner Flagge, also strategisch, ja militärisch, engagiert.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2014)