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Wie der Klimawandel die Arktis plötzlich attraktiv macht

Symbolbild: Bohrinsel
Symbolbild: Bohrinsel(c) APA/C. KÖBERL
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Boom mit Anlaufhindernissen. Das Eis zieht sich zurück und erleichtert den Zugang zu Öl und Gas. Doch noch sind die Erschließungskosten hoch.

Wien. Tagelang sorgte die „Kulluk“ im Dezember 2012 für Aufregung: Die Shell-Bohrplattform, die während der langen Saisonpause in der Beaufortsee zum Überwintern nach Süden Richtung Seattle gebracht werden sollte, riss sich vom Schleppschiff los und strandete schließlich im Golf von Alaska. Es war nicht der erste Rückschlag, der Shell bei der Ausbeutung arktischen Öls ereilte, und am Donnerstag zog der Konzern Konsequenzen: Man sagte die heurige Bohrsaison ab. Aus Kostengründen.

Der Fall illustriert die Hindernisse, die sich vor einem Run auf die arktischen Öl- und Gasvorkommen auftürmen, und die dem euphorisch ausgerufenen „arktischen Boom“ im Weg stehen. Nun ist die Suche nach fossilen Brennstoffen im arktischen Raum zwar keineswegs neu: Kanada begann bereits in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts damit, Alaska und Russland (bzw. die Sowjetunion) bohren seit Jahrzehnten.

Steigender Energiebedarf, die Endlichkeit der Reserven in den besser zugänglichen Gebieten und vor allem der Klimawandel haben aber die Arktis zusehends in den Fokus gerückt. In den letzten drei Jahrzehnten hat das Meereis der Arktis die Hälfte seines Umfangs und drei Viertel seines Volumens verloren, schrieb Scott Borgerson von der NGO Arctic Circle 2013 in der Zeitschrift „Foreign Affairs“. Am Ende des Sommers 2012 sei die von Eis bedeckte Wasserfläche im Vergleich zum Jahr davor um die Größe Venezuelas geschrumpft.

Die Probleme beginnen damit, dass die tatsächlichen Öl-und Gasvorkommen wegen der schweren Zugänglichkeit und der deshalb ausstehenden Probebohrungen nur ganz grob geschätzt werden können, auf derzeit 13 Prozent der unentdeckten Öl- und 30 Prozent unentdeckter Gasresreven weltweit. Man hält sich besser an die Gegenwart: Derzeit finden in der Arktis, zum überwiegenden Teil in Sibirien und Alaska, rund zehn Prozent der weltweiten Öl- und ein Viertel der Gasproduktion statt.

Abgeschiedene Lage und die deshalb oft fehlende Infrastruktur beeinträchtigen die Konkurrenzfähigkeit des arktischen Öls und Gases. Der Schiefergasboom, der die Preise sinken lässt, lenkt den Fokus daher temporär wieder etwas weg von der rauen Region. Vor einigen Jahren schätzte die Internationale Energieagentur Förderkosten von im günstigsten Fall 40 Dollar per Barrel, im ungünstigsten bis zu 100. Das muss erst einmal verdient werden. Dennoch dürfe man keine Zeit verlieren, so der Schluss einer Studie des Washingtoner Wilson-Instituts: Um den Energiebedarf in der Mitte des Jahrhunderts stillen zu können, müsse jetzt die Exploration in großem Stil beginnen.

 

Konflikte blieben bisher aus

Doch was bedeutet der Run auf die Ressourcen der Arktis (es handelt nicht nur um fossile Brennstoffe, sondern etwa auch um seltene Metalle und Mineralien) politisch? Fünf Länder sind involviert (USA, Kanada, Russland, Norwegen, Dänemark), und als Russland 2007 demonstrativ seine Flagge auf den Meeresboden am Nordpol pflanzte, stand zu befürchten, dass es konfliktreich werden könnte. Doch Experte Borgerson ist angesichts der bisherigen Kooperation der Arktis-Anrainer optimistisch: „Auf dem Weg zur arktischen Anarchie ist etwas passiert: Das gemeinsame Interesse am Profit hat über den Kampf um Territorien gesiegt.“

Ganz abgesagt ist er freilich nicht, erst zu Jahresende hat Kanada angekündigt, seine Gebietsansprüche rund um den Nordpol ausweiten zu wollen.

Dass ein beträchtlicher Teil der vermuteten Reserven auf russischem Gebiet liegt, ist beunruhigend, zumal Russland nie zimperlich war, mit der „Energiewaffe“ politische Ziele durchzusetzen. Gerade in der Ukraine wird man derzeit lebhaft daran erinnert. Wächst Russlands Anteil an der Weltproduktion weiter, so wächst auch sein Erpressungspotenzial.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2014)