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Unlust trifft Unfreiheit

Susanne Scholl über zwei Kulturen: Tschetschenien, Österreich. In Tschetschenien herrscht Krieg, ohne dass die Autorin ihn im Großen sichtbar gemacht hätte, umso präsenter ist der Terror des Alltags.

Menschen wie Emma begegnet man im täglichen Leben öfters. Vor allem, wenn man in Wien wohnt. Susanne Scholl hat die Titelfigur in ihrem Roman „Emma schweigt“ in dieser Hinsicht gut getroffen: kleinbürgerliche Existenz, Frau im Pensionsalter, noch recht ordentlich beisammen, vom Leben nicht richtig arg gebeutelt, aber doch stark genug, dass sich die Mundwinkel nach unten eingraben und Emma der Welt grantig, misstraurisch und wehleidig ins Gesicht schaut.

Stoff zu raunzen gibt es für die Frau Emma genug. Der herbste Schlag in ihrem Leben war wohl der Abgang ihres Ehemanns: Der fesche Georg widmete sich nach vielen Ehejahren „neuen Herausforderungen“ in Gestalt von jüngeren Damen und hinterließ an seiner Statt nur eine dicke Katze. Wenn bloß Hansi öfters auf einen Schweinsbraten vorbeikäme. Der Bub wäre schon in Ordnung, hätte er sich nicht zum zweiten Mal scheiden lassen und mehr Ehrgeiz für den Aufbau seiner Medizinerkarriere bewiesen. Sicher, die Schwiegertöchter hießen nicht viel, und dass das Enkerl Luzie mit der Mama nach Italien auswanderte, konveniert der Oma nicht besonders. Aber nichts gegen das, was nachkommt: Eine türkische Freundin hat sich Hansi genommen, eine emanzipierte junge Frau, die ihn gar nicht heiraten will, obwohl sie einen gemeinsamen Sohn bekommen. Georg Tarik soll er heißen, ausgerechnet.

Anfangs fällt es schwer, für diese mieselsüchtige Selbstbeschau Sympathie aufzubringen. Doch das goldene Wiener Herz ist kein Stein, Frau Emma zeigt sich entwicklungsfähig. Ihre menschliche Herausforderung tritt in Gestalt einer jungen Frau aus Tschetschenien und ihres Sohnes auf. Die beiden sind nach Österreich geflüchtet und helfen Emma, während sie darauf hoffen, dass ihr Asylantrag positiv erledigt wird.

 

Vom Krieg in Grosny nach Wien

So legt die Autorin noch eine zweite, erzählerisch fast ergiebigere Spur durch diesen Roman. Sie verflechtet beide Frauenschicksale geschickt – und letztlich illusionslos. Der Lebensweg von Sarema ringt dem Leser einiges mehr an Empathie ab, schon deshalb, weil Scholl dafür einen anderen, wahrhaftigeren Tonfall findet. Man folgt der jungen Frau in kurzen, angstbesetzten Kapiteln aus der Hölle von Grosny bis nach Wien.

In Tschetschenien herrscht Krieg, ohne dass die Autorin ihn im Großen sichtbar gemacht hätte, umso präsenter ist der Terror des Alltags: die drohenden Verluste, Verletzungen und persönlichen Unfreiheiten. Solche Biografien sind vermutlich sehr real: Die meisten Familienmitglieder sind tot, und die wenigen, die überleben, fürchten den langen Arm der Rache an jedem Ort, so entlegen er auch sein mag. So überlagert das latente Gefühl von Gefahr, abgeholt, gefoltert, vergewaltigt, ermordet zu werden, auch den banalen Alltag zwischen Kochtöpfen und Einkaufengehen, den Sarema und ihr Sohn bei Emma erleben.

Hier kommt der Autorin die genaue Kenntnis politischer Verhältnisse und des Alltags im Kaukasus zugute. Scholl hat lange als ORF-Korrespondentin in Russland gearbeitet, die Themen Flucht und Verfolgung nicht nur journalistisch, sondern auch literarisch verarbeitet. Nun erzählt sie, wie saturierte Unzufriedenheit und existenzielles Drama aufeinandertreffen. Und was geschieht, wenn „Emma schweigt“ – in einer ihrer wichtigsten Entscheidungen. ■


Susanne Scholl liest am 13. Februar um
19.30 Uhr in der Buchhandlung Morawa, Wollzeile 11, Wien I, aus ihrem Buch.

Susanne Scholl

Emma schweigt

Roman. 180 S., geb., €19,90 (Residenz Verlag, St. Pölten)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2014)