Knochen im Müll

Ist das Ende nahe, droht der ganzen Erde ein Zusammenbruch, wie er früher isolierte Inseln heimsuchte - oder von ihren Bewohnern herbeigerufen wurde? Jared Diamond gräbt wieder. Lost and found.

Was hat der Osterinsulaner, der den letzten Baum auf der Insel fällte, wohl gesagt, als er ihn fällte? ,Es geht um Arbeitsplätze, nicht um Bäume`? Oder: ,Die Technik wird unsere Probleme lösen, bloß keine Sorge, wir werden einen Ersatz für Holz finden`? Oder: ,Wir haben nicht genug wissenschaftliche Beweise dafür, dass es nicht andernorts auf der Insel noch Bäume gibt, wir brauchen mehr Studien, der Ruf nach einem Rodungsverbot ist verfrüht und Panikmache`?" Das sind die Fragen, mit denen Jared Diamond, gelernter Physiologe, autodidaktischer Anthropologe und naturtalentierter Schreiber - Pulitzer-Preis 1998 - in seinem neuen Buch die Zeiten und Räume zusammenführt. Den Pulitzer erhielt er für "Germs, Guns and Steel" (deutsch: "Arm und reich", Fischer Taschenbuch), die Erfolgsgeschichte jener Zivilisation, die heute die Erde beherrscht. sAls Gegenstück legt er nun "Collapse" vor, eine Analyse des Zusammenbruchs vieler Kulturen, die auch überzeugt waren, sie seien für die Ewigkeit gebaut (erscheint Ende Oktober auf Deutsch, wieder bei Fischer: "Kollaps").

Etwa die der Osterinsulaner oder die der Wikinger ("Norse") in Grönland. Bei beiden zeigt Diamond seine Stärke - er ist ein Kompilator, der wenig Neues zutage bringt, aber mit weitem Blick Zusammenhänge sicht- und fruchtbar macht -, beide kontrastiert er mit Beispielen aus Geschichte und Gegenwart, von denen die meisten wenig überzeugen (und auch nicht recht in das Buch passen, "Collapse" hat nicht die Geschlossenheit von "Germs, Guns and Steel", zerfasert oft). Aber ein Vergleich ist stark: "Vor ein paar Sommern besuchte ich zwei Bauernhöfe, Huls Farm und Gardars Farm, die Milchwirtschaft betrieben und, obwohl sie tausende Kilometer auseinander lagen, bemerkenswert ähnliche Stärken und Schwächen hatten: Sie waren die in ihrer Region größten und technisch fortgeschrittensten Farmen, und sie lagen hoch im Norden, in Zonen, in denen Milchwirtschaft gerade noch betrieben werden konnte."

So eröffnet Diamond, es ist ein Trick, Huls Farm produziert heute im US-Bundesstaat Montana, Gardars Farm musste vor 500 Jahren in Grönland die Produktion einstellen, die Bewohner verhungerten und/oder erfroren: "Die Tierknochen in der obersten Schicht des Hausmülls erzählen eine böse Geschichte" - in ihrer Not schlachteten die Norse ihre Existenzgrundlagen, Kälber und Jagdhunde -, und die Insekten ganz oben im Staub auf den Fußböden berichten auch etwas: "Es gab keine wärmeliebenden Fliegen mehr wie früher, sondern nur noch kältetolerante, das zeigt, dass am Ende weder Essen noch Brennholz da war."

sWas war passiert? An den Norse entwickelt Diamond fünf Kriterien, die über Erfolg und Misserfolg einer Gesellschaft entscheiden: (a) Umwelt, (b) Klima, (c) Nachbarn - (c1) feindliche oder (c2) wohlgesonnene, mit denen man Handel treibt und von denen man Hilfe erwarten kann - und (d) die Reaktion der Gesellschaften auf hereinbrechende oder selbst verursachte Veränderungen. Diamond weiß, dass der Katalog nicht jeden Kollaps fassen kann - der Untergang Karthagos hatte mit Umwelt und Klima so wenig zu tun wie der Zusammenbruch der Sowjetunion -, aber bei den Norse in Grönland greifen die Kriterien, dort kommen alle zusammen, Diamond kann sie durchdeklinieren und die Kraft seiner Methode zeigen, die mit "historischen Experimenten" arbeitet: Das auf Grönland begann 980, als Erik der Rote - ein gefürchteter Totschläger, der erst aus Norwegen, dann aus Island verbannt worden war - auf die Insel stieß und sie "Grünland" nannte, obs gleich sie weithin vergletschert ist und nur in wenigen Fjorden im Süden die klassische Wirtschaftsweise der Wikinger erlaubte, Milchwirtschaft, Rinder, Schafe.

Vielleicht diente der Name der Werbung, vielleicht steckte Wahrheit darin - um 800 hatte die mittelalterliche Warmzeit begonnen -, er wirkte, bald waren 5000 Siedler da. Und sie taten, was Siedler überall als Erstes tun, sie rodeten, um Holz und Weideland zu gewinnen. Der feste Erdboden in Grönland ertrug die Folgen geduldiger als der lockere in Island, das auch von Wikingern besiedelt und entwaldet wurde und heute noch so aussieht, dass die Nasa dort die Mondlandung trainierte. Trotzdem ruinierten die Schafe allmählich das Land - Erosion -, und als die Bäume weg waren, mussten Bau- und Brennholz importiert werden, über tausende Kilometer. Das ging halbwegs gut, solange die Warmzeit die Seerouten frei hielt - und die Norse etwas zu tauschen hatten: Walross-Elfenbein, es war in Europa begehrt, die Mauren hatten den Zugang nach Afrika verlegt. Im Gegenzug bezogen die Norse manches Notwendige - neben Holz vor allem Eisen - und viel Luxus: Sie waren eine fromme katholische Gesellschaft - allerdings so gewalttätig, dass ein von Norwegen entsandter Bischof die Reise gar nicht antreten wollte -, bauten viele Kirchen, für die sie Fensterglas, Bronzeglocken und Messwein brauchten. sDamit war auch das Schiff beladen, das sich 1368 als Letztes zwischen den dichter driftenden Eisbergen hindurchwagte, dann kam keiner mehr, die Mauren waren geschlagen, Afrika lieferte wieder, Walross-Elfenbein war wertlos.

Nicht einmal verheizen konnte man es: Um 1400 brach die "kleine Eiszeit" an. Selbst in milderen Zeiten war das Vieh im Frühjahr so entkräftet, dass es aus den Ställen auf die Weide getragen werden musste, nun brachten die kürzeren Sommer kaum Heu. Konnten die Norse nicht ausweichen, gab es sonst nichts, außer dem Vieh und den Karibus, die sie mit ihren Hunden jagten? Das Meer um Grönland wimmelte von Fischen, Walen und Robben, der Tisch war so reich gedeckt, dass er um 1200 noch eine Völkerschaft anlockte, Inuit aus Neufundland. Sie ließen sich von der immer beißenderen Kälte nicht beeindrucken, sie hatten ihre eigenen Überlebenstechniken - Kanus aus Robbenhäuten, Walfettöfen -, und sie lernten von den Norse, was für sie nützlich war. Aber die Norse lernten nichts von den Inuit, nicht den Fischfang, nicht die Waljagd, eher hungerten sie sich zu Tode. Warum? Warum haben sie auf Fisch verzichtet, Grundnahrungsmittel in Norwegen? Vielleicht habe Eric einmal eine Fischvergiftung erlitten und ein Tabu über Fischverzehr verhängt, mutmaßt Diamond. Einleuchtender erklärt er die selbstmörderische Verstocktheit: Die Norse hätten ihre eurozentrische und christliche Identität in den Exzess getrieben - damit waren sie groß geworden - und sich von diesem Überlegenheitsgefühl genährt, bis es sie aushungerte.

Dergleichen könnte uns nicht passieren, so verblendet und unflexibel sind wir nicht? 1924 versuchten es die Dänen auf Grönland wieder mit der Schafzucht, die alten Wunden waren verheilt, die alten Sünden vergessen, nur die Erde hatte ihr Gedächtnis bewahrt, die Erosion setzte wieder ein, die Dänen zogen wieder ab. Aber dafür braucht man einen rettenden Hafen, und den hatte der nicht, der den letzten Baum auf der Osterinsel fällte, das Eiland liegt am Ende der Welt, die nächsten Nachbarn sind 2000 Kilometer weg. Damit entfallen Konkurrenz/Krieg, aber auch Handel/Hilfe, einen Klimawandel mussten sie auch nicht verkraften, nur ein Punkt von Diamonds Liste bleibt: "Sie sind das deutlichste Beispiel dafür, dass eine Gesellschaft sich durch Übernutzung ihrer Ressourcen selbst zerstören kann." Besiedelt wurde die Insel um 900, sie nährte bis zu 30.000 Bewohner, nicht allzu üppig - es gab kaum Fleisch und Fisch, auch Trinkwasser war rar -, aber doch so freigiebig, dass die Gesellschaft 25 Prozent ihrer Ressourcen für die reservieren konnte, die sie berühmt machten, die Steinbildhauer.

Ab dem Jahr 1000 schlugen sie ihre Statuen, in Steinbrüchen im Inselinneren, von dort wurden sie zu den Küsten gezogen, mit Seilen aus Palmfasern über Schienen aus Baumstämmen. Die mussten immer mehr tragen, insgesamt 113 Statuen wurden errichtet, 397 liegen noch halbfertig oder zerschlagen im Steinbruch von Rano Raraku, mit zehn Tonnen hatte man begonnen, am Ende versuchte man es mit 270 Tonnen. Um 1600 waren die Bäume weg, die erodierten Feldern gaben nichts mehr her, auf das Meer konnte man nicht zurückgreifen - mangels Holz für Schiffe -, aber auf das Fleisch der Nachbarn, Kannibalismus, und die Clans zogen auch gegen die Symbole der anderen, 1620 wurde die letzte Statue aufgestellt, kurz darauf die erste gestürzt, 1868 hatte die Insel 111 Bewohner.

"Dieser Kollaps interessiert mich mehr als jeder andere", weckt Diamond die Leser, die es immer noch nicht bemerkt haben: "Die Parallelen zwischen der Osterinsel und der modernen Welt sind gänsehauterregend offenkundig." Denkmäler haben sich schon viele gesetzt - darin sieht Diamond das Motiv der Statuen-Megalomanie der Osterinsulaner -, nicht nur Stalin und Saddam, auch der Nachbar von nebenan bläht sich gerne: "Der Anblick der Statuen auf den Osterinseln erinnerte mich an die Aktivitäten der Hollywood-Mogule nahe meinem Haus in Los Angeles: Da baut der eine ein Haus mit 50.000 Quadratmeter und der andere überbietet ihn mit 55.000." Und wenn die Macht fällt, fallen ihre Statuen, auch das kennt man von den Diktatoren unserer Zeit. Aber tragen solche Parallelen, sind sie nicht zu äußerlich, ist die Großmannssucht von heute umstandslos auf eine Gesellschaft zu projizieren, von der man nichts weiß, hatten die Clanchefs der Osterinseln wirklich viel mit Stalin oder Hollywood gemein?

Diamond lockt mit kurzen Schlüssen und raschen Parallelen, viele der ausgegrabenen Details werden mit blendenden Plausibilitäten wieder verschüttet, die Antworten kommen überrasch. Das kann man von der Frage natürlich nicht sagen: Heute gibt es keine isolierten Inseln mehr, die Erde ist eine einzige, ein Ölembargo im hintersten Arabien trifft alle, aber nach dem Tsunami kommt auch Hilfe aus allen Richtungen. Balanciert es sich aus, balancieren wir es aus? Diamond schließt skeptisch, vor allem das Bevölkerungswachstum stimmt ihn düster, an noch einer ruinierten Insel spielt er die Möglichkeiten durch, an Pitcairn Island, die Bewohner sind verschwunden, man weiß nicht, wie: "Wenn Menschen in der Falle sitzen und nicht weg können, können die sozialen Spannungen steigen, bis sie im Massenmord explodieren. Aber ich kann mir auch ein milderes Ende des Films vorstellen: Vielleicht haben sie einfach die Reproduktion eingestellt und sind gemeinsam alt geworden, so wie es die letzten Yahi-Indianer Kaliforniens getan haben, der berühmte Ishi und seine drei Gefährtinnen." ?

Jared Diamond
Collapse
How Societies choose to fail or survive. 576 S., brosch., € 32 (Penguin Publisher, London)

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