Unser Begleiter trägt nur im Deutschen einen harten, kantigen Namen, ansonsten ist Luna eher weich und unscharf, so wie ihre Wirkung auf Entstehen und Wohlergehen des Lebens. Somnambules.
Hell erstrahlt der Mond / Sogar der Räuberhauptmann schreibt / diese Nacht ein Gedicht." Nicht immer stimmt der grelle Schimmer so milde wie in diesem Haiku, das Buson, einem Großmeister der in Japan geschätzten Dreizeiler, zugeschrieben wird, der volle Mond kann auch ganz andere Energien freisetzen: "Dann kommt das Bedürfnis zu laufen über sie. Sie verlassen ihre Betten, springen aus dem Fenster und baden in einer Quelle. Aus ihr kommen sie mit einem dichten Pelz auf allen vieren heraus und unternehmen einen Raubzug durch Wälder und Felder, auf dem sie beißen, was in ihren Weg gerät, wilde Tiere wie Menschen."
So beschreibt ein Psychologe im 18. Jahrhundert, was quer durch die Kulturen und Zeiten Angst und Schrecken verbreitete und im europäischen Mittelalter viele auf die Scheiterhaufen brachte: Das Tier im Mann, der Werwolf, "wer" kommt vom lateinischen "vir". Das lassen in zeitgemäßerer Form viele periodisch aus sich heraus, als Fußgänger huscht man dann noch scheuer über Wiens Straßen, aber es ist nicht nur ein okales Phänomen: "Verbrechen mit stark psychotischen Motiven wie Brandstiftung, Kleptomanie, destruktives Autorasen und mörderischer Alkoholismus - alles schnellt bei Vollmond hoch", bilanziert ein American Institute for Medical Climatology.
Dabei geht er doch so stille, und in den meisten Sprachen ist er auch kein schon onomatopoetisch schroffer und kantiger Er, sondern Luna, weich, auch ein wenig unscharf: Alle Zitate des Eingangsabsatzes finden sich zwar im Internet, auf seriösen Seiten, sie lassen sich aber kaum verifizieren. Hat Buson das Haiku wirklich verfasst, gibt es überhaupt ein American Institute for Medical Climatology? Fest steht zunächst nur, dass er oder sie nun einmal da ist, 3.476 Kilometer Durchmesser - ein Viertel dessen der Erde -, 384.403 Kilometer mittlere Entfernung, 27,3 Tage Umlaufzeit, ebenso lange braucht er für eine Umdrehung um sich selbst, deshalb sehen wir immer dieselbe Seite. Aber schon seine Herkunft ist verschleiert, Descartes vermutete als Erster, der Begleiter sei aus den Weiten des Alls gekommen. Ausformuliert wurde die "Einfangtheorie" 1909 vom US-Astronomen Thomas See, der noch nicht wissen konnte, dass die Gesteine von Erde und Mond in mancher Hinsicht so ähnlich sind - vor allem in den Sauerstoff-Isotopen -, dass sie aus derselben Quelle stammen müssen. Das war auch dem Sohn Charles Darwins unbekannt, dem Physiker George Darwin, der 1878 die "Abspaltungstheorie" vorschlug: Die frühe Erde habe sich so rasch gedreht, dass ein Teil weggeschleudert worden sei.
Das würde gut zur chemischen Verwandtschaft passen, ist aber physikalisch unmöglich: Die Erde hätte derart rasant rotieren müssen - in vier Stunden -, dass sie sich auch in den langen Jahren seither nicht auf das heutige Tempo einbremsen hätte können. Hat sie stattdessen etwas abgedampft - in ihrer höllischen ("hadeanischen") Frühphase wurde ihre Oberfläche durch einschlagende Meteoriten auf 2000 Grad gekocht -, wie es Ernst Öpik in einer nach ihm genannten Theorie 1955 postulierte? Nicht auszuschließen, aber die Mehrheit neigt zur "Kollisionstheorie", 1975 von William Hartmann und Donald Davis systematisiert. Demnach hat der Mond zwei Mütter, Gaia und Theia, und er hatte eine gewalttätige Geburt: Theia - die Mutter der Mondgöttin Selene - war ein Himmelskörper so groß wie der Mars, der vor 4,5 Milliarden Jahren mit 50.000 Kilometern pro Stunde in die vier Mal so große Proto-Erde - Gaia - hineinraste, aus ihr ein Stück herausschlug und sich selbst pulverisierte, beider Material tat sich zum Mond zusammen. Allerdings muss der "giant impact" eher ein Touchieren als ein frontaler Einschlag gewesen sein, die Erde hätte sonst auch nicht überlebt, und eine der großen chemischen Differenzen zwischen ihr und dem Mond wäre nicht zu erklären: Er hat sehr viel weniger Eisen, acht bis 12 Prozent, in der Erde sind 31 Prozent. Allerdings sitzt das meiste tief in ihrem Kern, außen, im Mantel, hat sie weniger, dort wurde Material für den Mond herausgeschlagen. Aber, zweite chemische Besonderheit, der Mond hat mehr Niob als der Erdmantel, das muss von Theia stammen.
Kaum geboren, leistete er seinerseits Geburtshilfe, zumindest in einem Gedankenexperiment, mit dem Molekularbiologe Richard Lathe, Edinburgh, die Entstehung des Lebens erklären will. Die kann nur gelingen, wenn die entscheidenden Biomoleküle, die Nukleinsäuren RNA und DNA, erst zusammenfinden - und dann auch wieder auseinander: Sie geben Information weiter, indem sie Stränge bilden und komplementäre Stränge anlagern - und diese vor jeder neuen Runde wieder abspalten, das Leben käme sonst nicht weit, es würde sich selbst blockieren. Dass es das nicht tut, dafür sorgen heute Enzyme, Polymerasen etwa, wie sie beim High-Tech-Verfahren PCR zur Gen-Vermehrung eingesetzt werden: Bei tiefen Temperaturen werden komplementäre Stränge angelagert, bei hohen gehen sie wieder und lagern bei wieder tiefen selbst an. Analoges bewirkt laut Lathe ein oszillierender Salzgehalt. Den brachten die hohen Gezeiten, die der Mond - er war bei der Entstehung des Lebens vor 3,5 Milliarden Jahren nur halb so weit von der Erde entfernt wie heute - über das Land zog. Bei Ebbe blieben Tümpel zurück, deren Wasser unter der Sonne schwand und salzhaltiger wurde, bis die nächste Flut verdünnte: "Das könnte eine Triebkraft für die zyklischen Replikationen früher Biomoleküle gewesen sein, und zwar solcher, die bei hoher Salzkonzentration zusammengehen und sich bei niederer trennen", regt Lathe an (Icarus, 168, S. 18): "Das tun nur Nukleinsäuren."
Natürlich ist das Spekulation, niemand weiß, ob der Mond geholfen hat, das Leben auf die Erde zu bringen. Fest steht hingegen, dass es ohne ihn kaum gedeihen hätte können, unser Mond ist ein großer Mond, er stabilisiert die Erdachse und damit das Klima. Der Mars torkelt von einem Extrem ins andere, obwohl er gleich zwei Monde hat: Sie sind zu klein, um ihn stabil zu halten und jene Konstanz zu gewährleisten, die höheres Leben für seine Entwicklung braucht. Das auf der Erde hatte das Privileg, und als es auch noch zu denken begann, hob es bald den Blick zu ihm und ihr, die Mondgöttinnen sind Legion, das süße Licht füllt Folianten, und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar. Aber nicht nur die Poesie ließ sich inspirieren: "Schon nach wenigen Minuten kam das Ding so nahe, dass man es deutlich unterscheiden konnte. Es schien eine Art Ballon zu sein, ja, es war tatsächlich ein Ballon; sicherlich aber hatte man in Rotterdam noch nie solch einen Ballon gesehen. Denn man erlaube mir, den verehrten Leser zu fragen, ob er schon von einem Ballon gehört, der ganz und gar aus schmutzigen Zeitungen gemacht worden?"
So kehrte "ein gewisser Hans Pfaall" von seiner Mondfahrt zurück - er war dort, aber bei der Landung ist sein Gefährt zerschellt, er musste aus örtlichem Material ein neues bauen -, Edgar Allen Poe hat es ersonnen und die Fantasie zugleich gebrochen, die Geschichte beginnt mit den vor Staunen offenen Mündern der Rotterdamer und endet mit heftigen Zweifeln an der Authentizität der Reise: "Die Zeitungen, womit der Ballon überdeckt war, waren holländische Zeitungen und konnten nicht auf dem Mond gedruckt worden sein."
Das war ein verhaltenes Vorspiel auf das Getöse, das am 21. Juli 1969 angestimmt wurde - "ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für die Menschheit" - und seitdem nachhallt, wieder verschwimmt der Mond im Diffusen: 2001 ließ eine TV-Dokumentation - "Conspiracy theory: Did we really land on the moon?" - den Anteil der US-Amerikaner, die die Mondlandung für einen Nasa-Betrug halten, auf 20 Prozent ansteigen: Irgendwo in der Wüste Nevadas soll die "Landung" gedreht worden sein, vielleicht von Kubrick persönlich, auf einem Foto sieht man einen Stein, der ein Kennzeichen trägt, wie es in Filmstudios üblich ist, und warum flattert das Sternenbanner auf dem "Mond", der keine Atmosphäre hat und damit auch keinen Wind? Auf Dutzenden Homepages nagt der Zweifel - warum sieht man die von den Astronauten hinterlassenen Gerätschaften mit den stärksten Teleskopen nicht? -, nicht minder geballt steht die Phalanx der Verteidiger, am penibelsten mustert ein gewisser Robert Braeunig alles durch (www.braeunig.us/space/hoax.htm), er führt auch das stärkste Argument an: Die Konkurrenz hätte sich nicht an der Nase herumführen lassen, sie hätte Propaganda daraus geschlagen, sie war gedemütigt genug, der bemannte Mondflug hatte ihre Vorherrschaft im All beendet.
Die Russen hatten nicht nur den Ersten Mann im All, sie waren auch als erste auf dem Mond, 1959 schlug die unbemannte "Luna 2" ein. Vorbei war es mit der Ruhe, die mythische Macht des Werdens und Vergehens wurde zum Spielball im Prestigeduell, der Rest ist bekannt, nach der Entscheidung des Wettlaufs flaute das Interesse rasch wieder ab, der letzte Mensch setzte Ende 1972 seine Schuhe in den Mondstaub. Dann kamen nur noch wenige, unbemannte Sonden, eine vom Pentagon, "Clementine". Die zeigte 1994, dass der Mond wirklich eine dunkle Seite hat - die metaphorische sehen nur wir nicht, von der Sonne wird sie beschienen -, die im ewigen Schatten liegt: tief unten in Kratern an beiden Polen. In diesen "Kältefallen" konnte sich vielleicht halten, was mit Meteoriten immer wieder kam, aber - der Mond hat ja keine Atmosphäre, und die Sonne brennt mit 121 Grad - alsbald entwich: Wasser. Auf Spuren von ihm deuteten dann auch Messungen des "Lunar Prospector" 1998.
Sie belebten die Mondsucht wieder, eine Sonde der europäischen ESA kartografiert derzeit, eine der Japaner auch, Indien und China planen dasselbe, und die USA haben wieder eine Vision: "Auf dem Mond gibt es Ressourcen in Hülle und Fülle", ließ George Bush am 14. Januar 2004 seine Nation wissen. "Nur eine Ressource ist ganz knapp", entgegnete Science (303, S. 1603): "Information", es ist völlig unklar, ob es auf dem Mond überhaupt etwas zu holen gibt, zwar enthalten seine Gesteine Verwertbares, aber nur in verschwindenden Mengen, die Nasa hat eine Viertelmillion Dollar für den ausgeschrieben, der vor dem 1. Juli 2008 aus irdischen Vulkangestein - vergleichbar dem Mondstaub - Sauerstoff extrahieren kann (http://centennialchallenges.nasa.gov).
"The moon is made of a green cheese", vermutete 1546 der Dichter John Heywood - und bezüglich der Konsistenz geben ihm Messungen der Seismometer Recht, die die Apollo-Besatzungen installiert haben (Science, 168, S. 1579): Durch irdischen Basalt gehen Schockwellen mit 5,8 Kilometern pro Sekunde, durch Basalt vom Mond mit 1,84 - er ist viel weniger dicht -, und durch Käse aus dem Emmental mit 1,65.