Vor 1900 Jahren kam die größte aller Revolutionen, seitdem gibt es von der Wiege bis zur Bahre Formulare. Auch unsere Arbeit ist um Papier herum organisiert. Schwarz auf weiß.
Auch die Papiermüller treten nun auf und klagen über den Luxus bei Beerdigungen der Leichen. Sie rechnen, dass bloß in einer einzigen Stadt, darin jährlich 3000 Menschen sterben, in jedem Jahr 9000 und in zehn Jahren 90.000 Pfund feiner Leinwand, daraus herrliches Papier gemacht werden könnte, unverantwortlich den Würmern zur Speise in die Erde vergraben wird." Das Zitat - Westfälischer Anzeiger, Dortmund, 1800 - findet man im Internetlexikon "Wikipedia", und wer den ganzen Artikel über Papier in Ruhe lesen will, druckt ihn aus, ich wenigstens halte es so, mein Büro ist nicht papierlos, Berge zur Rechten und zur Linken. Beim Kollegen gegenüber sieht es aufgeräumter aus, aber das liegt nicht an geringerem Papierdurchsatz, sondern am höher entwickelten Ordnungssinn: 201,6 Kilo Papier verbrauchte jeder Österreicher im Jahr 1999, auch hier zeigt sich die bekannte Spaltung der Welt - pro Kopf und Jahr: USA 335 Kilo, Indien vier -, zugleich zeigt sich der Zusammenhang von Papier und Macht respektive deren Administration: Weit über den anderen europäischen Ländern liegt Belgien mit 300 Kilo, Brüssel frisst Papier.
Dafür, für die Bürokratie, wurde es erfunden. "Das älteste Dokument über die Verwaltungsorganisation Chinas zeigt ein auf bürokratisch geleiteter Bewässerung, Rekrutierungslisten, Statistik ruhendes, sehr rational durch Beamte geleitetes Staatswesen", schrieb der Soziologe Max Weber 1920, auf Papier, über das Tschou-Li, das 1100 vor Christus niedergeschrieben worden war, noch nicht auf Papier, sondern auf Bambusstreifen und Seide. Aber Bambus ist schwer und Seide ist teuer, irgendwann lernte man, aus Hanf Papier zu machen, offiziell begann die neue Welt und Zeit im Jahr 105: Tsai Lun, Minister am Hof des Kaisers Ho Ti, erfand das "Verfilzen durch Schöpfen mit einer Form", als Material nahm er Pflanzenfasern, frische - Bast des Maulbeerbaums - und schon verarbeitete, abgetragene, Hadern: Lumpen. Beides wurde mit Holzasche eingeweicht und zerstampft, bis die Fasern sich voneinander gelöst hatten, dann wurde der Brei mit einem flachen Sieb Lage für Lage abgeschöpft.
"Das Papier des gnädigen Tsai" nannte man das Produkt, in der Rangliste der Erfindung steht es weit oben, Papier hat das öffentliche und das private Leben beeinflusst wie sonst nichts - auf Papier wurde die Reformation an die Kirchentür in Wittenberg genagelt, zumindest in der Legende, und die Bibel in jedes Haus gebracht, keine Revolution ohne Manifest, kein Krieg ohne Erklärung, kein Staat ohne Steuerbescheid -, Papier ist das am weitesten verbreitete Material, und seine Geduld ist bekannt.
Nur woher nehmen? Die Leichenhemden, nach denen die Dortmunder Papiermüller riefen, hätten die Lücke nicht lange stopfen können, das Aufkommen an Lumpen konnte mit dem Bedarf nicht mithalten, seit die Druckerpresse erfunden war. Man suchte Alternativen, 1719 ging bei der Akademie der Wissenschaften in Paris Post ein: "Die Wespen bilden ein sehr feines Papier, ähnlich dem unsrigen. Sie lehren uns, dass es möglich ist, Papier aus Pflanzenfasern herzustellen, ohne Hadern oder Leinen zu brauchen; sie scheinen uns geradezu aufzufordern, ebenfalls ein feines und gutes Papier aus gewissen Hölzern herzustellen." Ren© Antoine Ferchault de R©aumur, Universalgelehrter, hatte beobachtet, wie Wespen Holz zerkauen und daraus ihre Nester bauen - alle bei uns heimischen Arten gehören zu den "Papierwespen" -, er wollte es nachahmen. Es misslang, der Siebenjährige Krieg (1756 bis 1763) verschärfte die Lage, man brauchte die Lumpen für Verbandsmaterial, 1771 unternahm Jacob Schäffer, Pfarrer in Regensburg, deshalb wieder "Versuche, ohne alle Lumpen Papier zu machen."
Er experimentierte mit Kohlstrünken und Brennnesseln, die Ergebnisse sahen danach aus. Erst 1843 wurde das Problem gelöst, Friedrich Keller, ein sächsischer Buchbinder, fand ein Imitat der Wespenkunst: Holzschliff. Aber so elegant wie die Wespen mit ihren Enzymen im Speichel können wir es nicht, zur harten Mechanik des Holzzerreibens kommt harte Chemie, Holz muss "aufgeschlossen" werden. Für Papier eignet sich nur die Zellulose - daraus besteht Holz zu 40, 50 Prozent -, der Rest muss herausgekocht werden, vor allem der Teil, der dem Holz Festigkeit gibt, das "Holz im Holz": Lignin. Das geht mit Sulfit- oder Sulfatverfahren - Letzteres setzt Schwefelwasserstoff frei, um manche Papiermühle herum riecht es weit nach faulen Eiern -, aber ein wenig Lignin bleibt und trübt das Papier, deshalb wird es gebleicht. Die Auseinandersetzung um das dazu verwendete Chlor war eine der großen Umweltschlachten: Ab 1985 führte Greenpeace eine Kampagne für chlorfreies Bleichen, die Papierindustrie schüttelte den Kopf - es gehe nicht ohne Chlor -, Greenpeace antwortete 1989 mit dem weltweit ersten Magazin, das chlorfrei gebleicht war, inzwischen sind die Alternativen Standard.
Auch sonst wurde die Umweltbelastung reduziert, auf Null geht sie nicht, der Energie- und Wasserbedarf ist hoch, manche Umweltfreunde empfehlen, nur Papier aus Altpapier zu verwenden, das beruhigt das Gewissen, aber ewig wiederverwerten kann man nicht, die Fasern werden in jeder Runde kürzer, irgendwo muss Nachschub her. So verlegte Greenpeace die Aktivitäten in die Rettung der Wälder, mit geringerem Erfolg: Für Papier fallen die Wälder des Nordens, und die haben selbst bei jenem Volk, dem Elias Canetti eine besondere Nähe zu Wald nachsagte, dem deutschen, nicht die Symbolkraft der Regenwälder des Südens.
Dann wird aus jeder Tonne Holz eine halbe Tonne Papier, 318 Millionen Tonnen machte das 2001, 40 Prozent gehen in Lesen und Schreiben, 50 Prozent in Verpackung. Und der Rest? Schon der Kaiser von China fand im 6. Jahrhundert dort, wo auch der Kaiser zu Fuß hingeht, weiches Papier - 760.000 Blatt brauchte der Hof im Jahr -, 1890 wurde es in die uns vertraute Form gebracht: perforiert und auf Rollen. Der Rest der Verwendungen ist kaum überschaubar, erst kamen die Spielkarten, dann legten die Brüder Montgolfier ihr Fluggerät mit Papier aus, vergessen wir nicht das Geld, wieder im frühen China wurden Scheine ausgegeben und nach der dadurch induzierten Inflation wieder eingezogen. Papier kann Kleidung sein - für Shinto-Priester etwa -, Papier kann die Gestrandeten unter den Brücken wärmen, Papier hält Babypopos und Nasen trocken - und es hält die Arbeit zusammen respektive die Menschen, die sie verrichten. Wir sind wieder im "papierlosen Büro", das ein Mythos geblieben ist, so wie die ewig wiederkehrende Prophezeiung vom Sterben des Buchs und der Zeitung, die Totgesagten bleiben munter: Wir wollen es schwarz auf weiß getrost nach Hause tragen, unsere Kultur ist "papierzentrisch".
So nennen es Richard Harper und Abigail Sellen, Soziologen am Rank Xerox Research Center, Cambridge, die erhoben haben, warum aller Elektronik zum Trotz der Papierverbrauch in den Büros nicht sinkt, sondern steigt. Etwa bei Rank Xerox selbst, wo ein legendärer Entwickler so hohe Stöße um sich türmte, dass es seinem Chef peinlich wurde und er ihn anwies, vor Besuchen höherer Chargen alles wegzuräumen. Ähnliche Anekdoten kommen aus Software-Firmen, in manchen versuchte man die Radikalkur und verbot jegliche Papierlager auf den Schreibtischen - daraufhin legten die Mitarbeiter ihre Horte im Auto an oder in ihren Wohnungen. Sentimentalitäten, Schrullen, altväterische Betulichkeiten?
Wieder bei Rank Xerox analysierte man die Übersicht der "Wissens-Arbeiter" über ihr Wissen und fand eine besonders hohe bei jenen mit den besonders hohen Papierbergen, oft genügt ein Griff: Ganz oben links liegt für gewöhnlich das Aktuellste, und was abgearbeitet ist, geht nach rechts in geordnetere Lagen. Spannend wird es links unter dem Aktuellen, dort geht es wild durcheinander, dort liegt das, was vom Gehirn noch in keinen Zusammenhang gebracht wurde und allmählich mit Hilfe des Papiers gebracht wird: Im Papier wird vergegenständlicht und handhabbar - ja, an- und begreifbar -, was sich im Kopf tut. Das liegt an den besonderen Eigenschaften des Papiers, seiner "ökologischen Flexibilität" (Harper/Sellen): Papier ist leicht und flexibel, man kann es in die Hand nehmen, darauf herumkritzeln, einzelne Blätter nebeneinander legen.
Und man kann nicht nur das eigene Gehirn ordnen, sondern auch die Zusammenarbeit eines Teams, man kann mit einem Auge auf ein Blatt Papier schauen - und etwas darauf vermerken - und mit dem anderen auf den Nebenmann, bei Bildschirmen respektive Tastaturen geht das schwer, und vorzeigen kann man den anderen darauf schon gar nichts: Harper/Sellen haben extensiven Papiergebrauch just bei den Fluglotsen in London beobachtet. Deren Himmel ist in Sektoren unterteilt, für jeden sind fünf Mann zuständig, in der Mitte sitzt der Entscheider, ihm arbeiten die anderen zu, mit "flight progress strips", Zetteln, auf denen jede Bewegung jedes Flugzeugs vermerkt wird, vor aller Augen, auch der Entscheider kann es sehen, sofern er Zeit hat. Oft hat er keine, die Zuarbeiter schützen ihn vor Überlastung - sie spinnen ihn in einen "Kokon aus Papier" - und reichen ihm den Zettel, wenn die Entscheidung fällig wird.
So ist es nicht nur bei den Fluglotsen, selbst die Weltbank hat jedem Versuch widerstanden, auf Vollelektronisierung umzustellen - und die tönendsten Lobredner des Internets versammeln sich zu Tagungen in eigener Person und vertiefen sich zur Orientierung in die gedruckten Abstracts der Referate. "Papier hat geholfen, Arbeitspraktiken zu gestalten, und Arbeitspraktiken haben sich um den Gebrauch von Papier herum entwickelt", gehen Harper/Sellen noch eine Stufe höher, vom Individuum über die Teamarbeit hin zum Prinzip ganzer Organisationen: "Ohne Papier wären Organisationen ganz andere Orte, als sie heute sind." Das kann man nachlesen, entweder auf Papier ("The Myth of the Paperless Office", MIT Press 2001) oder auf Papier: bei Google unter "Harper Sellen", ausdrucken!