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Künstler mit Doktortitel

Musiker
MusikerClemens Fabry
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Seit Kurzem gibt es – nun auch in Österreich – die ersten Dr. art., und zwar an der Kunst-Uni Graz: Einblicke in das wenig bekannte Wesen der künstlerischen Forschung.

Tun und Reflexion. Das ist das Kerngeschäft der künstlerischen Forschung“, bringt es Ulf Bästlein, der das künstlerische Doktoratsstudium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz leitet, auf den Punkt. Nicht ohne zu ergänzen, dass dazu nur eine geringe Zahl handverlesener Künstler befähigt sei. Wer sich zu künstlerischer Forschung berufen fühlt und das sechsstufige Aufnahmeverfahren erfolgreich durchläuft, der kann seit Herbst 2009 an der Kunst-Uni Graz ein künstlerisches Doktoratsstudium absolvieren.

Nach wie vor ist sie die einzige Universität im deutschsprachigen Raum mit diesem Angebot. Neu an der Promotion zum Dr. art. ist aber weniger, dass Künstler forschend tätig sind, sondern, dass es dafür einen institutionellen Rahmen gibt. Der österreichische Posaunist Bertl Mütter zählt zu den Ersten, denen dieser Doktortitel verliehen wurde. Rund zwanzig Jahre nach Abschluss seines Diploms und aufbauend auf einer vielseitigen künstlerischen Karriere setzte sich der gebürtige Steyrer in seiner Doktorarbeit mit dem Kreativitätsprozess auseinander.


Altes in neuem Gewand. Die oft gestellte Frage „Worüber schreibst du?“ war nicht immer leicht zu beantworten, erzählt Mütter. „Ich spiele Posaune, doch das allein erklärt noch nichts.“ Denn: Künstlerisches Schaffen generiert zwar neues Wissen, zu dem aber nur der Künstler selbst Zugang hat. Erst dadurch, dass er darüber reflektiert, wird es auch für andere begreifbar. An der künstlerischen Doktoratsschule besteht die Doktorarbeit deshalb nicht nur aus der künstlerischen Präsentation, sondern auch aus der Verschriftlichung der Erkenntnisse in Form einer Dissertation.

Dass es ein derartiges Studium überhaupt gibt, geht zum Teil auf die Umstrukturierungen des Hochschulsektors im Zuge des Bologna-Prozesses zurück. Eine Diskussion über „research in the arts“ kam in Großbritannien und Skandinavien ins Rollen. Zu den ersten künstlerischen Bereichen zählten die bildenden Künste und Design. Anfang der 1990er-Jahre hatte Christopher Frayling in seinem Artikel in den „Royal College of Art Research Papers“ verschiedene Arten von Designforschung unterschieden. Nach und nach weitete sich die künstlerische Forschung auf andere Bereiche aus. Für die institutionelle Vernetzung spielt heute die Schweizer Society for Artistic Research eine Rolle, bei der auch die Kunst-Uni Graz und die Universität für angewandte Kunst Wien Mitglieder sind.

Den Typus des forschenden Künstlers gibt es jedoch schon viel länger. Für manche Experten zählt der italienische Maler Cennino Cennini (1370–1440) zu den Pionieren, die sich reflexiv mit ihrem künstlerischen Schaffen auseinandersetzten. Dessen „Libro dell'Arte“ ist das erste umfassende Handbuch zur Malerei, worin er einerseits das Kunsthandwerk beschrieb und andererseits über die gesellschaftliche Stellung von Künstlern nachdachte. Dieses Zusammenspiel von Schaffen und Reflexion gibt es auch in der Musik. Für Bästlein sind der Pianist und Essayist Alfred Brendel und der Dirigent, Cellist und Musikschriftsteller Nikolaus Harnoncourt herausragende forschende Künstler.

Manche Fragen lassen sich jedoch weder allein über den Zugang als Künstler noch als Wissenschaftler beantworten. Beide stoßen an ihre Grenzen. „In diesen Fällen brauche ich einen forschenden Künstler“, erklärt Bästlein. Ein Beispiel aus der Doktoratsschule: Der Tenor Alexander Mayr befasst sich mit der künstlerischen und wissenschaftlichen Rekonstruktion der beinahe vergessenen Kunst der „voce faringea“. Bästlein berichtet, dass es zwar historische Literaturquellen gebe, aber niemand wusste, wie es möglich war, sich als Tenor in diesen höchsten Stimmlagen so leicht zu bewegen.

Wo der Musikwissenschaftler an Grenzen stößt, kommt der forschende Künstler ins Spiel: Dieser kann die Theorie an sich praktisch ausprobieren. „Solche musikhistorischen Fragestellungen zur Aufführungspraxis kann nur ein forschender Künstler beantworten“, ergänzt Bästlein. „Ohne Transdisziplinarität geht es auch hier nicht.“


Denken mit allen Sinnen. Die wissenschaftlichen Methoden sind in der künstlerischen Forschung ebenso vielschichtig wie die Kunst selbst. In der Antike war das Wissen über das Besondere, das aus der Empirie hervorgeht, als eine Form des Wissens anerkannt. Körper und sinnliches Erleben waren Teil des Denkens. Die unmittelbare, subjektive Erfahrung der Welt und das praktische Wissen wurden ab dem Aufkommen (natur-)wissenschaftlicher Methoden jedoch abgewertet. Wie das Beispiel der „voce faringea“ aber zeigt, ist eine Beantwortung solcher Fragestellung ohne ein Subjekt, sprich den forschenden Künstler, nicht möglich. Subjektivität gewinnt hier somit (wieder) an Bedeutung. Die Unesco-Definition von Forschung inkludiert verschiedenste Aktivitäten, um zu Wissen zu gelangen; zu forschen ist kein Alleinstellungsmerkmal von Wissenschaftlern. Dennoch: Die Diskussion um Wert und Sinn von künstlerischer Forschung ist noch nicht zu Ende.

An der Kunst-Uni Graz kennt man diese Schwierigkeiten nur zu gut – und baut vor. So sei etwa das Aufnahmeverfahren besonders streng, laut Bästlein wurden von 120 Bewerbern nur zwölf aufgenommen. „Danach gewähren wir ein größtmögliches Maß an Forschungsfreiheit, achten aber darauf, dass sich niemand in der Subjektivität verliert.“ So will man eine hohe Qualität gewährleisten und Skeptikern den Wind aus den Segeln nehmen. Und immer öfter gehen Wissenschaftler aktiv auf Experten aus dem Bereich der künstlerischen Forschung zu. Dann kann schon einmal folgende Frage auftauchen: „Wir forschen zum Gesang im Biedermeier, was aber sehr trocken ist. Habt ihr nicht jemanden, der das auch zeigen kann?“

Künstlerische Forschung

Bei „artistic research“ steht laut dem Curriculum des künstlerischen Doktoratsstudiums an der Kunst-Uni Graz das eigene künstlerische Tun im Zentrum der Erkenntnissuche – und zwar entweder als Objekt der Betrachtung oder als Erkenntnisprozess. Drei mögliche Zugänge seien denkbar: die Objektivierung durch Analyse, die Subjektivierung,
wobei der Fragesteller das Werk empathisch von innen her durchdringt, und das begleitende Nachdenken.

Für alle Künste offen ist das FWF-Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste (PEEK). Ende
Februar startet nun die sechste Ausschreibung in diesem 2009 eingerichteten Programm, das großen Zuspruch hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2014)