Im Schwarzwald laufen bereits Kampagnen gegen "Verfinsterung". Wenn man vor Bäumen keinen Wald mehr sieht: ein Spaziergang durch Natur- und Kulturgeschichte des Waldes.
Brutzelnd, brätelnd und braun vom prasselnden Brande des Bratherds, / Prangte die prächtige Schnitte, verbrämt mit der breitesten Borte / Schwellenden Rückenfetts von der helleren Farbe des Bernsteins": So innig lobt Anton Wildgans in seinem 1927 erschienenen Epos "Kirbisch" - Untertitel: "Der Gendarm, die Schande und das Glück" - den Schweinsbraten.
Der von Wildgans in stabreimende Hexameter gefassten Begeisterung frönen viele Menschen ausgiebiger, als die Ärzte empfehlen. Besonders in Österreich: In der Hitparade der im Wirtshaus konsumierten Speisen ist der Schweinsbraten zwar von 1998 bis 2003 von Platz drei auf Platz fünf gesunken, aber das (meist schweinerne) Wiener Schnitzel hat seine Pole-Position gehalten und ausgebaut: 73 Millionen Portionen. Durchschnittlich verzehrt ein Österreicher im Jahr 71 Kilogramm Schweinefleisch, im EU-Schnitt sind es nur 44 Kilo.
Nicht nur zu Silvester sprechen viele das Glück als Schwein an, meist ohne zu grübeln, ob das aus der Kartenspieler-Sprache kommt oder, wie etymologische Wörterbücher spekulieren, vom Brauch, den Schlechtesten beim Schützenfest oder Wettrennen mit einem Schwein abzufinden.
Und manche tragen bereits dauerhaft einen Teil in sich, der einst einem Schwein gehört hat: eine Herzklappe, die freilich verwendet wird wie Plastik, ohne an den Blutkreislauf angeschlossen zu sein. Die Xenotransplantation, die Übertragung von Organen von Schwein auf Mensch, wird von Forschern erwogen - vor allem wegen der vergleichbaren Größe und Anatomie im Bauch- und Brustraum -, derzeit würde sie doppelt scheitern. Erstens würde das menschliche Immunsystem das Schweinegewebe an oberflächlichen Zucker-Molekülen als fremd erkennen - dagegen hat man schon Schweine gentechnisch erzeugt, die diese Zucker nicht produzieren. Zweitens sprechen endogene Retroviren, gegen die wir nicht gewappnet sein könnten, gegen das Schwein als organisches Ersatzteillager.
Einstweilen reicht der gastronomische Befund, um unser Verhältnis zum Schwein als innig zu bezeichnen. Ähnlich war es bei den Römern: "Fast jedes Volk hat seinen Nationalbraten, der im Menü dominiert", schreibt Egon Friedell in seiner "Kulturgeschichte Ägyptens": "Bei den alten Römern war es das Schwein (für ,gebratene Tauben in den Mund fliegen' sagten sie ,cocti porci ambulare')." Friedell bezieht sich hier wohl auf eine Stelle im "Satyricon" des Petronius, wo der prahlerische Gastgeber Trimalichio auch ein Schwein als "Freigelassenen" vorführt - übrigens ein Wildschwein, das bei diesem neureichen Gelage genauso verspeist wird wie etliche - teils mit Bratwürsten gefüllte - Hausschweine.
Domestiziert wurde das Schwein ab zirka 7000 v. Chr. "viele Male". "Unabhängig voneinander in Zentraleuropa, Italien, Nordindien, Südostasien und vielleicht sogar auf den Inseln Südostasiens", fasst Keith Dobney von der englischen University of Durham eine Arbeit in Science (307, S. 1618) zusammen: Der DNA-Vergleich von 686 Wild- und Hausschweinen ergab etwa, dass die Schweine, die heute in europäischen Ställen stehen, nicht, wie man bisher glaubte, von aus Asien importierten Schweinen stammen, sondern von heimischen Wildschweinen. Es scheint, dass es nicht allzu schwer war, Sus scrofa zu zähmen: Als Allesfresser ist es mit Abfällen des Menschen zufrieden. Über die Jahrtausende wurde dabei das Schweinehirn kleiner - einfach weil die Züchter mehr Wert auf fleischliche als auf geistige Qualität legen. Dies brachte Konrad Lorenz zu seinem berüchtigten Wort von der "Verhausschweinung" der Menschen.
Der Symbiose von Mensch und Schwein entgegen steht ein göttliches Verbot: "Nur diese dürft ihr nicht essen von dem, was wiederkäut und gespaltene Klauen hat", heißt es im dritten Buch Mose (11, 4-7), und dann kommen das Kamel, der Klippdachs, der Hase und schließlich das Schwein, "denn es hat wohl durchgespaltene Klauen, ist aber kein Wiederkäuer, darum soll es euch unrein sein". Dieses Speiseverbot ist wohl das älteste und dauerhafteste der Menschheit. Alt ist auch die antisemitische Obsession, Juden erst recht zum Verzehr von Schweinefleisch zu nötigen: Sie ist schon im zweiten Buch der Makkabäer (aus dem ersten Jahrhundert v. Chr.) dokumentiert, in einer grauenhaften Szene (2. Makk. 7). Das Schwein wurde spätestens im Spätmittelalter zum Lieblingsmotiv des Antisemitismus: Spottskulpturen an Kirchen zeigen eine Sau, an deren Zitzen Juden saugen. Martin Luther, dessen Judenhass eine schuldhafte Tradition des Protestantismus begründete, fand an einer solchen, durch die perfide Inschrift "Schem Ha Mphoras" - hebräisch für "der unverstellte Name" (Gottes) - kommentierten Darstellung an der Stadtkirche von Wittenberg Gefallen.
Der Islam übernahm - im Gegensatz zum Christentum - das Verbot: Verboten seien "Verendetes, Blut, Schweinefleisch und das, worüber ein anderer als Allah angerufen worden ist", heißt es in der zweiten Sure.
Wo liegen die Ursprünge des Verbots? Beliebt ist die "praktische" Erklärung, dass Schweine besonders gute Überträger von Krankheiten seien. Dagegen spricht, dass sie sich in so vielen - auch heißen - Gegenden als Nahrungsmittel bewährt haben. Ein anderer "kulturmaterialistischer" Ansatz: Die Israeliten durften Schweinefleisch nicht essen, da die ökologischen Bedingungen in ihrem Lebensraum für die Schweinehaltung ungeeignet waren. Diese sei in Trockengebieten sehr aufwendig, da die Tiere dort auf Abkühlung von außen angewiesen sind.
Dem widerspricht die Archäologie: Ausgrabungen früher israelitischer Dörfer aus der Eisenzeit enthielten keine Knochen von Schweinen, Ausgrabungen aus derselben Zeit von Dörfern in anderen Teilen Palästinas - vor allem an der Küste - sogar auffällig viele. "Die frühen Israeliten aßen demnach keine Schweine, die Philister dagegen durchaus", schreiben Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman in "Keine Posaunen vor Jericho" und interpretieren: "Vielleicht hörten die Proto-Israeliten einfach deswegen auf, Schweinefleisch zu essen, weil die Nachbarvölker - ihre Gegner - es aßen und sie begonnen hatten, sich als etwas anderes zu betrachten. Unterschiedliche Kochgewohnheiten und Speisevorschriften sind zwei Mittel, um ethnische Schranken zu errichten. Monotheismus und die Traditionen vom Auszug aus Ägypten und vom Bund kamen anscheinend sehr viel später dazu."
Ähnlich argumentierte schon der persische Weise Aphrahat im vierten Jahrhundert n. Chr.: Da die Israeliten dazu neigten, zur Religion der Ägypter abzuirren, die Schafe und Rinder vergötterten, aber Schweine aßen, seien sie von göttlicher Seite dazu gezwungen worden, just Schafe und Rinder zu essen, aber eben keine Schweine.
Die Speiseverbote dienten der Abwehr kanaanäischer Fremdkulte, glaubt Jörg Sieger, Religionsgeschichtler an der Universität Mannheim. So rühre das Verbot, ein Böcklein in der Milch seiner Mutter zu kochen - von dem sich die Trennung von "Milchigem" und "Fleischigem" in der koscheren Küche ableitet -, daher, dass diese Praxis in Kanaan verbreitet war: als Milchzauber. Das Opfer eines wilden Ebers war Bestandteil des Adonis-Kultes. "Um diesem Kult zu wehren, der anscheinend auch in Israel Verbreitung gefunden hatte, wurde das Schweinefleisch-Essen verboten."
Völlig rein war der Ruf des Schweines auch in Ägypten und Mesopotamien nicht. Das illustriert die Gestalt der mesopotamischen Dämonin Lamaschtu, übrigens auch Herrin der Schlangen, die für Verbreitung von Krankheiten verantwortlich gemacht wurde: Sie wurde mit mehreren - nicht nur den Israeliten - unreinen Tieren dargestellt, so säugt sie ein Schwein.
Die Affinität der Dämonen zu Schweinen prägt auch eine unheimliche Jesus-Geschichte, die in allen synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) steht. Da bitten die Geister, die Jesus einem Besessenen austreibt: "Lass uns in die Säue fahren." Er erlaubt es. "Da fuhren die unreinen Geister aus und fuhren in die Säue, und die Herde stürmte den Abhang hinunter in den See, etwa 2000, und sie ersoffen im See."
Harmlos mutet dagegen die Geschichte aus der Odyssee an, wo die Kirke die Hälfte der Männer des Odysseus in Schweine verwandelt. James Joyce lässt im "Ulysses" im 15., ursprünglich "Circe" benannten Kapitel den Bloom beim Schweinefleischhauer Olhousen eine lauwarme Stelze kaufen, und auch im Weiteren ist von viel Schweinischem die Rede, bis zum "Pig God", den der diabolische, "in mehrere Mäntel eingewurstete" Virag Lipoti aus Szombathely anruft, ein abseitiger Kollege des Zsupan im "Zigeunerbaron", dessen idealer Lebenszweck "Borstenvieh und Schweinespeck" ist.
So quiekt es, das unheimliche Schwein, das durch Redewendungen wie "vom bösen Schwein geritten" galoppiert und ab und zu auch durch moderne Literatur, etwa William Goldings "Lord of the Flies", wo die Insel-Buben einen Kult der Schlachtung entwickeln. Dagegen steht die Legion herziger Figuren von der eitel-plumpen Miss Piggy über das schlaue Babe und das Tanzschwein Wanda bis zum furchtsamen Piglet in "Winnie the Pooh". Und, nicht zuletzt, die Verlockung des Allesfressers, denn, wie Wildgans sang: "Riesig ragte die Rippe, umrillt von der weißen Manschette, / Über den Rand des Ovals, indessen das knusprig gebratne / Fleisch, das unter der Kruste die zarteste Faserung aufwies, / Herrlich von kümmel- und knoblauchgesättigtem Safte umspült war." Was bleibt da noch zu sagen? "Nur der Pfarrer enthielt sich." [*]