Kärcher: "Ich kenne 4000 Mitarbeiter beim Namen"

Hartmut Jenner
Hartmut JennerDie Presse

Seit mehr als 50 Jahren stellt Kärcher Reinigungsgeräte her. Firmenchef Hartmut Jenner über die Farbe Gelb und wie er es schaffte, alle seine Mitarbeiter in Deutschland namentlich zu kennen.

Die Umsätze von Kärcher sind in den vergangenen Jahren um sechs, sieben Prozent gestiegen. Gibt es immer mehr Putzteufel auf dieser Welt?

Hartmut Jenner: Wir haben in der Krise investiert und sind damit recht gut gefahren. Außerdem werden durch den technischen Fortschritt Geräte möglich, die es bis vor einigen Jahren nicht gegeben hat. Den Fensterreiniger etwa, der wäre früher nicht möglich gewesen, weil der Akku zu groß und schwer gewesen wäre.

 

Wo auf dieser Welt wird denn besonders eifrig geputzt?

Wir Schwaben gelten ja als besonders reinliche Menschen. Weit gefehlt! Im Schwabenland und wahrscheinlich auch in Österreich wird das Haus einmal pro Woche nass geputzt. Im arabischen Raum passiert das täglich. Wegen der Wärme und der hohen Luftfeuchtigkeit gibt es eine starke Verkeimung, also sind die Menschen so erzogen, dass sie das Haus jeden Tag nass putzen.

 

Ich habe gelesen, dass Sie 22 Geräte von Kärcher zu Hause haben. Da haben Sie aber auch auf den Geschirrspüler ein Logo von Kärcher geklebt, oder?

Nein. Ich habe zum Beispiel drei verschiedene Hochdruckreiniger, zwei Kehrmaschinen, eine Schneefräse, eine Gartenpumpe, drei Fensterreiniger...

 

Verwenden Sie die oder tut das Ihre Frau?

Alle ich. Außer ein Gerät, da bin ich ehrlich: das Dampfbügelsystem. Das nützt nur meine Frau.

 

Eine Dampfbügelstation von Kärcher? Da ist man aber schon sehr verzweifelt auf der Suche nach neuen Geräten, wenn man als Kärcher ein Bügeleisen anbietet.

Überhaupt nicht. Wir wollten das ja anfangs gar nicht, aber wir hatten so viele Kundenanfragen, die alle ein Bügeleisen zum Dampfgerät wollten. Dampf ist nicht Dampf, er muss 80Prozent gesättigt sein, dann kann man wunderbar ein Hemd bügeln. Das leistet unser Kesseldampfer, und die Kunden wollten eben auch ein Bügeleisen dazu haben. Also haben wir eines angeboten.

 

Was könnte man noch anbieten? Waschmaschine, Geschirrspüler?

Nein, das ist technisch einfach zu weit weg von uns.

 

Sonst?

Es gibt noch vieles. Wir waren die ersten Hersteller eines Robotersaugers für den Haushalt. Das wird sich in Zukunft ganz stark ausweiten. Es gibt noch viele ungelöste Probleme im Haushalt, zum Beispiel die Frage, wie man den Mistkübel auswäscht. Es wird von uns eine Art Hochdruckreiniger für Mülltonnen geben. Mehr sage ich jetzt aber nicht mehr.

 

Wie sehr freut man sich eigentlich, dass „kärchern“ mittlerweile als Verb verwendet wird? Selbst Frankreichs Ex-Präsident Sarkozy hat einmal gemeint, er werde die Vorstädte kärchern.

Wenn ein kleines Unternehmen aus dem Schwäbischen es schafft, zum Markenbegriff zu werden, ist das schon beeindruckend. Aber Sarkozy haben wir einen Brief geschrieben und ihn gebeten, das zu unterlassen. Wir wollen nicht in die Politik hineingezogen werden.

 

Wenn Sie Sarkozy schon einen Brief schreiben, wie viele Briefe schreiben Sie dann, weil andere Firmen gelbe Hochdruckreiniger herstellen?

Da sind wir sehr konsequent. Wir haben die Farbe in Frankreich, Deutschland, Österreich und der Schweiz geschützt. Lidl in Deutschland musste beispielsweise 100.000 Geräte vom Markt nehmen, weil sie gelbe Hochdruckreiniger verkauften.

 

Und trotzdem hat Kärcher die gelbe Markenfarbe geändert und bietet die Profigeräte jetzt nicht mehr in Gelb an. Wie groß war da das Bauchweh?

Sehr groß. Das war die langwierigste Entscheidung in meinen 14 Jahren als Chef bei Kärcher. Wir haben fast drei Jahre für diese Entscheidung gebraucht. Als wir es getan haben, waren die Profikunden heilfroh. Im Hotelgewerbe wollte man nicht so auffällige gelbe Geräte haben, sondern gedeckte Farben. Beim Baugewerbe sieht man die Abnützung und Verschmutzung mit der neuen Farbe, Anthrazit, weniger. Wir verkaufen 12,5Millionen Geräte pro Jahr, die meisten sind Kundengeräte und weiterhin gelb.

 

Kärcher macht mittlerweile mehr als zwei Milliarden Euro Jahresumsatz. Sollte man bei solchen Dimensionen nicht überlegen, an die Börse zu gehen?

Warum?

 

Man könnte viel Geld damit machen.

Wir brauchen kein Geld. Ein Börsengang kommt überhaupt nicht infrage. Wir haben genügend Geld, um in unsere Zukunft zu investieren. Wir wollen keine Schulden haben, aber auch keinen großen Geldüberschuss.

 

Sie sind seit 14 Jahren Chef von Kärcher. Wird der Betrieb da langsam zur Familie?

Ja, die Firma wird zu einem Teil der Familie. Wir haben auch eine ähnliche Struktur, wenig hierarchisch. Dass ich 4000 Menschen beim Namen kenne, ist sicher ungewöhnlich, aber...

 

...Sie kennen 4000 Mitarbeiter beim Namen?

Ja. Von 11.000 kann ich 4000 mit Namen ansprechen. Mich hat immer geärgert, dass alle zu mir „Grüß Gott, Herr Jenner“ sagten und ich keinen mit Namen ansprechen konnte.

 

Wie haben Sie das gemacht? Haben Sie zu Hause mit Fotos die Namen auswendig gelernt?

Am Anfang habe ich das so gemacht. Da war ich für eine Sparte mit 300 Leuten verantwortlich. Ich habe so lange geübt, bis ich die Namen kannte. Später habe ich es leichter gelernt, man gewöhnt sich das an, und jetzt sind es eben alle Mitarbeiter in Deutschland.

 

Wie schwer ist es da, wenn man sich von Mitarbeitern trennen muss?

Mein Ziel als Geschäftsführer ist es, dass die Firma überlebt. Viele meinen ja, es gehe um Wachstum. Für mich ist entscheidend, dass die Firma auf dem Markt existiert. Sicher muss man dazu auch unangenehme Entscheidungen treffen. Aber wenn sie Sinn haben, wenn man das kommunizieren kann und wenn sie sozial verträglich sind, dann verstehen es die Mitarbeiter auch. Wenn die Mitarbeiter nichts für eine Krise können, dann muss man anders reagieren.

 

Und wie?

Wir hatten 2009 eine Krise im ersten Halbjahr, ein Werk ist völlig kollabiert. Wir hatten dort einfach keine Arbeit mehr. Jetzt hätte jedes Unternehmen Kurzarbeit angemeldet, wir haben das nicht gemacht. Es würde ja die kleinen Mitarbeiter am Band treffen: Die müssen die Miete zahlen, das Auto, das Essen – zu viel mehr reicht das Einkommen nicht, sie haben kaum Rücklagen. Bei Kurzarbeit bekäme der nur 60 oder 66 Prozent vom Netto. Die können nichts dafür, dass zu wenig Arbeit da ist. Wir haben also die Mitarbeiter mit Bussen in andere Werke gefahren, in denen es Arbeit gab. Das hat uns 2,5 Millionen Euro beim Ergebnis gekostet, aber das war mir egal. Wir haben die Wirtschaftskrise überstanden, ohne weltweit ein Werk in Kurzarbeit schicken zu müssen.

 

Trotzdem wehrt sich Kärcher seit Jahren, Teil des Arbeitgeberverbandes zu werden, womit Ihr Unternehmen bestimmte arbeitsrechtliche Regelungen befolgen müsste. Warum eigentlich?

Stimmt. Wir wollen immer mit den Menschen direkt sprechen und nicht über andere. Ich bin ein großer Fan eines starken Betriebsrats, die Mitarbeiter müssen entsprechend vertreten sein. Aber es ist für uns wichtig, dass die Mitarbeiter nicht über eine extrerne Organisation vertreten werden (sie sind nicht gewerkschaftlich organisiert, Anm.), wir wollen als Arbeitgeber auch nicht extern bestimmt sein. Wir wollen direkt miteinander reden, das ist das Beste für alle Betroffenen.

 

Sie haben zuvor die Robotersauger erwähnt. Reinigt sich in zehn Jahren meine Terrasse mit dem Kärcher selbst?

Nein, das glaube ich nicht.

Ich muss also weiter in Gummistiefeln...

...dürfen. Sie dürfen in Gummistiefeln stehen. Laut einer Umfrage empfinden die meisten Männer das Hochdruckreinigen nicht als Last, sondern als Freude. Sie machen das gern.

 

Stehen Sie am Wochenende in der Früh auf und sagen: „Jetzt will ich mich entspannen“, und kärchern Ihre Terrasse?

Ist doch klar (lacht). Nein, ich entspanne beim Kehrmaschinenfahren. Ich schiebe die über den Hof, mein Sohn sitzt vorn drauf, wir plaudern miteinander und kehren den Hof – und die Straße meist gleich dazu, damit wir mehr zum Kehren haben.

Ein Kärcher zum Kärchern

Die Firma Kärcher wurde 1935 von Alfred Kärcher in Stuttgart gegründet. Anfangs stellte man Industrieöfen her, ab 1950 konzentrierte man sich auf Reinigungsgeräte. Die Firma ist immer noch im Familienbesitz.

Die gelben Hochdruckreiniger der Firma sind mittlerweile zum Markenbegriff geworden. Wenn jemand seine Terrasse mit einem Hochdruckreiniger reinigt, dann „kärchert“ er sie. Selbst Frankreichs Ex-Präsident Sarkozy verwendete den Ausdruck, als er davon sprach, die Vorstädte von Paris von Kriminellen säubern zu wollen.

Das Unternehmen hat mittlerweile 11.000 Mitarbeiter weltweit und machte im vergangenen Jahr einen Umsatz von knapp mehr als zwei Milliarden Euro. Das Angebot umfasst jetzt etwa 3000 Geräte, vom bekannten Hochdruckreiniger über Akku-Fensterreiniger bis zu Kehrmaschinen.