Siegeszug: Die Farbe Blau

Jahrhundertelang war die Farbskala des Abendlands auf Rot, Schwarz und Weiß reduziert. Dann trat ein Neuling seinen bis heute anhaltenden Siegeszug an. Ein Monochrom.

Es war einmal ein Mädchen mit einem roten Käppchen, das wurde von der Mutter ausgeschickt, der im Walde lebenden Großmutter Nahrhaftes zu bringen, bei den Brüdern Grimm: Wein, in einer älteren Variante: Milch. Ach, das kennen Sie schon? Dann erzähle ich Ihnen ein anderes, das von Schneewittchen, "das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und schwarzhaarig wie Ebenholz". Das kennen Sie auch? Dann eben die Fabel vom Raben, der sich vom Fuchs ein Stück Käse abluchsen lässt. Ja, alle drei Geschichten sind uralt, sie zeigen es an einem Detail, an den Farben, es sind immer drei, und es sind immer die gleichen drei: Rot (das Käppchen, der vergiftete Apfel, der Fuchs), Schwarz (Großmutter/Wolf, Stiefmutter, Rabe) und Weiß (Milch/Wein, Haut, Käse). Mehr Farben gab es damals nicht - in der Wahrnehmung -, die Erzählungen müssen vor dem 12. Jahrhundert entstanden sein, der bei uns übersehene französische Historiker Michel Pastoureau streut es mit leichter Hand in eine grandiose Analyse der "Farbe Blau" ein.

Die kam spät. Rot, Weiß und Schwarz begleiten die Menschheit lange, im Neolithikum bemalte man Höhlenwände damit, noch früher verzierte man Körper und Waffen, vor 4000 bis 6000 Jahren dann Kleidung. Da war Blau dabei, in fast allen Hochkulturen, in einer nicht, in der des frühen Abendlands. Natürlich musste es auch den Griechen in die Augen fallen, aber sie sahen es nicht und verwendeten es in der bildenden Kunst so spärlich, dass im 19. Jahrhundert der Verdacht umging, sie seien physiologisch blind gewesen justament für ihre Welt, den Himmel und das Meer.

Nein, ihr Auge ging auf anderes: Homer verwendet bei Landschaftsbeschreibungen drei Namen für Farben, aber eine breite Palette für Helligkeitsgrade und Schattierungen. Bei den Römern war es ähnlich - sie hatten keinen rechten Namen für Blau, entlehnten "blavus" aus dem Germanischen und "azureus" aus dem Arabischen -, aber sie wurden aufmerksamer, nicht weil sie die Farbe mochten, sondern weil sie sie verachteten und fürchteten. Cäsar und Tacitus berichteten, dass Kelten und Germanen sich vor dem Kämpfen blau bemalten, um die Feinde zu schrecken, Terenz zog in einer Komödie all das zur Spottgestalt zusammen, was Römern ästhetisch missfiel: "Ein fetter Riese mit roten Locken, blauen Augen und einem Gesicht fahl wie eine Leiche."

So blieb es bis ins Hochmittelalter, Rot, Weiß und Schwarz beherrschten Hof und Altar, selbst der Himmel wurde in diesen Farben gemalt - oder in Gold -, allenfalls das niedere Volk trug Blau. Ganze Konzile debattierten über erlaubte und verbotene Farben - und Mischungen: Gestreiftes wurde verdammt -, ab dem Jahr 1000 entstand eine reiche Literatur über die religiöse Symbolik von Farben. Über Blau steht darin schlichtweg nichts. Es fehlt auch bei Innozenz III., der im 13. Jahrhundert den Farbkanon des West-Christentums kodifizierte: Weiß ist das Reine, es symbolisiert Engel und Jungfrauen, steht für viele Feiertage. Rot ist das Blut des Herrn und der Märtyrer, in Schwarz zeigen sich Kummer und Buße. Grün spielt eine Rolle am Rande, Blau kommt nicht vor im Ritus.

Aber in den Kirchenfenstern. Dort tauchte es im Zwölften Jahrhundert zuerst auf, bald war es auf den Bildern allerorten: Die Gottesmutter wurde in blaues Tuch gehüllt. Dahinter steckte ein erbitterter Theologen-streit darüber, welche Rolle Farbe im Haus des Herrn und im Dienst am Herrn haben darf und haben soll. Für die einen war Farbe ein Teil des Lichts, des Immateriellen, des Göttlichen - zu seinen Ehren konnte man gar nicht genug Farbe (und edle Materialien) in die Kirchen bringen. Für die anderen war Farbe Materie, weit entfernt vom Geist und auf dem Wege zu ihm nur hinderlich. Mitte des 12. Jahrhunderts behielten die "Chromophilen" die Oberhand - die Abtei Saint-Denis in Paris ist ihr stein- und farbgewordener Triumph -, die "Chromophoben" verlieren sich in der Geschichte, sie tauchen später wieder auf.

Nun war Platz für Farben, auch und vor allem für Blau, das noch nicht verbraucht war und mit verschiedensten Bedeutungen geladen werden konnte. Die himmlische Macht bediente sich, die irdische schloss sich an, die Kapetinger erhoben Maria zu ihrer Schutzheiligen und kleideten sich in ihre Farbe, seitdem steht Blau für Frankreich. Andere folgten: Um 1200 waren fünf Prozent der heraldischen Farben blau, um 1400 30 Prozent, und in den Artussagen tritt ein Neuer auf. Rote, weiße, schwarze und grüne Ritter hatten sich dort immer schon den Helden in den Weg oder zur Seite gestellt, 1361 erscheint der "bleu chevalier". Das hatte auch handfeste Gründe, die Farbe Blau konnte man aus dem Boden ziehen, aus einer Pflanze - "Färberwaid" -, die schon die Germanen genutzt hatten. Ab 1230 wurde sie agrarindustriell angebaut, in der Normandie, in der Lombardei, in Thüringen, das "Blaue Gold" machte Regionen reich, Erfurt gründete aus den Einkünften 1392 die Universität.

Aber die Novität musste sich gegen eingesessene Konkurrenz durchsetzen, gegen die Farbe Rot, auch sie aus einer Pflanze gewonnen: "Färberröte", "Krapp". Ihre Lobby inszenierte eine weithin sichtbare Kampagne, sie ließ blaue Teufel in Fensterglas gießen. Der Rotseibeiuns verfing nicht, neue Konflikte kamen, zunächst zwischen den Färbern und den Gerbern. Beide nutzten das Wasser der Flüsse, und wenn es gerade voll Gerbstoff/Farbe war, konnte nicht gefärbt/gegerbt werden. Die Städte griffen ein, in Rouen wurde beim Umweltverschmutzen jede Woche abgewechselt.

Dann ging es zwischen den Färbern und den Webern - die durften nicht färben, taten es aber doch -, dann zwischen den Färbern und den Färbern, die Zünfte verfeinerten sich in dünnste Äste. Nicht jeder durfte mit jeder Farbe an jedes Tuch, in Deutschland unterschied man zudem zwischen denen, die den Alltag schmückten, und denen für den Überfluss, "Schwarzfärber" hießen die einen, "Schönfärber" die anderen. Und wenn heute einer erst "blau ist" und dann "blau macht", dann kommt das aus der Zubereitung des "Färberwaid": Man brauchte dazu Alkohol, viel Alkohol, den ließen die Färber gerne zunächst durch den eigenen Körper rinnen. Das mag auch in Melancholie versetzt haben, jene Stimmung, in der eine blaue Ranunkel steckt - auf französisch heißt sie "ancolie" - und die einmal den Blues grundieren wird.

Nun war das Blau da, es konnte auch im Weltlichen von der Gnade seiner späten Geburt profitieren. Das 4. Lateran-Konzil hatte 1215 durchgesetzt, dass Menschen sich mit Farbe am Gewand markieren mussten: Juden und Muslime. Bald war ein bunter Reigen auf den Straßen, Schwarz und Weiß für Arme und Kranke, vor allem Lepröse, Rot für Henker und Prostituierte, Grün für Musikanten und Narren, Gelb für Häretiker und Juden, Blau blieb unbelastet, neutral, nicht diskriminierend. Und es wurde mit neuer Bedeutung gefüllt, als die Reformatoren neben dem Bildersturm auch einen Farbsturm betrieben - die Chromophoben kehren wieder -, und Luther den Papst so "scharlachrot wie die Hure von Babylon" nannte. Jetzt war Blau die "moralische Farbe", nur die Gegenreformation feierte ihre Siege mit dem Goldprunk des Barock.

Aber auch das Blau strahlte, es war nicht mehr das alte matte "Färberwaid", es war das intensive Indigo. Seit dem 14. Jahrhundert kam es aus Indien, es wurde aus tropischen Pflanzen gewonnen und war der europäischen Agrarindustrie höchst unwillkommen. Man versuchte es mit Protektionismus, bedrohte Indigo-Färben mit dem Tod, aber 1737 war die Schlacht gegen das "Teufelsblau" verloren, die Färberwaid-Industrie ruiniert. Dafür wurden bald immer mehr Röcke und Träume blau eingefärbt, 1802 erschien der "Heinrich von Ofterdingen" des Novalis - ja, die blaue Blume -, zuvor schon, 1774, hatte der Farbtheoretiker und Trendsetter Johann Wolfgang von Goethe dafür gesorgt, dass halb Europa sich in blaue Mäntel "  la Werther" kleidete, es hallt in Leonard Cohens "famous blue raincoat" nach. Aber erst kam die französische Revolution mit ihren Kokarden und der Tricolore, Blau wurde zur "revolutionären Farbe", die Kolonisten Nordamerikas hatten sich unter Fahnen aus Blau, Weiß und Rot vom Mutterland abgespalten, im Kampf auch der Farben. Die britische Fahne hat die gleichen drei, die Sezessionisten veränderten nur die Anordnung: "Gegenfarbe".

Noch später floss das Blau in Strömen, aus der Retorte, dem Chemiker Adolf von Bayer gelang 1878 die Indigo-Synthese, er nannte das Ergebnis nach dem portugiesischen Wort für blau "Anilin" und die Firma "Badische Anilin und Soda Fabrik" (BASF), sie blühte auf, die Indigo-Farmer gingen den Weg der Färberwaid-Bauern. Die Preise fielen, nur der französischen Armee waren sie zu hoch, und patriotisch war man auch, es gab eine "Färberröte"-Industrie im Lande. So ließ man die Infantrie 1914 noch wie Zielscheiben aufmarschieren - "die roten Hosen, c'est la France", hatte kurz zuvor Kriegsminister Etienne erklärt -, Tausende bezahlten mit dem Leben. Weitsichtiger operierte ein gewisser Löb Strauss, der 1853 aus Buttenheim in Bayern nach San Francisco auswanderte, um am Goldrausch mitzunaschen, im Gepäck hatte er Segeltuch für Zelte. Diese Geschäftsidee erwies sich als Flop, aber man konnte auch Hosen daraus schneidern, aus dem Stoff aus der Stadt Genua, die nicht zufällig an "Jeans" anklingt. Mit ihm kreierte Strauss, der sich in den USA Levi nannte, die erfolgreichste aller Moden. Seine Nachfolger waren kongenial, in der Abwehrschlacht gegen die Konkurrenz brachte einer 1936 erstmals ein Warenzeichen außen auf Kleidung an und verwandelte sie in ihre eigene Reklame.

Zu dieser Zeit war Blau schon die beliebteste Farbe im Westen, auch die Eliten tragen es gerne - der Blazer kann an Prominenz mit den Jeans mithalten -, sie ist es geblieben. Warum? Pastoureau vermutet, es liege an der Neutralität der Farbe und an ihrer Ausstrahlung von Friede und Geborgenheit: Unter der blauen Fahne der UNO stellen sich die Blauhelme zwischen die Fronten, und Notfälle kommen mit dem Blaulicht ins Spital. Aber das ist nicht alles, was Blau bietet, es bietet einfach alles, kühle Frische so glaubhaft wie wohlige Wärme. Und je näher man der Gegenwart kommt, desto einfacher kann man selbst recherchieren: Schauen Sie sich um in der Märchenwelt der Embleme, die heute das Blaue vom Warenhimmel herab versprechen, oder denken Sie darüber nach, in der blauen Stunde, die zwischen Arbeit und Heim beseelt!

Michel Pastoureau: Blue. The History of a Color. 216 S., geb., € 48 (Princeton University Press, Princeton)

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