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Schule: Die Rückkehr der Rechtschreibübungen

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Auf den klassischen Rechtschreibdrill in den Schulen folgte eine Phase, in der die Rechtschreibung per se etwas aus dem Fokus rückte. Nun wenden sich viele wieder stärker dem korrekten Schreiben zu.

Spielen, spielen, spielen, spielen, spielen. Schreiben, schreiben, schreiben, schreiben, schreiben. Stehen, stehen, stehen, stehen, stehen: Zeilenlang werden da ein, zwei, drei Wörter im Heft notiert. Von der ganzen Klasse gemeinsam. Und zwar so lange, bis die Wörter auch sitzen. Wer vor etwas längerer Zeit zur Schule ging, erinnert sich mit ziemlicher Sicherheit an Rechtschreibübungen, denen ein Begriff aus dem militärischen Jargon am ehesten gerecht wird: Drill. Üben, üben, üben – und dazu eine knallharte Diktatpraxis mit zumindest wöchentlichen Überprüfungen der Orthografie. So oder so ähnlich sah oft ein nicht unbedeutender Teil des Deutschunterrichts aus, zumindest bis in die 1970er-Jahre hinein. Vielfach auch länger.

Als an deutschen Universitäten die ersten Professuren für Deutschdidaktik entstehen, gelangen neue Gedanken, neue Methoden über Schulbücher auch nach Österreich. Der Unterricht verändert sich, auch beeinflusst von reformpädagogischen Ansätzen, die mehr und mehr Verbreitung finden. Auch der Stellenwert der Rechtschreibung verschiebt sich. Nicht unbedingt richtiges Schreiben als Fähigkeit, aber die Rechtschreibung als streng isoliertes Lernziel rückt aus dem Fokus.

„Es war geradezu eine Gegenbewegung zu dem, was jahrzehntelang praktiziert wurde“, sagt Bildungsexpertin Heidi Schrodt, selbst lang als Deutschlehrerin tätig. „Man hat bewusst versucht, die Rechtschreibung im Deutschunterricht als einen Lernbereich unter anderen zu betrachten.“ Der Rechtschreibteil im Schulbuch wird kleiner. Das (richtige) Schreiben, das Lesen, die Sprache: Die Bereiche greifen mehr und mehr ineinander. Es gibt Worträtsel statt sturen Wörterübens, Lückentexte statt Diktate im Zeichen des stummen h.


Normierung. „Das war damals erfrischend, weil man nicht mehr so gedrillt hat“, sagt Schrodt. „Das Problem ist, dass manche Kinder durch diesen Zugang zu wenig davon mitbekommen haben und nach dem Ende der Volksschule nicht wirklich rechtschreiben konnten.“ Im Kontext von PISA und anderen Bildungstests, die die Schulrealität seit anderthalb Jahrzehnten immer mehr prägen, die Standardisierung und Normierung einfordern, scheint sich das Pendel wieder ein wenig zurückzubewegen. „Es gibt eine Rückkehr zum traditionellen Rechtschreibfestigen in der Volksschule“, sagt Schrodt. Man wende sich wieder der Idee zu, dass das richtige Schreiben auch separat wieder mehr geübt werde. Das mache sich auch in den Schulbüchern bemerkbar – in denen der Rechtschreibteil wieder umfangreicher sei.

„Was in den Fokus rückt ist die Frage, wie effizienter Rechtschreibunterricht aussehen kann“, sagt Sylvia Sabathi von der PH Steiermark. Individueller in jedem Fall, lustbetonter auch. Da arbeiten Kinder mit ihrer eigenen Wörterschachtel an den Begriffen, die ihnen noch Schwierigkeiten bereiten, statt im Gleichschritt Wörter zu wiederholen. Statt der benoteten Ansage liest ein anderer Schüler die Wörter vor, Selbstkontrolle inklusive. Man übt spielerisch am Computer. Daran, am Üben, scheint man nicht vorbeizukommen. Denn dann, wenn man ein Wort tausendmal geschrieben hat, kann man es wirklich, sagen manche Lehrer.

Schule

In den 1970ern wurden an den deutschen Unis die ersten Lehrstühle für Deutschdidaktik geschaffen. Das läutete diverse Veränderungen im Unterricht ein.

Der PISA-Test brachte mit seinem Start 1999 eine Trendwende in der Bildungspolitik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2014)