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Fünf Frauenschicksale in interessanten Zeiten

"Aller Tage Abend"Schauspielhaus Wien
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Im Roman "Aller Tage Abend" werden Möglichkeiten eines Menschenlebens raffiniert ausgelotet. Das gilt auch für die Inszenierung im Schauspielhaus Wien.

In fünf Variationen erzählt Jenny Erpenbecks Roman „Aller Tage Abend“ (2012) die Fragilität einer Existenz. Ihre Protagonistin wird 1902 im Galizien an der Grenze des Habsburgerreiches zu Russland geboren, sie stirbt im ersten Buch als Säugling. Da aber schreitet die Erzählerin ein und gibt dem Zufall per Intermezzo eine Wendung.

Noch vier weitere Leben werden in vier Abschnitten gewährt. Die Frau stirbt jung nach dem Ersten Weltkrieg in Wien, während Stalins Terror in Moskau, als berühmte kommunistische Schriftstellerin in der DDR vor dem Mauerbau und schließlich endgültig in einem Altersheim nach der Wende von 1989. Erpenbeck, 1967 in Ostberlin geboren, hat hier eine Familiengeschichte geschrieben, die phasenweise offenbar an die ihrer eigenen Vorfahren erinnert.

Diese reizvollen Möglichkeiten, das dunkle 20. Jahrhundert zu erzählen, sind nun im Schauspielhaus Wien dramatisch umgesetzt worden. Andreas Jungwirth (*1967) schuf die Bühnenfassung, Felicitas Brucker (*1974) führte Regie. Und sechs Schauspieler setzten diese Episoden so energiegeladen, zugleich aber so kontemplativ um, dass man die zweieinhalbstündige Uraufführung (inklusive Pause) am Freitag als wirklich gelungen bezeichnen kann. Nur am Ende faserte die Inszenierung ein wenig weitschweifig zur Altenehrung aus. Das Langatmige des Endes ist auf der Bühne leider noch viel stärker zu spüren als im Roman-Melodram.

Die Darsteller, die sich um und in zwei mobilen, sperrigen Kuben in der Mitte der Bühne (Michael Zerz) bewegen, die wandelbar sind wie die Episoden, leisten alle Beachtliches. Die Geschichte beginnt intensiv mit dem Tod des Säuglings in Brody. Verzweifelt umarmen sich dessen Eltern (Franziska Hackl und Steffen Höld, wie so oft hervorragend), vergeblich tröstet sie die resolute Mutter (Katja Jung). Der Mann, ein kleiner Beamter, der das jüdische Mädchen geheiratet hat, auch weil er damit seine Schulden bezahlen wollte, hält den Schmerz nicht aus, verlässt die Frau und wandert nach Amerika aus. Mutter und Tochter bleiben zurück, ein Offizier (Florian von Manteuffel) zwingt die Junge in die Prostitution. Es gibt Schlimmeres. Die Mutter berichtet von einem Pogrom, bei dem ihr Mann ermordet wurde. Solche Szenen der Erinnerung sind rasant und mit imposantem Video-Aufwand gemacht.

Dann aber überlebt das Kind, Katharina Klar (zu Gast aus dem Schauspielhaus Graz) gibt diese Tochter, die mit ihren Eltern in Wien aufwächst. Sie fügt sich mit ihrem Elan und mit der Fähigkeit, große Melancholie auszudrücken, harmonisch in das stimmig eingespielte Ensemble ein. Dieses Mädchen schwankt zwischen Selbstmord und Revolution. Ein Lebensmüder erschießt sie – aber beim nächsten Intermezzo wird sie zur linken Aktivistin, die zur KPÖ stößt.


Sowjetterror. Nun aber übernimmt Jung die Rolle der Protagonistin. Ihr furioser Monolog als gefährdete österreichische Kommunistin im Moskau der Dreißigerjahre ist der Höhepunkt der Vorstellung: Klarsicht in der Verblendung.

Die nächste Episode nach der nächsten Flucht wird von Frau Hackl dominiert, sie entzückt als geschwätzige Haushälterin 1960 in Berlin, die den tödlichen Treppensturz der berühmten DDR-Autorin kommentiert und deren Sohn (von Manteuffel) mächtig nervt.

Schließlich aber überlebt diese Mutter noch einmal und tritt als Greisin auf. Johanna Tomek gelingt eine Melange aus Verwirrung und Erinnerung famos, obwohl die Szene von der Regie zu breit ausgewalzt wird. Das aber bleibt Makulatur. „Aller Tage Abend“ ist jedenfalls einen Theaterabend wert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2014)