Petroşani: Die arme Stadt der Bergarbeiter

Petroşani
PetroşaniDuygu Özkan
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In der Siedlung Colonia im rumänischen Petroşani haben früher die stolzen Kumpel gewohnt, heute ist hier das Armenviertel. Die, die können, gehen in den Westen Arbeit suchen.

Früher haben hier die Stolzen gewohnt, aber früher ist lange her. Von den guten Zeiten ist in der Siedlung Colonia mit den ebenerdigen Wohnhäusern nur die Erinnerung geblieben. Auf den eisigen Wegen ist kaum jemand zu sehen, nur zwei Hunde streifen an einer Hauswand entlang und kläffen ratlos vor sich hin. Die zerschlissene Wand im Gang ihrer Wohnung hat Christine mit den Diplomen ihrer Kinder zugepflastert. Sie sitzt auf der Couch ihres Wohnzimmers, das wie eine Miniaturausgabe eines Wohnzimmers aussieht, und knetet die Hände auf dem Schoß.

Sieben Kinder hat Christine, und mit ihrem Mann sind es neun Leiber, die sich jeden Tag in die kleine Wohnung quetschen. Christine, 42, hat die braunen Haare lose zusammengebunden, trägt eine Jacke mit angenähten Schmetterlingen, eine grau karierte Hose und hat einen trüben Blick.

Seit über zehn Jahren wohnt sie in Colonia, einem Stadtteil Petroşanis im südwestlichen Rumänien mit rund 37.000 Einwohnern. Ihr Mann arbeitet bei den örtlichen Gaswerken, mit seinem Gehalt und der staatlichen Hilfe für die Kinder lebt die Familie von 250 Euro im Monat. Wie der eisige Wind durch Colonia kriecht die Armut durch Rumänien: 42 Prozent beträgt die Armutsrate, während sie im EU-Durchschnitt bei knapp 25 Prozent liegt. Betroffen sind laut Eurostat vor allem Kinder. Und: Nur 20 Prozent der Bevölkerung verdient mehr als 350 Euro monatlich.

Zur Armut gesellt sich seit der Gültigkeit der Personenfreizügigkeit in EU-Länder ein neues Problem: Immer mehr Rumänen verlassen ihr Land, um im Westen nach Arbeit zu suchen. Viele von ihnen lassen ihre Familien zurück – allein in Petroşani sind 250 Jugendliche ohne Eltern oder Elternteil.

Auch Christine ist fünf Jahre lang in der Sommersaison in den Süden gefahren. In einer Kleinstadt am Stöckel des italienischen Stiefels hat sie in einem Restaurant Geschirr gewaschen. Mit dem dort verdienten Lohn ist die Familie fast ein ganzes Jahr lang über die Runden gekommen, aber Christine möchte nicht mehr ins Ausland. Die Kinder gehen über das Geld, sagt sie.

Der Bürgermeister von Petroşani, Florin Iacob-Ridzi, versteht den Abzug der Arbeitskräfte freilich als nationales Problem. Er könne dieser Entwicklung kaum etwas entgegensetzen – außer die sozialen Leistungen für die zurückgebliebenen Familienmitglieder zu erweitern. Sein Fokus liege auf Bildung, und dafür wolle er mit NGOs wie der Caritas, die in Petroşani tätig sind, zusammenarbeiten.

Dezentralisierung. Früher haben die Wände von Christines Wohnung Bergarbeiter beherbergt, die in Petroşani Steinkohle abgebaut haben. Noch zu Zeiten des Diktators Nicolae Ceauşescu verdienten Kumpel mehr als jeder Arzt, waren auf der Gesellschaftspyramide ganz oben. Die Wende nach 1989 läutete das Ende der Industriewerke ein. Die, die konnten, sind längst gegangen.

Heute ist Colonia verfallen und eines von zwei Armenviertel der Stadt. Hier wohnen auch viele Kinder – wie jene von Christine –, die das Caritas-Tageszentrum Maria Stein besuchen. Das Zentrum befindet sich ein paar Autominuten von Colonia entfernt, direkt neben einem Kleidergeschäft, dessen Schaufenster Plastikkleider in schreienden Farben zeigen.

Die Kinder haben an den Wänden bunte Abdrücke ihrer Hände hinterlassen. Sie sitzen aufgeregt im bunt bemalten Klassenzimmer und kleben in Kleingruppen Plakate, die später Wolken, Wiesen und Häuser zeigen sollen. Jeden Mittag, nach der Schule, kommen insgesamt 55 Kinder ins Zentrum, wo sie Essen, Hausaufgabenhilfe und psychologische Betreuung erhalten. Auch die Eltern werden eingebunden: Sie erhalten hier Beratung und bringen sich aktiv in das Zentrum ein. Bis voriges Jahr erhielt Maria Stein noch finanzielle Zuschüsse vom Staat. Jetzt wurden sie gekappt, sagt András Márton, Caritas-Direktor der Diözese Alba Iulia.

Die Dezentralisierungstendenz in Rumänien betrifft nicht zuletzt die Sozialleistungen: „Die Verantwortung wird an lokale Behörden übertragen, aber die Rahmenbedingungen wurden nicht geschaffen“, sagt Márton. Hinzu komme, dass zu Zeiten der Diktatur jede Art von Selbstorganisation verboten war. Das wirke immer noch nach. Mártons Ziel ist es, dass in Petroşani keine Straßenkinder mehr zu sehen sind und dass so viele Kinder wie möglich die Schule positiv abschließen. Leichter werde dieses Vorhaben nicht.

Die Reise der Autorin wurde unter anderem mit Mitteln von Caritas-Sponsoren ermöglicht. Spenden für das Zentrum Maria Stein an Caritas: Erste Bank 012-34560, BLZ 20111, Kennwort: Kinder in Not.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2014)

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