Porträt: An egg a day

Vom Stall zu Roslin ins Stammzell-Dorado Singapur: Alan Colman, einer der "Väter" des Klonschafs "Dolly", ist an vielen vorderen Fronten der Molekularbiologie. Ein Porträt.

It was a momentous time." Es ist gar nicht so einfach zu übersetzen, aber man muss es auch nicht übersetzen, man versteht schon so, dass es ein gewichtiger und folgenschwerer Moment war, den Alan Colman am 5. Juli 1996 knapp verpasste: "Direkt bei der Geburt war ich nicht dabei, ich kam erst etwas später, weil ich unseren Tierarzt holen musste. ,Dolly' wurde mit einem bösen Fieber geboren, sie brauchte Antibiotika." So war es im Stalle zu Roslin, einem Ort bei Edinburgh, der allenfalls Mythenkundigen ein Begriff war: In Roslin Chapel, einem Nachbau des Tempels in Jerusalem aus dem Jahr 1446, soll der Heilige Gral eingemauert sein, das Mirakel des Mittelalters.

Nun gab es Konkurrenz, in einer Viertelstunde Fußweg stehen die Zweckbauten des Roslin Institute und der Firma PPL Therapeutics, dazwischen satte Wiesen und Ställe, darauf und darin Molly, Polly und andere Schafe, denen Gene eingebaut waren, mit denen sie in der Milch Medikamente produzieren sollten. Auch an Schweinen arbeitete man, bei ihnen wollte man Gene ausschalten, um ihre Organe auf Menschen zu transplantieren, ohne das Immunsystem zu sehr zu wecken. Aber beide Strategien litten am gleichen Problem: Die Fremdgene ließen sich nicht exakt platzieren, und die eigenen Gene ließen sich nicht exakt ausschalten.

Die Lösung war "Dolly". Sie blökte wie alle anderen auch, aber sie war einzig, an ihr wandte Colman an, was er an Fröschen gelernt hatte, das Klonen eines ausgewachsenen Tiers. Dazu muss man erst einmal Biologie studieren, Colman, heute Mitte 50, entschloss sich in den Fünfzigerjahren dazu, als ihm auffiel, dass auf den Bäumen im heimatlichen Manchester eigenartige schwarze Schichten wuchsen. "Ich dachte, es wäre ein biologisches Sekret der Rinde, aber es war Ruß aus den nahegelegenen Fabriken." Trotzdem blieb er bei der Biologie - der beste Rat, den er je erhalten hat? "Nicht Arzt werden!" -, er studierte in Oxford, spezialisierte sich auf Embryologie, wählte als Doktorvater John Gordon, der in den Sechzigerjahren den Zellkerntransfer - die Übertragung der Gene von einer Zelle auf die andere - an Fröschen entwickelt hatte. Es folgten Lehre und Forschung an den Universitäten Oxford, Warwick und Birmingham: "Meine Spezialität war es, an Froscheiern - das sind sehr große Zellen - die Sekretion von Proteinen zu beobachten." Nicht nur von Frosch-Proteinen, Colman injizierte auch DNA-Stücke von Menschen.

Und die Eier produzierten menschliche Proteine. "Ich habe einem Risikokapital-Geber erzählt, dass ich auf diesem Weg menschliches Interferon herstellen könnte, und er hat mir empfohlen, eine Firma zu gründen. Aber ich habe ihm auch erzählt, dass ich 365 Tage im Jahr arbeiten könnte und am Ende gerade genug Interferon hätte, um eine leicht erkrankte Maus zu kurieren." Aber die Idee war da, Colman dachte an größere Eier, die von Hühnern, ein Slogan fiel ihm auch ein: "An egg a day would keep the doctor away!" Er trieb Geld auf und suchte ein Labor, das die Arbeit für ihn machen könnte. Das hat er teilweise bereut - was war der schlechteste Rat, den er je erhielt? "Dass die akademische Forschung mir auch dann trauen würde, wenn ich einmal in die Industrie gegangen wäre."

Aber er bereut wirklich nur teilweise - und hat auf die Frage nach dem schlechtesten Rat noch eine Antwort: "Dass ich mir ein Spiel des FC Liverpool anschauen sollte" -, er fand ein Labor, das Roslin Institute. Dort versuchte man, transgene Schafe herzustellen, die Medikamente produzieren. Nebenan siedelte sich PPL an, die Firma hatte ähnliche Pläne, Colman war seit 1987 dabei, man kam gut voran, 1991 wurde Tracy geboren, das erste Schaf, das menschliche Proteine produzierte, aber nicht genug, der exakte Einbau der Gene klappte nicht.

Der klappte damals nur - es kommt wirklich alles zusammen in "Dolly" -, wenn man die Gene in embryonale Stammzellen einbaute. Für diese Zellen gibt es eine enge Definition - sie müssen sich (a) in jede Körperzelle differenzieren können, und aus jeder einzelnen muss (b) ein ganzes Lebewesen entstehen können -, erfüllt werden beide Kriterien nur von Labormäusen. Nur bei ihnen wird aus einer einzigen Zelle ein ganzes Tier, das geht bei keinem anderen Säugetier, nicht bei wilden Mäusen, nicht bei Ratten, bei Menschen auch nicht - die Rede von humanen embryonalen Stammzellen ist halb metaphorisch -, man hat lange und intensiv gesucht. Auch bei Schafen war dieser Weg zum exakten Gen-Platzieren nicht offen, man brauchte einen anderen. Und man fand ihn, im Klonen, dem Transfer eines Zellkerns mit seiner DNA von einer Zelle zur anderen, von einer ausdifferenzierten Zelle auf eine Eizelle. Das hatte Colman an den Froscheiern gelernt, daran arbeiteten auch die Nachbarn im Roslin Institute, Ian Wilmut und Keith Cambell.

Der Rest ist bekannt, alle drei gingen als "Väter" Dollys in die Geschichte ein, und Colman ist nicht nur im Humor britisch, er erinnert auch an die meist vergessene Vierte im Spiel: "Die Idee, ausdifferenzierte Körperzellen zu verwenden, kam von Angelika Schneike, PPL." Aber aller Ideenreichtum half nichts, PPL geriet ökonomisch ins Strudeln, 2001 ging Colman ans andere Ende der Welt, nach Singapur, zu ES Cell International, "ES" heißt "embryonale Stammzelle", gemeint sind die von Menschen, in Ostasien sind die Gesetze liberal. Aber das sind sie auch in England, wo liegt der Reiz Singapurs? "Im Enthusiasmus, der Infrastruktur, der Hingabe - nur nicht im ,Tiger-Bier'".

P. S.: Dolly ist am 14. 2. 2003 gestorben, aber ihr Geist geht um, Colman und Wilmut haben alle Lippen voll damit zu tun, vor der Übertragung ihrer Idee auf Menschen zu warnen. Aber sie sitzen in der Falle, sie arbeiten am "therapeutischen Klonen", dem Versuch, die DNA einer Körperzelle in eine entkernte Eizelle zu bringen, aus ihr Stammzellen zu gewinnen und daraus Transplantate zu ziehen. Technisch gibt es keine Unterschiede zu Dolly - und je weiter Colman & Co die Technik verfeinern, desto näher rückt die Kopie eines Menschen.

Colman kommt zu den Technologiegesprächen des Europäischen Forums Alpbach, die vom ORF, der Industriellenvereinigung und den Austrian Research Centers in Kooperation mit Ministerien und der "Presse" veranstaltet werden. Getagt wird vom 25. bis zum 27. August in prominenter Besetzung: Neben den Nobelpreisträgern Paul Crutzen (Chemie), Riccardo Giacconi (Physik) und Gerard 't Hooft (Physik) trägt auch der Biologe Richard Dawkins vor. Details und Anmeldeformulare: www.alpbach.org

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