Reflektierende Flächen, die das eigene Bild zeigen, faszinieren nicht nur den Menschen, und gehörte Laute werden auch von Tieren mit Bedeutung ausgestattet. Reflektieren sie? Ein Spiegelgefecht.
Wann immer Zeus bei den Nymphen war, und das war er oft, stand eine von ihnen Wache, Hera aufzuhalten, die wusste, wo sie ihn zu suchen hatte. Aber sie fand ihn nie, Echo, die Wächterin, verwickelte sie in Geplapper, bis die Szene im Hintergrund sich beruhigt hatte. "Wie das Hera merkte, sprach sie: ,Der Zunge Gewalt, die mich arglistig betrogen, soll dir gering hinfort, und kurz der Stimme Gebrauch sein!'" Die Verfluchte kann kein Gespräch mehr beginnen, sie kann auch nicht mehr selbstständig antworten, nur die letzten Worte des Gehörten wiederholen: sich nur im Anderen ausdrücken. ",Einen wir uns'", echot sie, als der Schönste ihr begegnet und sie auffordert: ",Vereinen wir uns!'" Sie will ihn umarmen, er stößt sie weg, vor Gram schrumpft sie, bis sie nur noch Stimme ist, kein Leib mehr.
Er zieht weiter, weist viele ab, dafür trifft auch ihn ihn ein Fluch - "So mag lieben er selbst, so nie das Geliebte besitzen!" -, er kommt zur Quelle, an der noch niemand war, nichts trübt den Spiegel. Dann verliebt er sich, und langsam erst dämmert es ihm: ",Was tun? Dass ich vom eigenen Leib mich doch zu trennen vermöchte!'" Er hat das umgekehrte Problem wie Echo, er kommt nicht von sich weg und hin zum Anderen, auch er grämt sich zu Tode, wird "ein Blümlein safrangelb, um die Mitte besetzt mit schneeigen Blättern". Der Mythos von Echo und Narkissos hat es in sich, Ovid holt weit und tief aus in die Tücken von Wahrnehmung, Kommunikation und Reflexion. Was hören wir, wenn wir jemanden hören, was sehen wir, wenn wir uns sehen? Und was sehen und hören die, die in der Evolution vorgearbeitet haben? Oder hören nur wir Bedeutung, erkennen nur wir uns selbst?
An Gelegenheit fehlt es den anderen auch nicht, reflektierende Flächen gibt es in der Natur, jedes Tier blickt an der Tränke hinein. Teilt eines das Entsetzen des Narkissos, das Entzücken der Narzissten, den Zorn der bösen Königin, deren Spiegel die Wahrheit nicht im Bild, sondern in Worten ausplaudert? Wir nutzen Spiegel zur Selbstvergewisserung in doppelter Hinsicht: Sie zeigen uns, dass und wie wir sind - jede/r als Individuum -, und sie ziehen uns in den Akt der Reflexion, in dem wir uns darauf besinnen, was wir als Art sind: eben die, die reflektieren, sich selbst und die anderen erkennen und unterscheiden. Damit werden wir zu sozialem Handeln fähig, wir können uns in andere hineinversetzen - in ihre Gefühle, ihr Denken, ihre Absichten -, und wir wissen, dass sie sich in uns hineinversetzen können, wir haben eine "theory of mind", wie das Bewusstsein heute heißt.
Was sehen die anderen an der Grenze von Wasser und Luft? Anthropoide Affen - Gorillas, Schimpansen, Orang-Utans - erkennen sich, Tümmler auch. Das zeigt der "mark test", bei dem man eine ohne Spiegel unsichtbare Stelle - die Stirn - farbig markiert. Stutzt das Tier und untersucht es die Stirn, wird ihm "Mirror-Self-Recognition" zugesprochen, "Spiegel-Selbst-Wahrnehmung". Außer der Handvoll kann das keiner - kam es mit einem Schlag, gibt es eine scharfe Grenze zwischen den Privilegierten und dem Rest der Schöpfung? Die vergleichende Psychologie neigt dazu: Man hat das Vermögen der Selbsterkenntnis, oder man hat es nicht. Entwicklungspsychologen denken eher in einem graduellen Modell, in dem sich die ersten Stufen der "Mirror-Self-Recognition" im "mark test" nur nicht zeigen.
Die Front ist hart, Primatologe Frans de Waal will sie unterlaufen, mit einem kleinen Blickwechsel: Er stellt bei Kapuzineraffen - sie leben sozial - eines außer Streit: Sie erkennen sich im Spiegel nicht. Was sehen sie dann, einen Fremden? Die "erstaunlich vernachlässigte Frage" hat de Waal experimentell so geklärt: Er hat Kapuzineraffen entweder (a) sich selbst im Spiegel oder (b) einen vertrauten Anderen oder (c) einen Fremden sehen lassen. Sie reagieren in jedem Fall anders: Bei Vertrauten schauen sie nicht lange hin, bei Fremden schon, beim Spiegel auch, aber intensiver, sie suchen verstärkt Augenkontakt, "vor allem die Weibchen ,flirten' fast mit ihrem Spiegelbild" (Pnas, 18. 7.). "Ich bin es", können sie sich nicht sagen, vielleicht sagen sie sich "Da ist niemand" - kein Fremder, den man fürchten müsste - oder "Da ist ein seltsamer Anderer". De Waal erwägt die Hypothesen, entscheiden kann er sie nicht, aber der Zwischenblick - kein "Ich", kein "Fremder" - stützt die einer graduellen Entwicklung des Bewusstseins.
Reden sie wirklich mit sich, kann man ihnen so anthropomorph etwas in den Mund legen? De Waal ist bekannt bis berüchtigt dafür, dass er in Affen vieles sieht, was andere uns vorbehalten wissen wollen. "Wenn die Sinne stark erregt werden, werden die Muskeln in Aktion geworfen; als Folge werden laute Töne geäußert, wie still das Tier sonst auch sein mag, und obwohl die Töne keinen Nutzen haben mögen." So beschrieb es Darwin in "The Expression of Emotions in Animal and Man", er fügte hinzu, dass Töne mit Schmerz/Lust verbunden werden und Bedeutung haben können: Der brüllende Löwe zeigt seinen Furor und "bemüht sich damit, Terror unter seinen Feinden zu verbreiten"; der Balzruf signalisiert "die Vorwegnahme des stärksten Vergnügens, das Tiere fühlen können", und geht darauf, "Weibchen zu entzücken oder zu erregen".
Das hat man fast 150 Jahre so verstanden, dass Tiere mit ihrer Stimme Emotionen ausdrücken, sonst nichts, selbst Jane Goodall hütet sich - "Schimpansenrufe sind, zum größten Teil, von Emotionen diktiert" -, der Linguist Bickerton dekretierte noch 1990, Vokalisierungen von Tieren seien "automatisch". "Chick-a-dee! Chick-a-dee!", rufen Schwarzkopf-Meisen in Nordamerika dazwischen, und sie rufen nicht immer gleich: Sehen sie einen Raubvogel kreisen oder die Katze heranschleichen, verändern sie Tonhöhe und Ruflänge, hängen bis zu 15 "dees" an, informieren auch über Art der Gefahr und passende Strategie, die Warnung vor Raubvögeln heißt "abducken, verstecken!", die vor der Katze "zusammenrotten, verjagen!" (Science, 308, S. 1934). Über ähnliche Alarmrufe verfügen viele soziale Tiere, die Meister sind Erdmännchen in Südafrika, sie warnen differenziert vor fliegender, schleichender, kriechender Unbill: Raubvogel, Kojote, Schlange! Und: Noch weit weg, ab in den Bau! Sehr nahe, Versteck suchen!
Warnen sie im Ernst, geben Sie Information, nicht nur Emotion, sondern Bedeutung? Anders herum: Wie entsteht Sprache? Um Bedeutung auszudrücken oder um etwas anderes zu vermitteln? Gibt es Vorstufen oder wieder einen Privilegierten - einen -, der sich mit Recht "Krone der Schöpfung" nennt, weil ihn sonst niemand versteht? Der Streit ist noch härter als beim Spiegelbild: "Über die Jahre ist - von uns und anderen - viel Tinte darüber vergossen worden, ob Vokalisierungen von Tieren eine referenzielle Komponente haben könnten", erinnern Robert Seyfarth und Dorothy Cheney (Psychologie und Biologie, University of Pennsylvania): "Und wenn ja, wie referenzielles und affektives Signalisieren zusammenhängen" (Annual Review of Psychology, 54, S. 145).
Seyfarth/Cheneys Lösung ist eines Salomo würdig, wieder hilft ein Blickwechsel, er fördert einen Überschuss zutage, den ein Sender in ein Signal gar nicht hineinpackt - und den ein Empfänger doch herausholen kann: Wenn man mit einem Kind spazieren geht und es bei jeder Erdbeere juhut, dann äußert es eine Emotion, sonst nichts. Aber wir lernen rasch, dass das Juhu bei Erdbeeren kommt, in der Emotion steckt eine Information, wir können sie zuordnen. So ist es auch bei sozialen Tieren, einen Gehalt verbinden sie mit ihren Rufen nicht. Zwar warnen sie nur, wenn Artgenossen in der Gegend sind, aber sie informieren nicht mit Absicht und über Inhalte, sie pfeifen oder schreien vor Schreck. Aber im Pfiff oder Schrei ist mehr, man muss nur lernen, was es meint - das Echo im eigenen Kopf.
"Der Hörer, nicht der Sprecher bestimmt die Bedeutung einer Aussage", war eine der vielbödigen Provokationen, mit denen der Philosoph Heinz von Foerster gerne Verwirrung stiftete - "grunz", ergänzte er, er rede, wie jeder andere auch, nicht in bedeutungsvollen Wörtern, sondern in "Grunz- und Zischlauten", die erst im Kopf des anderen Bedeutung erlangen und sie im selbstregulierenden System der Sprache behalten. Dieses System hat - bis zur nächsten Überraschung de Waals - außer uns niemand, es gibt die Freiheit zur aufgestuften Reflexion über die grobmaterielle Reflexion von Licht und Schall, epistemologisch, ethisch, ästhetisch. Was werfen Spiegel und Echo uns zu? Der eine gibt uns das ganze Bild, aber verkehrt, seitenverkehrt, das andere einen Torso, der aber neue Bedeutung öffnen oder alte zerstören kann. "Wer ist da?", fragt Narkissos, als er Echo hört, er will etwas Konkretes, einen Namen, er erhält ein abstraktes "Da", das ist nirgends und überall.
Wie fangen wir es auf? Tasten wir, wie die Griechen vermuteten, die Welt aktiv mit einem "Sehstrahl" ab - auch mit dem bösen Blick, den nur eine Waffe bezwingt, der Spiegel, Gorgo, Basilisk -, oder sind wir passive Widerspiegler? Vor allem beim Schall, wir müssen hören, ob wir wollen oder nicht - erst dann können wir aktiv werden und Bedeutung herstellen -, die Augen können wir schließen oder wenden. Aber auch die Macht über den Blick entgleitet uns, wenn wir in ein Spiegelkabinett geraten, gar in das des Echos. Der Schweizer Allroundkünstler Andr© Thomkins, halb Surrealist, halb Dadaist, hat es erfunden: "Oh cet ©cho!"